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Gastbeitrag : Russland ist kein Bär, sondern eine Sau, die ihre Jungen auffrisst

  • -Aktualisiert am

Mitte September an der russisch-ukrainischen Grenze bei Krasnodon Bild: AFP

Wenn Putin sein eigenes Land schon nicht zusammenhalten kann, muss er dann noch expandieren? Warum wir sein aggressives Auftrumpfen nicht als legitime Verfolgung russischer Staatsinteressen hinnehmen dürfen.

          Zu den schmerzhaften Konsequenzen eines bewaffneten Konflikts - besonders wenn er, wie die jugoslawischen Auflösungskriege in den 1990er Jahren und jetzt der Krieg in der Ukraine, in unsere engere Lebenssphäre hineingreift - gehört es, dass man mit Menschen, die man schätzt und gut zu kennen glaubt, plötzlich keine gemeinsame Sprache mehr zu finden scheint. Kerstin Holms Artikel „Putins Stellenbeschreibung“, der den Konflikt in der Ukraine in den kaum ironisch verstandenen Kategorien einer „politischen Biologie“ erklärt, gehörte für mich zu diesen schmerzlichen Erfahrungen.

          Holms Berichte über Kultur und Alltag im postsowjetischen Russland haben uns zwei Jahrzehnte lang im Modus einer anteilnehmenden Beobachtung greifbar gemacht, wie sich aus den alten sowjetischen Partei-, Militär-, Geheimdienst- und Wirtschaftsnomenklaturen eine neue Machtträgerklasse und rentenkapitalistische Oligarchie bildeten, die in einer ähnlich großen Distanz zu ihren weitgehend rechtlosen, vielfach gegängelten Untertanen stehen wie noch jede frühere Elite; und wie dieses Land trotzdem oder gerade deswegen so viele wunderbar widerständige, eigensinnige und begabte Menschen hervorgebracht hat, darunter Künstler und Schriftsteller, die „Menschheitserfahrungen, die über das Menschliche hinausgehen, zu Gold gesponnen“ haben.

          Das wäre schön gesagt, bekäme es im Kontext von „Putins Stellenbeschreibung“ nicht einen geradezu umgekehrten Sinn. Wenn Putin es zu seiner Stellenbeschreibung (seinen Pflichten) zählt, im Namen eines angeblich gedemütigten Russland Territorialansprüche anzumelden, wie Europa und die Welt es seit den beiden Weltkriegen nicht mehr erlebt haben, so kann man dem nicht ausweichen. Wenn führende EU-Politiker erklären, mit einer Moskauer Regierung, die eine solche Agenda verfolgt, die vereinbarte „strategische Partnerschaft“ nicht fortführen zu können, ist das eine Selbstverständlichkeit.

          Standhaft ins Lager

          Kerstin Holm aber warnt, dass das saturierte westliche Europa sich mit einer solchen „Chaosstrategie“ mutwillig von einer eurasischen Kultur- und Erlebniswelt abschneide, in der die „menschlichen Probleme nackt und erbarmungslos auftreten wie die Wahrheit selbst“. Hier, in Russland, seien „unter einem Maximum an Leidensdruck und grobmotorischer Belastung“ von jeher die großartigsten Kulturleistungen produziert worden, ohne deren vitale Infusionen wir Bewohner der gemäßigten westlichen Breiten allenfalls noch einer Kultur fähig wären, die „vollends wattig und kastriert“ werden müsse.

          Es war Kerstin Holm, die uns viele der widerständigen Begabungen vorgestellt hat, als wir sie noch kaum kannten: die Lyrikerin Alina Wituchnowskaja etwa, die es schwerlich als eine Lebenssteigerung betrachtet haben wird, dass man sie als angeblich Drogensüchtige für anderthalb Jahre weggesperrt hat. Oder die tollkühnen Mädchen von „Pussy Riot“, deren schamanischer Hexentanz sich gegen die Blasphemie eines staatskirchlichen Patriarchats richtete, das mit Rolex am Handgelenk die Macht und die Waffen segnet, und die für ihren zweiminütigen Standup-Act standhaft ins Lager gingen. Wie sagte Achmatowa, deren Mann, der Dichter Gumiljow, erschossen wurde und deren Sohn im Lager verschwand: Russland gleiche einer Sau, die ihre Jungen auffresse.

          Eine tief verwurzelte Russlandfixierung

          Mit Russlands Kultur in Fühlung zu bleiben, heißt meines Erachtens ziemlich das Gegenteil von dem, was Kerstin Holm indirekt nahelegt: Es bedeutet, das repressive und aggressive Auftrumpfen Putins eben nicht als legitime Exekution russischer Staatsinteressen (was die Krim betrifft) und ansonsten bloß als eine gereizte Reaktion des russischen Bären zur Verteidigung seiner Höhle mitsamt „Vorfeld“ zu betrachten und hinzunehmen. Dazu ist diese Politik, wie zuvor in Tschetschenien, zu blutig, zu ernst - und zu kulturfeindlich. War nicht der Auslöser der angeblichen Bedrohung der russischen Bärenhöhle ein (wirtschaftlich begrenztes und keineswegs exklusives) Assoziierungsabkommen mit der EU - das mit einem (politisch und ökonomisch ungleich bindenderen) Zutritt der Ukraine zur Moskauer Eurasischen Union im Konflikt lag? Beim Sturz Janukowitschs durch die Hunderttausenden, die auf dem Maidan trotz Kälte und Kopfschüssen ausharrten, weil sie ihr Land im Griff einer kleptokratischen „Familie“ sahen, soll es in Wahrheit um den von Amerika inszenierten Zugriff der Nato auf den Flottenhafen Sewastopol gegangen sein, lesen wir, und dieser stelle seit jeher eine „tragende Säule des (russischen) Staatsgebäudes“ dar. Also erfand man eine „faschistische Gefahr“ für alle kurzerhand zu Russen erklärten russischsprachigen Bürger der Krim (obwohl niemandem ein Haar gekrümmt worden war), und inszenierte blitzartig eine generalstabsmäßig vorbereitete Annexion, wie man sie seit Saddam Husseins Invasion Kuweits nicht gesehen hat.

          Gleich darauf wurden, ähnlich generalstabsmäßig vorbereitet, die „Volksrepubliken“ in Donezk und Luhansk kreiert. Nach dem Muster der Krim werden die von Profis geführten bewaffneten Einheiten uns als lokale „Selbstverteidigungskräfte“ vorgestellt, dann aber werden ihre Sprecher in der staatlichen Nachrichtenagentur RIA-Novosti als legitime „Minister der Regierung Neurusslands“ zitiert, einer noch vagen Neugründung, für deren „Verteidiger“ Putin eben erst eine Kerze angezündet hat. Auf den Karten dieser großrussischen Ethno-Djihadisten sind die Gebiete östlich des Dnepr/Dnipro schon als „Neurussland“ eingezeichnet. Und wenn die Nordküste des Schwarzen Meeres von Abchasien bis Odessa und Transnistrien endlich zu Russland gehört, mutiert die zum amputierten Binnenstaat gewordene Ukraine zwischen Kiew und Lemberg von selbst (glaubt man) zum bloßen „Kleinrussland“, das an „Weißrussland“ grenzt. Wie sich die Begriffe fügen! Dann nähert man sich der Linie des Hitler-Stalin-Paktes von 1939, die viele - auch im Westen, gerade in Deutschland - als natürliche Sicherheitszone Russlands ansehen, oder, wie Kerstin Holm nonchalant schrieb, als „östlichen Vorgarten“ des russischen Bären, in dem Europa in seinem „ureigenen Interesse Ruhe“ schaffen sollte. Europa soll im „Vorgarten“ des Bären für „Ruhe“ sorgen?! In solchen Formulierungen gewinnen die russischen Sicherheitsobsessionen direkten Anschluss an eine tief verwurzelte deutsche Russlandfixierung, worin alles, was zwischen Berlin und Moskau liegt, in der Terminologie der Weimarer Zeit als unbestimmtes „Zwischeneuropa“ und ein von den westlichen Siegermächten erfundener „Cordon Sanitaire“ gefasst wurde, statt als Lebensort freier, souveräner Staaten und Völker.

          Ein neuer Zyklus der Überspannung

          Wenn es, wie Kerstin Holm richtig schreibt, zur „Stellenbeschreibung“ Putins gehört, dass er erst einmal sein eigenes, „in seiner Entwicklungsfähigkeit benachteiligtes, chronisch überanstrengtes Land“ zusammenzuhalten hat - warum konzentriert er sich nicht auf diese Aufgabe? Warum muss er expandieren, wenn er schon das eigene Land nicht bewirtschaften, mit brauchbaren Infrastrukturen versehen und zu einer bescheidenen Blüte bringen kann? Die heutige Russische Föderation als immer noch größter Territorialstaat der Welt hat ein Sozialprodukt von der Größe Frankreichs, welches noch immer vor allem auf Energie- und Rohstoffexporten beruht. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gelang es nicht, eine zivile Industriebasis und die dazugehörigen technologisch-wissenschaftlichen Potentiale zu erhalten oder neu zu begründen. Russland schrumpft, nicht nur an der Peripherie, sondern in seinen Zentralprovinzen, wo zehntausende Dörfer verlassen sind und Kleinstädte wie industrielle „Monotowns“ veröden. Die Bevölkerungszahl sinkt rapide, von den neunziger Jahren bis heute um rund acht Millionen. Die demographische Abwärtsspirale ist mit der in den entwickelten Ländern Europas nicht zu verwechseln. Vielmehr kombiniert sich hier eine niedrige Geburtenrate mit der massiven Abwanderung gerade der jüngeren, gebildeten, städtischen Schichten (eine Million im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends), vor allem aber mit einer fast auf afrikanischem Niveau stagnierenden Lebenserwartung der Männer, die wenig älter als sechzig Jahre werden.

          Mit seiner vielzitierten, vieldeutigen Formel vom Zusammenbruch der UdSSR als „größter geopolitischer Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ hat Putin einen tiefen Akkord in den zerrissenen Seelen seiner Subjekte angeschlagen. Schon damals, 2005, ging es ihm darum, „die Epidemie des Zerfalls Russlands“ zu stoppen und den Pfad der „tausendjährigen Geschichte seiner Staatlichkeit“ wieder aufzunehmen. Putin hat sich an die Spitze des Versuchs gestellt, alles, was in der Geschichte Russlands so total und so tödlich getrennt war, wieder zusammenzufügen: Zar und Stalin, Kirche und Geheimpolizei, weiße Generäle und rote Kommissare, die namenlosen Opfer des Terrors und die Organisatoren dieser Massenmorde. Einen Historiker kann es angesichts der Arrangements aus präparierten Figuren nur schaudern. Aber man muss dieses Symptom ernstnehmen als Zeugnis einer inneren Leere, räumlich wie historisch, ideologisch wie politisch, und jedenfalls einer fundamentalen Selbstunsicherheit. Um die Ukraine, die Stück für Stück zerlegt werden soll, wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen, muss man sich sorgen; so wie man sich auch um die fragile, vielfach gefährdete Europäische Staatengemeinschaft sorgen muss. Sicher ist aber, dass man sich um Russland in mittlerer und längerer Perspektive die weitaus größeren Sorgen machen muss. Aus den mutwillig vom Zaum gebrochenen Machtproben und abenteuerlichen Expansionen dürfte es nicht gestärkt hervorgehen. Vielmehr droht es, sich in einem neuen Zyklus der Überspannung wie in einem neuen circulus vitiosus zu fangen, getrieben von der Furie des Verschwindens.

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