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Gangsterrap Härte zeigen, bloß nicht Opfer werden

 ·  Man stelle sich eine Gerichtsverhandlung vor, bei der weder Angeklagte noch Geschädigte gehört werden. Dazu gebe man noch ratlose Experten. So sah es bei der Münchner Tagung über „Porno“- und „Gangsterrap“ aus.

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Man stelle sich eine Gerichtsverhandlung vor, bei der weder Angeklagte noch Geschädigte gehört werden. Es ist nicht einmal sicher, ob die Geschädigten überhaupt geschädigt wurden - es besteht ein erster Verdacht, Beweise gibt es nicht, das schicken die Ankläger vorweg. Offenbar um ihren Verdacht zu erhärten, laden die Ankläger Fachleute ein. Die Expertenkommission kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Nicht nur stellt sie den Sinn der Verhandlung, sondern die Existenz des Gerichts in Frage.

Ankläger ist die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM), deren Aufgabe es ist, Medieninhalte zu prüfen und gegebenenfalls der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zur Indizierung vorzuschlagen. Um herauszufinden, was für wen gefährlich sein könnte, lud die KJM nun zum Thema „Liebeslieder waren gestern: Zur Jugendschutz-Problematik von Porno- und Gangsterrap“. Unter den Referenten waren Soziologen, Psychologen, Pädagogen und Sachbuchautoren, im Publikum saßen Rechtsanwälte, Jugendschützer, Lehrer, Polizisten. Wer nicht da war: Rapper wie Massiv, Sido, Frauenarzt und deren junge Fans. Was sonst noch fehlte: Studien, an denen abzulesen wäre, wie gerappte Verherrlichungen von Vergewaltigungen und vertextete Gewaltphantasien die Entwicklung der heranwachsenden Hörer beeinflussen.

Chauvinistische Machobiographie millionenfach verkauft

So kam es, wie es kommen musste: Die KJM samt Expertenrunde war ratlos. Fazit: So wie man vom Egoshooter-Spielen nicht zum Amokläufer wird, wird man vom Pornorap-Hören nicht unbedingt zum Sexisten oder gar Vergewaltiger. Aber nichts Genaues weiß man nicht. Einer der Zuhörer, ein Pädagoge, drückte die Verwirrung so aus: „Ich kann die Argumentationen gut nachvollziehen, aber was sage ich nun Eltern, die zu mir kommen und wissen wollen, was sie ihren Kindern erlauben sollen und was nicht.“

Unbestritten ist Rap die derzeit populärste und kommerziell erfolgreichste Jugendkultur. Die in skandalversessenen Medien völlig überrepräsentierten (wie der Leiter des Archivs der Jugendkulturen, Klaus Farin, kritisierte) Unterformen des Rap wurden Pornorap beziehungsweise Gangsterrap getauft. Beide leben von der Härte der Texte, die für Kontroversen sorgt. Eltern und Lehrer wettern gegen die diskriminierenden und gewaltverherrlichenden Aussagen der Lieder, während Musikkritiker dieser Art Rap die Kreativität absprechen. Die Rapper hingegen verweisen auf „authentische Lebensbeichten“ und den Markt. Der gibt ihnen recht - Sido ist einer der erfolgreichsten deutschen Künstler, Bushido hat seine chauvinistische Machobiographie millionenfach verkauft.

Eine von Sexismus umgebene Gesellschaft

Abgrenzung von Erwachsenen gehöre von jeher zur Selbstfindung von Jugendlichen, hieß es auf der Tagung oft, und wenn sich die heutige Elterngeneration politisch korrekt zeige, schimpften die Kinder erst recht auf Schwule. Paula-Irene Villa aber wollte einen zeitlosen Protestinstinkt junger Menschen nicht als alleinigen Grund für den Erfolg von Gewaltrap gelten lassen und verwies auf den Markt. Ihr interessanter Ansatz: Die heutige Jugend rebelliere nicht gegen die Eltern, sondern folge deren Idealen, sagte die Soziologin. In einer neoliberalen Welt, in der es immerzu „Mach was aus dir!“ heiße, sei nichts wichtiger, als Stärke zu zeigen - die vielzitierte Beschimpfung als „Opfer“ stehe als perfekte Chiffre für die Verlierer dieser Gesellschaftsordnung.

Das Übermächtige, das Abwertende, das Protzige, das Verfügen über andere - alles Ausdruck einer Abstiegsangst. Diese Art zu rappen, sagte sie, „ist eine angemessene Artikulation von jungen Menschen in harten, durchökonomisierten Zeiten“. Und die Ökonomisierung des Sozialen sei eine Entwicklung, an der die Jugendlichen wohl am wenigsten Schuld trügen. Außerdem finde sie es bigott, dass sich eine von Sexismus umgebene Gesellschaft über die Pornosprache von Musikern aufregt. Das saß.

Rappende Idole einladen

Deren Zielgruppe bestehe laut Pädagogikprofessor Uwe Sander aus elf bis 15 Jahre alten Jungen aus der Unterschicht. Das Alter ist die Krux: Raptypisch ist eine ironisierende Sprache, nur werde die von den Kindern nicht verstanden. Sehr wohl verstünden sie aber, dass Pornosprache und Gangstergehabe für Empörung, aber auch für Aufmerksamkeit bei den Erwachsenen sorgen. Die Semantik, die sich diese Altersgruppe mit ihrem (prä-)pubertären Protest beim Hören von Pornorap aneignet, sei „hochgradig defizitär“, sprich: Wenn Kinder zu jung sind, um reale und symbolische Ebenen zu trennen, wenn sie Liebe und Zärtlichkeit mit „Ficken“ und „Fotze“ assoziierten, dann leide ihre Entwicklung erheblich.

Was also tun? Für Studien bleibt kaum Zeit, bis Ergebnisse vorlägen, wäre es zu spät zum Handeln. Einhellig wurde vom Podium her der fromme Wunsch nach mehr Aufklärung in den Familien und mehr Medienpädagogik an den Schulen geäußert. Für ein Verbot der Lieder sprach sich nur der Kommunikationswissenschaftler Hans-Bernd Brosius aus - im Zweifel für die Ankläger. Verbote, widersprachen die anderen Fachleute, beruhigten nur die Eltern und reizten die Jungen umso mehr. Dass mit den Verboten nicht die Jugendlichen, sondern die Plattenfirmen getroffen werden sollen, wurde erwähnt, aber leider nicht diskutiert. Das nächste Mal sollte die KJM vielleicht neben den Wissenschaftlern nicht nur Kinder und ihre rappenden Idole einladen, sondern auch die wahren Experten: die Erwachsenen, die mit diesen CDs Geld verdienen.

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