27.03.2009 · Das Londoner Treffen der G-20-Staaten im April soll das wirtschaftliche Blatt mitten in der Krise zum Besseren wenden. Aber kann das gelingen? Eine historische Parallele stiftet da eher wenig Hoffnung.
Von Thomas StroblEin Gipfel in London steht bevor. Von dieser Zusammenkunft der großen Nationen des Welthandels wird der weitere Verlauf der Wirtschaftskrise entscheidend abhängen. Schuldner- und Gläubigerländer, Exporteure und Importeure, Industrieländer und Emerging Markets, Ost und West – alle werden ihre Politiker und Experten schicken, auf dass es dank weitsichtiger Beschlüsse konjunkturell wieder aufwärtsgehen möge. Die Banken sind gerade reihenweise zusammengebrochen, die Rohstoffpreise und die Börsenkurse sind ins Bodenlose gefallen, die Währungen spielen verrückt. Die Hoffnungen der Welt ruhen deshalb auf der bald beginnenden Konferenz. Werden die Mächtigen gemeinsame Wege aus der Krise finden? Oder folgt ein Rückfall in Protektionismus und nationale Alleingänge, die sich innenpolitisch gut verkaufen lassen?
Doch bereits im Vorfeld des Gipfels gibt es heftige Dissonanzen. Amerikaner und Europäer haben gegensätzliche Ansichten darüber, wie der Krise am besten beizukommen sei. Der Streit darüber wird heftiger, die Töne werden schriller, die Differenzen treten offen zutage. Soll die Londoner Konferenz ein Erfolg werden, müssen die Diplomaten noch vor ihrer Eröffnung die gröbsten Meinungsverschiedenheiten ausräumen. Nur dann können die Verhandlungen in konstruktiver Atmosphäre ablaufen.
Ein Londoner Fiasko
Wird dieses Vorhaben gelingen? Die Antwort darauf lässt sich in den Geschichtsbüchern nachlesen. Wir schreiben nämlich nicht das Jahr 2009, sondern befinden uns im Juni 1933, inmitten der Großen Depression. Damals wie heute war es London, in dem sich das Schicksal der Weltwirtschaft entscheiden sollte. Die sechsundsechzig größten Wirtschaftsnationen trafen sich seinerzeit – die zwanzig wichtigsten sind es heute –, um der Depression durch gemeinsam beschlossene Maßnahmen ein Ende zu setzen.
Streit gab es vor allem wegen der Währungspolitik der Regierung Roosevelt. Der Dollar war gegenüber Franc und Pfund massiv abgewertet worden, und da der Franc noch am Goldstandard ausgerichtet war, ging das zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit der französischen Exporteure. Frankreich forderte deshalb, dass der Dollar kurzfristig stabilisiert werden müsse. Sonst könne von der gemeinsame Bekämpfung der Krise keine Rede sein.
Dass es seinerzeit nicht gelungen ist, die Differenzen auszuräumen, kann man bereits an den Kapitelüberschriften erkennen, unter denen Chroniken und Zeitzeugen über die Londoner Konferenz berichteten. Vom „London Fiasko“ ist beim amerikanischen Bankier James P. Warburg die Rede, der Mitglied der amerikanischen Delegation war. In Robert Skidelskys Keynes-Biographie wird sie als „jämmerliches Trauerspiel“ bezeichnet, und New-Deal-Chronist Arthur M. Schlesinger schreibt von der „Explosion in London“. Was genau war geschehen?
Roosevelts harsche Absage
Die amerikanische Delegation hatte es kurz vor Konferenzbeginn tatsächlich noch geschafft, mit Engländern und Franzosen zu einer Vereinbarung über den Dollar zu gelangen. Sie wurde sofort nach Washington telegraphiert. Doch Roosevelt lehnte ab: Ihm stehe nicht der Sinn nach kurzfristigen Lösungen, und zudem würde die Vereinbarung Franzosen und Engländer einseitig begünstigen. Roosevelt telegraphierte daher nicht nur sein „Nein“ nach London, sondern schickte auch seinen Intimus Raymond Moley hinterher. Er hatte eine klare Botschaft des Präsidenten zu überbringen: „Lass die Welt wissen, dass mein Hauptinteresse in steigenden Warenpreisen besteht.“
Es war eine Nachricht, die die Franzosen höchst beunruhigend fanden: Wenn man den Dollar in den Keller schicken wollte, dann würde das den Franc weiter in inakzeptabler Weise aufwerten. Ein Zeichen des guten Willens möge Roosevelt deshalb nach London schicken, eine Erklärung, wonach er derartige Schritte zunächst unterlassen wolle, bis eine gemeinsame Vorgehensweise gefunden wäre.
Doch das war nicht in Roosevelts Interesse. Er schickte ein weiteres brüskes Telex nach London: Heimische Wirtschaftsinteressen seien ihm wichtiger als Währungsfragen, die Konferenzteilnehmer sollten, statt auf temporäre Erfolge zu schielen, lieber um langfristige Stabilität bemüht sein. Dafür seien ausgeglichene Staatshaushalte, angemessene Steuereinnahmen und eine abgesicherte Bedienung der Staatsschuld von vorrangigem Interesse. Die verlangte Erklärung würde er nicht abgeben.
Am Morgen danach war die Londoner Konferenz so gut wie tot. Man schleppte sich zwar noch einige Tage lang zu einem das Gesicht wahrenden Abschluss, aber von den ursprünglichen Zielen war man nun weiter entfernt als je zuvor: Roosevelts Währungspolitik war diskreditiert, Frankreich und die übrigen Goldblock-Länder verärgert, gemeinschaftliche Anstrengungen zur Krisenbewältigung nicht auf der Tagesordnung.
Amerika gegen die Europäische Union
Auch beim anstehenden G-20-Gipfel im April werden es die Differenzen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Rest der Welt sein, von deren Beilegung der Erfolg des Treffens abhängt. Die Amerikaner wollen vor allem auf große, gemeinsame Konjunkturprogramme drängen, Deutschland und die EU davon aber nichts wissen: Statt dessen plädieren sie für eine schärfere Regulierung von Banken und Finanzprodukten sowie eine Stärkung des Internationalen Währungsfonds (IMF). Das ist eine Idee, für die sich auch Russland und China erwärmen könnten, aber nur unter der Bedingung, dass die Stimmenverhältnisse im IMF deutlich zu ihren Gunsten verschoben werden; das wiederum spießt sich mit den Interessen der Vereinigten Staaten, zu deren Lasten derartige Verschiebungen hauptsächlich gehen würden. Die Veranstalter sind sich der schwierigen Ausgangslage für die Konferenz bewusst; der englische Finanzminister Alistair Darling ließ vorsorglich schon einmal verlauten, dass konkrete Ergebnisse nicht unbedingt zu erwarten seien.
Auf den ersten Blick scheinen die heutigen Fronten zwar nicht annähernd so verhärtet wie anno 1933. Aber die Standpunkte unterscheiden sich doch gewaltig. Während die Regierung Obama offenbar davon ausgeht, dass ohne weitere staatliche Konjunkturspritzen im Umfang von mehreren hundert Milliarden Dollar ein noch schlimmerer Einbruch der Beschäftigung droht, scheint Bundeskanzlerin Merkel zu glauben, dass das Schlimmste mehr oder weniger überstanden sei, zumindest aber keine weiteren staatlichen Stützen mehr nötig wären. Mit ihren Vorschlägen zur Regulierung bewegt sie sich konzeptionell bereits in der Nachkrisen-Ära. So sinnvoll ihre Maßnahmen dann sein mögen: Solange wir uns noch im Abschwung befinden, helfen sie nicht im Geringsten. Sie könnten im Gegenteil sogar schaden, denn die Gefahr ist groß, dass strenger regulierte Banken ihre Kreditvergabe noch restriktiver als bisher schon handhaben.
Das werden die Amerikaner ziemlich sicher so sehen. Welche Motivation hätten sie, ihre Kreditinstitute ausgerechnet jetzt an die kurze Leine zu legen? In dieser Frage werden die gegensätzlichen Standpunkte in London wohl am heftigsten aufeinanderprallen.
Zum Beschluss ein Ballett?
Offen bleibt, wie ernst man die geschichtliche Parallele nehmen sollte. Sind die heutigen Verhältnisse mit denen der 1930er Jahre überhaupt vergleichbar? Waren nicht die Folgen des Ersten Weltkrieges ein wesentlicher Grund für eine selbst noch 1933 vergiftete Atmosphäre angesichts jahrelanger Streitereien über wechselseitige Kriegsschulden und die Finanzierung von Wiederaufbauleistungen? Tatsächlich ist die Weltwirtschaft des Jahres 2009 global aufgestellt, sind die internationalen Waren- und Einkommensströme wesentlich dichter verflochten als damals.
Aber andererseits liegt genau in dieser Verflochtenheit auch die große Gefahr: wie den Amerikanern erklären, dass sie weiterhin im großen Stil und auf Pump aus Deutschland, Japan und China importieren müssten, um die dortige Konjunktur zu beleben, was bei den amerikanischen Produzenten aber keinen einzigen Job sichert? Wie den Deutschen klarmachen, dass die heimische Politik in Konjunkturdingen im Grunde eigentlich machtlos ist, sondern in unseren Exportpartnerländern über Aufschwung oder Abschwung in Deutschland entschieden wird? Das birgt eine politische Brisanz, die sich auch an den immer stärkeren Spannungen in der großen Koalition ablesen lässt.
Man wird bald sehen, wie internationale Beschlüsse angesichts solcher politischen Zwänge aussehen. Den Konferenzteilnehmern bleibt zu wünschen, dass sie sich im Fall des Scheiterns mit einem ähnlich ansprechenden Rahmenprogramm zu trösten wissen werden wie ihre historischen Vorgänger. Die sahen die Abschiedsvorstellung der Ballerina Lydia Lopokova in einer Aufführung der „Coppélia“ im Covent Garden. Für John Maynard Keynes war es der einzige Lichtblick der ganzen Veranstaltung. Aber in diesem Punkt sollte man die Begeisterung des Jahrhundertökonomen nicht überbewerten: Lydia Lopokova war seine Ehefrau.