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Fußball Apfelwein im WM-Stadion?

06.06.2006 ·  Apfelwein ist ein Kosmos für sich. Er macht geschwätzig und reinigt den Körper. Bei Erstbeziehern kann er sich aber auch als hessische Variante von Montezumas Rache auswirken. Daß die Fifa ihn im Frankfurter Stadion verbietet, läßt Schriftsteller Andreas Maier ziemlich kalt.

Von Andreas Maier
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Was ist Apfelwein? Die Fifa hat den Ausschank des Getränks während der Weltmeisterschaft untersagt. Das hat hierzulande ironische Kommentare hervorgebracht bis hin zur „Bild“-Zeitung. Mir ist Apfelwein allerdings zu wichtig, um mich diesen Witzeleien anzuschließen. Überdies haben Auswärtige keinen wirklichen Begriff von dem, was Apfelwein ist. Anlaß genug für eine Selbstvergewisserung.

Als Kind habe ich Apfelwein nicht sonderlich gemocht. Manchmal bekam ich im Sommer zum Wurstbrot einen sehr tief gespritzten Apfelwein. Tief gespritzt, das heißt bei uns, mit sehr viel Wasser verdünnt. Er schmeckte nach kaum etwas, löschte aber den Durst. In unserer Familie wurde hauptsächlich Bier getrunken, das tat ich auch.

Jeder Handkäse ist anders

Ich erinnere mich an Maiausflüge, da war ich vielleicht sechzehn. Wir liefen über Felder, über den Ockstädter Kirschberg, und setzten uns in eine Gartenwirtschaft, bestellten Handkäse und tranken sauergespritzten Apfelwein. Wir hielten das für kurios und wollten ein bißchen „die Normalen“ spielen (wir waren damals ziemlich „antispießig“ und aßen eher Pizza und Gyros). Zum ersten Mal machten mir Handkäse und Apfelwein wirklich Spaß. Es hatte wohl auch etwas mit der Landschaft und dem Ausflugscharakter zu tun. Der Handkäse schmeckte allerdings nicht nach besonders viel. Ich wußte damals noch nicht, daß jeder Handkäse anders ist. In keiner Wirtschaft schmeckt er gleich, manche lassen ihn zuwenig nachreifen. Und der Apfelwein, den wir bei unseren Ausflügen tranken, stammte fast immer aus der Flasche. Er war ebenfalls nicht gut. Aber das wußte ich damals noch nicht.

Anfangs des Studiums ging ich mit einem Freund immer öfter in die Schillerlinde, eine alte Wirtschaft in Friedberg in der Wetterau. Der Wirt, ein Mann mit dem schönen Namen Erwin Rausch, kelterte selbst. Man trank Apfelweinschoppen für eine Mark. Wir aßen erstmals seit unserer Kindheit wieder ausgiebig Schnitzel, Krautwickel, Koteletts und merkten erst dadurch, wie schleichend sich die Küche unserer Familien und unsere eigenen Geschmackssinne in den letzten fünfzehn Jahren verändert hatten. In der Schillerlinde schmeckte es wie vor ein oder zwei Generationen.

Die Leichtigkeit des Apfelweins

Man konnte bei Erwin Rauschs Apfelwein immer merken, wie „weit“ das Faß war. Der Apfelwein schmeckte nie gleich, er entwickelte sich, mal zum Guten, mal nicht ganz so gut. Mein Freund und ich, wir gewöhnten uns immer mehr daran, auch in Frankfurt Apfelweinwirtschaften aufzusuchen. Andere Wirtschaften begannen wir komplett zu meiden. Langsam differenzierten wir unseren Geschmack aus. Industriell in Flaschen abgefüllten Apfelwein mieden wir jetzt ganz, und wir hatten inzwischen einen ziemlich detaillierten Begriff davon, wie in den jeweiligen Wirtschaften, die keltern oder Frischgekelterten ausschenken, der Apfelwein schmeckt. Mancher war uns zu sauer, mancher zu stichig, ich selbst trinke am liebsten einen Apfelwein, der weich genug ist, um ihn pur zu trinken, und den ich bei Bedarf mit ein wenig Wasser spritze. Wenn ich heute in die Stalburg, in die Buchscheer, zum Wagner, ins Gemalte Haus (alles traditionsreiche Apfelweinlokale) gehe, dann weiß ich genau, welcher Apfelwein mich wo erwartet. Apfelwein ist ein Kosmos für sich.

Was wir beim Trinken immer machen: reden. Zusammen Apfelwein trinken ist etwas anderes als gemeinsam Bier oder Wein trinken. Beim Weintrinken sitzt man nicht so eng beieinander. Beim Bier werden Gespräche oft schnell dumm, die Leute bekommen eine gewisse Trägheit und beginnen sich, wenn sie betrunken sind, zu wiederholen. Wein belebt anfangs, macht aber irgendwann schwer. Bei Apfelwein findet alles mit einer gewissen Leichtigkeit statt, obgleich ich nicht verhehlen will, daß er einen etwas zur Geschwätzigkeit verführt. Apfelweinwirtschaften sind Redebuden. Wir behaupten, die Italiener redeten viel und laut. Ich lebe seit Januar in Rom und bin hier oft in Wirtschaften, aber als ich nach drei Monaten zum ersten Mal nach Hessen zurückkam, das war im April, und mich ins Gemalte Haus auf der Schweizer Straße setzte, wußte ich, wo wirklich viel und laut geredet wird, nämlich in Frankfurt beim Apfelwein.

Katharsis des Apfelweins

Die Gespräche beim Apfelwein handeln nie von wirklich ernsten Themen, sie sind oft oberflächlich moralisierend, haben aber nie die übliche Stammtisch-Kampfstimmung, und vor allem neigt man beim Apfelwein nicht zu Verbrüderungen, was ich als sehr angenehm empfinde. In meinen Büchern verfallen die Helden immer irgendwann in Schweigen. Sie mögen sich an den intelligenten oder pseudointelligenten Diskursen ihrer Umwelt nicht beteiligen. Irgendwann ist mir klargeworden, daß die Geschwätzigkeit beim Apfelwein eine Form von Schweigen ist. Ein Schweigen über die angeblich wichtigen Dinge. Deshalb hat Apfelwein sogar etwas Anarchisches. Er verführt nicht zum Mitmachen. Wer Apfelwein trinkt, läßt sich nichts einreden. Denn alles wird alsbald wieder aufgelöst in dieser, von außen betrachtet, sicherlich oft eigenartig anmutenden Geschwätzigkeit.

Ein Weiteres kommt hinzu. Apfelwein hat eine körperreinigende Wirkung. Es ist sein zweiter kathartischer Effekt neben dem obengenannten anarchischen. Wer Apfelwein nicht kennt, wird von diesem Effekt überrascht. Gemeinhin rennen die Auswärtigen nach dem dritten Schoppen sehr eilig auf die nächstgelegene Toilette, schaffen es gerade noch so und erleben dort ziemlich eigenartige Dinge. Es wird oft darüber gewitzelt, aber im Grunde führen wir Apfelweintrinker ein Leben wie Gandhi, der sich angeblich täglich Einläufe geben ließ. Natürlich reagieren wir nicht so heftig wie Auswärtige auf Apfelwein. Aber er regelt täglich mit. Ich sage das auch im Hinblick auf das Fifa-Apfelweinverbot in deutschen Stadien während der WM. Wenn ich lange im Ausland bin, habe ich keinerlei Probleme, ohne Apfelwein zu leben. Aber wenn ich wieder in Hessen bin und der Apfelwein meinen Körper wieder „einstellt“, dann wird mir klar, daß ich eigentlich in Symbiose mit ihm lebe. Apfelwein ist für mich ein Grund, warum ich Frankfurt am Main nie verlassen möchte.

Wider den Massen-Wein

Ich habe eine lange Lebensgeschichte mit dem Apfelwein erlebt. Wenn die Fifa auch im Frankfurter Stadion den Ausschank von Apfelwein verbietet, dann ist mir das völlig egal, es berührt mich nicht. Ich gehe selbst in dieses Stadion zu jedem Heimspiel von Eintracht Frankfurt und würde nie auf den Gedanken kommen, den dortigen Apfelwein zu trinken. Er hat mit dem Apfelwein, den ich trinke, nur wenig zu tun. Und warum sollten Gäste aus der Welt gerade diesen massenhaft vorgefertigten Apfelwein, wie er im Stadion ausgeschenkt wird, kennenlernen? Sie würden ein falsches Bild bekommen. Angst und bange wird mir allerdings bei dem Gedanken, daß die Anhänger der in Frankfurt bei der WM spielenden Mannschaften anschließend durch meine Lokale marodieren könnten. Wenn fünfzigtausend Ungeübte an einem sommerheißen Tag in Frankfurt Apfelwein trinken, dann wird das zwei Konsequenzen haben. Erstens werden die Leute viel trinken, denn man schmeckt dem Apfelwein den Alkohol nicht sonderlich an. Sie werden alle schnell betrunken sein und könnten dann anfangen, das Mobiliar zu verwüsten, einfach so. Und zweitens könnte es aufgrund der körperreinigenden Wirkung eine ziemliche Sauerei geben. Die möchte ich hier nicht ausmalen.

Mir wäre es lieber gewesen, man hätte unseren Gästen aus der Welt während der WM einfach verschwiegen, daß man in Frankfurt am Main Apfelwein trinkt. Ich liebe Apfelwein, aber nicht jeder muß alles kennen, und Apfelwein lohnt auch dann nur wirklich, wenn man dauerhaft mit ihm zusammenleben kann, und das geht nur hier.

Der Schriftsteller Andreas Maier, geboren 1967, veröffentlichte zuletzt den Roman „Kirillow“ sowie zusammen mit Christine Büchner den Essay „Bullau. Versuch über die Natur“. Sein Debütroman „Wäldchestag“ erschien 2000.

Quelle: F.A.Z., 06.06.2006, Nr. 129 / Seite 43
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