Der Mord an Anna Politkowskaja berichtet nicht von einer anderen, fernen Welt - sie ist auch unsere. In bewegenden Worten erinnerten Schriftsteller und Publizisten bei einer Gedenkveranstaltung (siehe auch: Die Gedenklesung für Anna Politkowskaja) an eine beherzte Journalistin und Kämpferin für die Wahrheit. Eine Dokumentation.
Mainat Abdullajewa
Der kaltblütige Mord an Anna Politkowskaja wurde unter anderem deshalb möglich, weil sie in ihrem Bestreben, der Welt die Wahrheit über die Greueltaten der russischen Macht in Tschetschenien zu erzählen, einsam geblieben war.
In der Situation, da die Machtinhaber in Rußland vollkommen davon überzeugt waren, unbestraft Verbrechen begehen zu dürfen, glaubte sie an die Wichtigkeit des Wortes.
Sie glaubte, durch das Nichtschweigen vieles erreichen zu können. Deshalb ist es für uns, ihre Kollegen und Freunde, wichtig, auch weiterhin jene Wahrheit zu sagen, die Anna Politkowskaja in sich trug und für die sie mit ihrem Leben bezahlen mußte.
Wolfgang Büscher
Die Frontstaaten des alten Europas tun Dinge, die dem alten Europa als barbarisch erscheinen. Kaukasus, Ostanatolien, Nahost - wir sind von einem cordon sanitaire aus lauter kleinen, dreckigen Kriegen umgeben. An unseren fernen Grenzen wachen Monster. Diesjährige Preisfrage der imaginären alteuropäischen Akademie: Wollen wir das? Und glaubt wirklich noch jemand, daß unsere überlegene Ökonomie auch diese Dinge schon richten werde und es weiterer geistiger Mühen nicht bedürfe?
Péter Esterhàzy
Was bringt diese Lesung, fragte jemand nach der Veranstaltung. Bringen? Ich glaube nicht, daß sie viel bringen muß, sie muß nur stattgefunden haben. In der Nähe des Todes ist es schwer zu sprechen. Oder zu lesen, oder zu schreiben. Neben dem Tod scheint das Wort leicht, leer und lächerlich zu sein. Es ist auch so. Der, der mit Schreiben zu tun hat, kennt dieses Gefühl, das Gefühl der Überflüssigkeit. Und trotzdem.
Auch für dieses „trotzdem“ waren wir Samstag nachmittag zusammen. Und für diese Frau, Kollegin, Anna Politkowskaja, die dieses „trotzdem“ jetzt verkörpert. Jeder hat sein eigenes „trotzdem“, dem er treu sein soll.
Dieser Mord berichtet nicht von einer anderen, fernen Welt - sie ist auch unsere. Es ist nicht unlogisch, wenn wir Angst haben. Trotzdem.
Jana Hensel
Die Nachricht von der Ermordung Anna Politkowskajas hat mich sehr erschüttert. Auch wenn ihr Leben nichts mit meinem zu tun hat; auch wenn ich nie in einer auch nur vergleichbaren Situation war. Vielleicht hat ihre Ermordung eine Art Phantomschmerz ausgelöst. Ich bin in der DDR aufgewachsen.
Erst in der letzten Woche, da lebte Anna Politkowskaja noch, war ich in Leipzig. Dort erzählte mir ein Mann, wie sehr er sich noch immer jeden Morgen über all die Zeitungen freue, die er nun lesen kann. Diese Freiheit hat Anna Politkowskaja für uns neu vermessen, indem sie sie mit dem Leben bezahlt hat. Fortan wird ihr Name jeden Journalisten und jeden Leser, die es ernst meinen, an diese Freiheit erinnern.
Thomas Hettche
Daß es möglich ist, Anna Politkowskaja zu ermorden, heißt: Jedem kann alles geschehen. Überall. Ist das neu? Nein!
Doch für die kleine Weile einiger Jahrzehnte durfte man es vergessen, hier in unserem gemütlichen Westeuropa. Vorbei.
Katja Lange-Müller
Warum ich dabei sein wollte? Weil Anna Politkowskja eine beherzte Journalistin war, eine den Menschen zugewandte Kämpferin - nicht primär gegen jemanden oder etwas, sondern für und um die Wahrheit. Ihre Vorstellung (die einzig mögliche) von Freiheit, unser aller Freiheit übrigens, setzte (und setzt) die Befreiung der Wahrheit selbst voraus. In ihrem Leben, das ihre Reportagen waren, suchte sie nichts so sehr wie die Nähe zur Wahrheit, die von diversen Lobbyisten im Interesse politischer, ideologischer und persönlicher Ziele immerfort manipuliert und instrumentalisiert, also entstellt und bedroht wird.
Anna Politkowaskja ließ in diesen bewußt unpolemischen Reportagen vor allem die Menschen zu Wort kommen, jene traumatisierten und kriegskranken, verarmten Menschen, die sonst wohl kaum gehört und noch weniger gelesen worden wären, Menschen, die des Terrorismus bezichtigt werden, damit man ihnen das Schlimmste antun kann, ohne das mitleidige Murren der „eigenen Bevölkerung“ befürchten zu müssen. Das ist die Wahrheit, die mit Anna Politkowskaja eine ihrer besten Freundinnen verloren hat.
Monika Maron
Anna Politkowskaja ist Opfer der kriminellen Menschenverachtung geworden, über die sie geschrieben hat. Wir können diesen Mord nicht ungeschehen machen, aber wir müssen unser Entsetzen und unseren Protest bekunden, wenn in einem Land, das ein Vetorecht im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat, Journalisten, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen, einfach abgeknallt werden.
Ich habe Anna Politkowskajas Intelligenz, ihre Erschütterbarkeit und ihren Mut bewundert, seit ich ihr Buch über den Krieg in Tschetschenien gelesen habe. Sie war nicht mutig, weil sie furchtlos war. Sie hat sich gefürchtet und trotzdem getan, was ihr Gewissen und ihr Mitgefühl von ihr gefordert haben.
Peter Merseburger
Sie war das russische Gewissen im blutigen Tschetschenienkrieg. Und sie war die idealtypische Reporterin, die kühle Analyse lieber langweiligen Leitartiklern überließ. Sie schaute genau hin und schrieb über das, was sie sah und nicht, über das, was sie im Sinne der Machthaber sehen sollte. So schrieb sie über Folter, Vergewaltigung, Plünderung, Mord und Verwüstung, ja Verödung ganzer Landstriche - „ich schreibe auf, was ich erlebe“, sagt sie in einem ihrer Bücher und betont, sie bringe lediglich „emotionale Randnotizen“ zum Leben im heutigen Rußland. Sie schilderte, was sie sah, und bewegte damit viel - mehr jedenfalls, als die Machthaber wünschen konnten.
Daß eine Reporterin für genaues Hinsehen im Reich Putins mit dem Leben bezahlt, zeigt, wie meilenweit entfernt das Rußland Putins von Meinungsfreiheit und Zivilgesellschaft ist. Und wenn der russische Präsident in Dresden sinngemäß sagte, der Mord müsse aufgeklärt werden, weil er dem Ansehen Rußlands mehr geschadet habe als Anna Politewskaja mit ihren Artikeln dies getan habe - erklärt er das Opfer damit nicht doch zum Schädling Rußlands und ermuntert jene, die eine Liste solcher „Schädlinge“ führen, diese zu gegebener Zeit abzuschlachten - auch wenn er selbst nicht den Auftrag dazu gibt?
Dirk Sager
Am Anfang des Krieges fuhr Anna Politkowskaja in das Kampfgebiet am Kaukasus, weil sie hoffte, durch Berichterstattung das Unheil aufhalten zu können. Müßten sich nicht die Öffentlichkeit in Rußland und im Rest der Welt erheben gegen das Unglück, das dort über die Menschen kam? Aber der laute Aufschrei blieb aus. Es gab keinen, der sich dem russischen Präsidenten und seinen Militärs entgegenstellte. Dennoch fuhr sie fort, aus Tschetschenien zu berichten - auch als sie schon begriffen hatte, daß sie in einer tauben und blinden Welt auf Beistand für das Leben der Elenden nicht rechnen konnte.
Jedes Mal sah sie in die Augen der unglücklichen Menschen, die um Hilfe flehten, und wußte, daß sie nicht zu helfen vermochte. Allein eine Stimme konnte sie ihnen geben, eine Chronik ihrer Leidensgeschichte schreiben, das Totenbuch führen. Das war es ihr wert und daran ist ihre Kraft zu messen. Ob sie Angst hatte? Natürlich mußte sie Angst haben, nicht nur in den Kriegswirren Tschetscheniens. Sie wußte, daß sie in einem Land lebt, das sich mit sich selbst im Krieg befindet. Was wir tun können? Wir dürfen diejenigen, die in Trauer auf dem Friedhof von ihr Abschied nahmen, nicht der Einsamkeit überlassen und auch jene nicht, die zur Beerdigung nicht kommen konnten, weil sie in Tschetschenien leben.
Ingo Schulze
Es kann jetzt nur darum gehen, daß die Mörder von Anna Politkovskaja gefaßt werden, damit ihre bedrohten Kolleginnen und Kollegen, von denen einige inhaftiert sind und mit Morddrohungen leben müssen, nicht völlig entmutigt werden. Eine wache Öffentlichkeit und politische „Nachfragen“ sind das Mindeste, was wir tun können.
Gerade das offizielle Deutschland, das läßt sich bei Anna Politkowskaja nachlesen, hat diejenigen, die in Rußland und Tschetschenien für Menschenrechte und Demokratie ihr Leben riskieren, wie auch die Opfer des fortdauernden Tschetschenienkrieges bisher im Stich gelassen. Vergessen sollten wir nicht, daß sich die russische Führung in ihrem „Krieg gegen den Terror“ und islamistische Fundamentalisten auch auf ein US-amerikanisches Muster berufen kann.
Emine Sevgi Özdamar
Liebe Anna Politkowskaja,
ich habe meine Mutter sehr geliebt. Wenn in der Welt wieder ein Verbrechen passierte, zitierte sie mir aus der „Zauberflöte“ Pamina:
„Die Wahrheit! Die Wahrheit, / Sei sie auch Verbrechen.“
Als sie starb, dachte ich, wieviel ihrer Wahrheit liebenden Wörter hat sie mit sich genommen.
Anna, Deine Wörter, die die Wahrheit so geliebt haben, liegen jetzt mit Dir unter der Erde. Die Wahrheit ist wieder ein Waisenkind geworden, und wir bleiben in den Händen von Verbrechern zurück.
Stalins kalte Hand
Etienne Corbeille (Etienne6)
- 16.10.2006, 02:36 Uhr
Art des Verlustes
Kamil Khadisov (Kkkama)
- 16.10.2006, 12:32 Uhr