15.01.2009 · Der tschechische Autor Michal Hvorecký versteht die Aufregung über den russischen Gas-Lieferstopp nicht. Für ihn liegen die Beweggründe der Gasprom-Chefs offen zutage: Es geht um die Verbreitung einer russischen Kultur der kalten Stille.
Von Michal HvoreckýIch verstehe die Empörung Europas über den Gas-Lieferstopp aufgrund des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine nicht. Nicht einmal die höchsten Beamten der Europäischen Union kapieren, warum die rotwangigen, forschen Unternehmens-Chefs von Gasprom so streng entschieden haben. Dabei ist es klarer als der Himmel über Moskau und St. Petersburg: Dies ist ein weiterer unvermeidlicher Schritt zur Verbreitung der einzigartigen russischen Kultur in der Welt.
Die undankbaren mitteleuropäischen Staaten inklusive meiner Heimat Tschechoslowakei forderten Anfang der neunziger Jahre den Abzug der russischen Truppen, die zwei Jahrzehnte lang den Frieden garantiert und die Verständigung zwischen den Nationen verteidigt hatten. Dank dieser Armee hat man auch in den Medien ständig russische Musik und Lyrik gehört, in den Kinos liefen fast nur russische Filme, sowjetische Bücher wurden massenhaft publiziert, in den Theatern standen sowjetische Stücke auf dem Spielplan. Alles vorbei und längst vergessen! Außerdem waren viele Bürger in unserem Land seit 1968 den russischen Soldaten gegenüber misstrauisch. Es war allerhöchste Zeit, von höchster Stelle aus gegen diese antirussischen Tendenzen einzuschreiten!
Väterchen Frost breitet sich aus
Zahlreiche Kunsttheoretiker sind der Überzeugung, es gebe nichts Besseres, als die Kunst buchstäblich am eigenen Körper erleben zu können. In den gelungensten Fällen erreicht dann das Kunstwerk einen Grad an Direktheit und faktischer Präsenz, der die Konfrontation zu einer intensiven psycho-physischen Erfahrung macht. Deswegen lag in diesem Fall die alte, oft bewährte Strategie des legendären Feldmarschalls Michail Kutusow nahe, die schon Napoleon in die Knie gezwungen hat: Väterchen Frost!
In mitteleuropäischen Wohnungen wird schon bald jene kalte Stille herrschen, die für das Leben des empfindsamen russischen Volkes so charakteristisch ist. In der Slowakei, die leider ihr gesamtes Erdgas von Russland bezieht, herrscht bereits der Notstand. Die Energiereserven reichen nur noch für wenige Tage, die Stromversorgung ist gefährdet. In vielen großen Stahl- und Automobilfabriken mussten die Mitarbeiter schon letzte Woche aus Energiemangel in Zwangsurlaub gehen.
Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico, der größte Putin- und Atomenergie-Fan unter den europäischen Sozialdemokraten, träumt davon, das abgeschaltete veraltete sowjetische Atomkraftwerk in Jaslovské Bohunice wieder in Betrieb zu nehmen. Nachbar Österreich droht daraufhin wütend mit Sanktionen, und wahrscheinlich kommt es sogar zum Blackout. Kein Strom, keine Heizung, kein Internet oder Telefon - das sind ideale Bedingungen für die Ausbreitung der russischen Kultur.
Den russischen Menschen verstehen
Die Slowaken werden in Mänteln und bei Kerzenlicht russische Literatur konsumieren, die sie so lange schmählich vernachlässigt haben. Selten findet man solche Minustemperaturen und dermaßen viel Schnee wie in den russischen Klassikern: In „Eugen Onegin“, „Anna Karenina“ oder „Doktor Schiwago“ schneit es oft so dicht, dass man einen Eiskratzer braucht, um die Buchstaben überhaupt noch zu erkennen. Und so einen Frost wie im „Archipel Gulag“ kann man sich bei uns überhaupt nicht vorstellen. Draußen herrschen monatelang minus vierzig Grad, in den Semljankas und Jurten ist es nur geringfügig wärmer. Hervorragende Verhältnisse für alle, die aufgrund verderblicher westlicher Einflüsse ein schlechtes Gewissen haben und sich endlich von ihren Sünden reinigen wollen.
Niemand muss sich um seine Zufriedenheit in der neuen Situation Sorgen machen, hat doch bereits Dostojewski gesagt: „Ach, das war ein riesiges Glück für mich: Sibirien, Zwangsarbeit! Einige behaupten, dass es schrecklich und empörend ist, sie erwähnen eine berechtigte Erbitterung ... Was für eine unverschämte Dummheit! Erst dort habe ich angefangen, gesund und glücklich zu leben, erst dort habe ich endlich mich selbst ..., Jesus Christus ..., den russischen Menschen verstanden.“ Was für eine edle und typisch russische Haltung, die sich nun endlich auch das Ausland zu eigen machen kann!
Die Weltgeschichte ist unvernünftig
Wer immer noch friert, wärmt sich mit Singen und Musizieren im Familienkreis am Samowar, der mit Holzkohle geheizt wird. Frostige Wintermotive findet man in den Partituren von Prokofjew, Tschaikowski, Glasunow und vielen anderen. Besonders mutige Fröstlinge dürfen dazu auch ihre ersten Ballettschritte ausprobieren.
Für extreme Kältewellen gibt es seit den Zeiten des Kommunismus ein geflügeltes Wort in der Slowakei: „Kalt wie in einem russischen Film“. Wenn es wieder so eisig wird, werden die Europäer endlich das Rätsel der russischen Seele verstehen, die sie schon seit der Aufklärung provoziert und zugleich fasziniert hat. Wie es der Held von Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ erklärt: „Man darf alles von der Weltgeschichte sagen, alles, was der perversesten Phantasie in den Sinn kommen mag, nur eines nicht: dass sie vernünftig sei.“
Sollte man deswegen verzweifeln? Die Antwort findet man wieder bei einem Russen, am Schluss der „Drei Schwestern“ von Tschechow: „Einmal findet alles Leiden seine Erklärung ...“