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Veröffentlicht: 28.12.2012, 14:31 Uhr

Gedanken eines werdenden Vaters Lasst mich bloß nicht hängen!

Gefährdet die Feindiagnostik mein Baby? Lässt der Verzehr von Fischöl sein Gehirn schön groß werden? Und wenn es erst einmal auf der Welt ist: Babybjörn oder Tragetuch? Helft mir!

von Malte Welding
© Agentur Bilderberg Mit den Kindern kommen die Fragen: Im indischen Orissa setzt man jedenfalls ganz auf selbstgemachte Wiegen

In sechs Wochen kommt mein erstes Kind zur Welt, und ich habe keine Ahnung, wie ich es von A nach B bekommen soll, ohne es dabei zu verletzten oder zu töten. Und diese Frage gehört noch zu den leichtesten.

In ihrer Kinderwagen-Untersuchung fand die Stiftung Warentest in jedem der geprüften Wagen Giftstoffe. Für Puppenkinderwagen würden strengere Vorschriften gelten, so die Tester. Spielzeug muss Grenzwerte für Weichmacher einhalten, ein Kinderwagen nicht. Wenn die Stiftung Warentest zu diesem Urteil kommt, fällt es einem natürlich schwer, einen Kinderwagen auszuwählen. Aber darf ich das Kind überhaupt rollen? Oder ist es dann nicht zu weit weg von mir? Ein Baby braucht doch Körperkontakt. Also lieber doch eine Babytrage? Der klassische Babybjörn?

“Ein Babybjörn geht gar nicht“, sagt meine Bekannte S., mit zwei Kindern die erfahrenste Mutter in unserem Freundeskreis. Tatsächlich schreibt eine wütende Mutter, sie habe die Trage in den Müll geschmissen, weil sie es „moralisch nicht vertreten konnte, das Teil bei Ebay zu versteigern“. Wirbelsäule und Hüfte des Kindes würden geschädigt.

Ich will nicht gegen den Rat meiner Hebamme handeln

“Ja“, bestätigt unsere Hebamme, „Babybjörn ist nicht gut.“ Stattdessen soll man ein Tuch benutzen.

“Tücher sind ganz furchtbar“, sagt S. „Da musst du Knoten können wie ein Seemann.“

Ein Seemann bin ich ganz und gar nicht. Das Kind würde sicher stürzen. Aber gegen den Rat meiner Hebamme will ich nicht handeln. Wer jetzt spottet, der soll das ruhig tun.

Kein Schwangerschaftslaie kann sich vor einer Schwangerschaft vorstellen, was an Entscheidungen auf einen zukommt. Das Entscheidungsdilemma wird ihn spätestens dann erwischen, wenn er dieses kleine Blinken auf dem Ultraschallmonitor sieht. „Das ist der Herzschlag“, sagt einem eine freundliche Medizinerstimme, und von diesem Moment an ist man der vorsichtigste Mensch der Welt.

Sollte ich mich jemals entscheiden können, wie ich mein Kind hin- und herbefördern will, kommt die nächste Frage auf mich zu: In welche Richtung soll es schauen? S. sagt: „Das Baby schaut zu mir, das ist doch ganz natürlich!“ Der Anthropologe Jared Diamond hingegen geht in der Erziehung seiner eigenen Kinder anders vor und erzählte neulich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, dass in Papua-Neuguinea die Kinder mit dem Blick nach vorne getragen würden. „Sie bekommen dann das Gefühl, die Welt zu beherrschen.“

„Natürlich“ ist heute das Schlüsselwort

Tatsächlich haben schon vor zwanzig Jahren Anthropologen des Max-Planck-Instituts in Papua-Neuguinea erforscht, wie es sein kann, dass die Kindersterblichkeit unter annähernd steinzeitlichen Bedingungen deutlich niedriger ist als in vielen entwickelteren Ländern. Es erwies sich, dass die Kinder dort unter optimalen Bindungsbedingungen lebten. Nie fühlten sie sich allein gelassen und durften doch selbständig die Welt erkunden.

Schreien die Kleinen, nimmt sie der nächststehende Erwachsene hoch, und trägt ihn an seiner Hüfte umher. Und eine gesunde Psyche führt zu einer gesunden Physis. So wunderbar nachvollziehbar es klingt, dass es für ein kleines Kind am besten ist, wenn es, sobald es sich grämt, von einem Erwachsenen an die Hüfte genommen wird, so fern liegt es mir, mein Ungeborenes auch nur im Geist den Hüften meiner mir völlig unbekannten Nachbarn anzuvertrauen.

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