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Fünfzig Jahre nach dem Krieg Algerische Erinnerungen

 ·  Mit seinen Kolonien verband Frankreich den Traum, eine große Nation zu sein. Das Ende des Algerien-Krieges vor fünfzig Jahren ließ ihn zerplatzen. Die Folgen spürt das Land bis heute.

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© AFP Eine zweifelhafte Ehre: Es dauerte lange, bis man in Frankreich verstand, dass nicht jeder Kämpfer des Algerienkrieges ein Held gewesen ist

Vor fünfzig Jahren, am 18. März 1962, fand in Evian der Algerien-Krieg sein Ende: ein blutiger, das Land zerreißender, fast acht Jahre währender Konflikt, in dem Frankreich nicht weniger als 2,3 Millionen Wehrpflichtige - fast fünf Prozent seiner Bevölkerung - mobilisierte; in dem nahezu 25.000 Soldaten und etwa 3000 europäische Zivilisten den Tod fanden und zwischen 300.000 und 400.000 Algerier ihr Leben verloren - mehr als drei Prozent der Bevölkerung.

Durch die „Ereignisse“ in Algerien, wie man damals beschönigend sagte, geriet Frankreich an den Rand eines Abgrunds. Sechs Ministerpräsidenten stürzten darüber, die Vierte Republik brach zusammen. Ein von Algier ausgehender Militärputsch brachte die Macht Charles de Gaulles ins Wanken, der 1958 wieder ins Amt kam und den Notstand ausrief. Ein Bürgerkrieg zwischen Gegnern und Anhängern eines französischen Algerien konnte nur mit Mühe verhindert werden. Von Allerheiligen 1954 bis zum 18. März 1962 erlebte Frankreich Massaker, Zensur, Demonstrationen, Attentate, Folter, die Vertreibung zahlreicher Menschen (in Algerien), staatliche Verbrechen und willkürliche Verhaftungen (im Mutterland).

Die Hoffnung einer zusammengebrochenen Nation

Auf die Unabhängigkeitserklärung Algeriens im Sommer 1962 folgten weitere Tragödien: das erzwungene Exil von einer Million Franzosen ins Mutterland (im Juli verließen täglich 4670 Europäer Algier); die Ermordung mehrerer zehntausend, von Frankreich im Stich gelassener Harkis (muslimischer Hilfskräfte der französischen Armee) durch Schergen der algerischen Befreiungsbewegung „Front de Libération nationale“ (FLN); die Verschleppung Tausender europäischer Zivilisten in Algerien.

Der Verlust Algeriens markierte das Ende des französischen Anspruchs, ein Weltreich zu sein. Das koloniale Abenteuer, das im sechzehnten Jahrhundert seinen Anfang in Kanada genommen hatte, war über die Jahrhunderte und insbesondere seit der Internationalen Kolonialausstellung von 1931 zu einer nationalen Leidenschaft geworden, zu einem Moment des Zusammenhalts und einem wesentlichen Element der französischen Identität - von ähnlicher Bedeutung wie Jeanne d’Arc, Napoleon, Chlodwig oder die Revolution. Der Kreuzzug in Übersee wurde gestützt von einer Volkskultur (Plakate, Postkarten, Literatur, Pfadfindertum, Kino, Werbung) und getragen vom Propagandaapparat des Staates, aber vor allem auch von der staatlichen Schule: Das „Empire“ war Frankreichs Bestimmung.

Damit erfüllte das Land seine zivilisatorische Mission in einem Projektionsraum, den das Mutterland für sich selbst erträumte: wirtschaftlicher Fortschritt, Aufhebung der Rassentrennung in der Moderne. Während des Vichy-Regimes wurde das Reich zur Hoffnung und Garantie, dass das ewige Frankreich überleben und weiterhin die Rolle einer Großmacht spielen werde. Es war die einzige Hoffnung einer zusammengebrochenen Nation. Es stand für ein mögliches Morgen, bot einen Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit der Niederlage und wurde tatsächlich zum Ausgangspunkt für die Befreiung Frankreichs.

Nach 1945 nutzte man es, um die nationale Uneinigkeit während des Krieges leichter vergessen zu können, um die Bande der Nation enger zu knüpfen im Blick auf das Projekt einer französischen Union, die im gesamten Kolonialgebiet die wirtschaftliche Entwicklung voranbringen sollte. Das „Empire“ war vor allem der Traum vom ganz großen Frankreich, dem Frankreich aller fünf Kontinente, dem Frankreich in Übersee, jenseits des Mutterlandes und mit 100 Millionen Einwohnern: dem ganzen Frankreich. In diesem Reich gab es ein Juwel, eine Perle, eine Modellkolonie, eine Fortsetzung des Mutterlandes auf der Südseite des Mittelmeers bis an die Grenzen der Sahara, die Frankreich zu einem riesigen, von Dünkirchen bis nach Tamanrasset reichenden Gebilde machte: Algerien mit seinen drei Departements Oran, Algier und Constantine.

Algerien, das seit 1830 - länger als Savoyen oder auch Nizza - unter französischer Herrschaft stand und von einer Million Europäern bevölkert wurde. Als die „Ereignisse“ begannen, war die politische Klasse Frankreichs sich einig: Algerien war Frankreich. „Das Schicksal Frankreichs wird sich in Algerien entscheiden“, erklärte 1956 Michel Debré, der zukünftige Premierminister General de Gaulles.

So bedeutete denn auch der Verlust Algeriens einen gewaltigen Schock und eine tiefgreifende Zäsur. Der Konflikt hatte den Mythos zerschlagen. Die wachsende Gewalt und der zunehmende Machtmissbrauch hatten gezeigt, wie weit die koloniale Realität von der republikanischen Utopie entfernt war. Der Konflikt ließ Zweifel an den Grundwerten der französischen Nation aufkommen. Es hätte leicht abermals zu einer großen nationalen Krise kommen können - aufgrund des politischen Zusammenbruchs; aufgrund der gewaltigen Unruhe in der auf dem Schlachtfeld ungeschlagenen, aber politisch besiegten französischen Armee; aufgrund des Zerbrechens des aus der Résistance hervorgegangenen Konsenses (zahlreiche ehemalige Widerstandskämpfer hatten sich für ein französisches Algerien eingesetzt); aufgrund des Rückzugs des Rechtsstaats - und all das nur wenige Jahre nach dem Verlust Indochinas und vor allem der fürchterlichen Niederlage von 1940.

Das Los der westlichen Länder

Aber nichts davon geschah, zumindest für eine Weile. Unter der Führung General de Gaulles und seiner Nachfolger bis in die neunziger Jahre hinein entschied Frankreich sich für das Vergessen, Verdrängen und Verschweigen, abgesegnet durch Amnestien für die Kofferträger der FLN und die Killer der „Organisation de l’armée secrète“ (OAS), die für ein französisches Algerien kämpfte. Abgesegnet wurde dieses Schweigen inoffiziell auch durch die Weigerung, Kriegsverbrecher aus den Reihen der eigenen Armee vor Gericht zu stellen. Das Trauma saß allzu tief. Nach der Katastrophe beschloss Frankreich, eine neue Seite aufzuschlagen und wieder bei null anzufangen, nach 23 Jahren ununterbrochener Konflikte, von 1939 bis 1962.

Den Franzosen bot die Führung die Atombombe, Supermärkte, nagelneue Vorstädte, Hochgeschwindigkeitszüge, Ariane-Raketen, Autobahnen, die Konsum- und Freizeitgesellschaft: das Frankreich der Dinge im Sinne Georges Perecs, des bäuerlichen Niedergangs und der Massenkultur - das gemeinsame Los der westlichen Länder in der Nachkriegszeit. Aber man bot ihnen auch einen neuen Projektionsraum: Europa, bald schon im Dienst der französischen Ambitionen, ein gallozentrisches, karolingisches, von Paris gelenktes, inspiriertes und mit Leben erfülltes Europa.

Europa ist kein vergrößertes Frankreich

Ein Europa, in dem die universelle Bestimmung Frankreichs nach dem Verlust des Kolonialreichs abermals seinen Ausdruck finden sollte. Die europäische Konstruktion sollte die Illusion nähren, Frankreich sei nicht auf den Rang einer Mittelmacht zurückgefallen, sondern immer noch „die Quelle gewaltiger geschichtlicher Erschütterungen und nicht nur Opfer seiner Gegen- und Rückschläge“, wie der Historiker Pierre Nora dies ausgedrückt hat.

Doch nach dem Aufbegehren von 1968 kehrte das nach dem Krieg und der Unabhängigkeit Algeriens Verdrängte zurück, zumal das Land in den siebziger Jahren begann, seine Vichy-Vergangenheit aufzuarbeiten. Es kehrte zurück, weil die europäische Ablenkung seit dem Fall der Berliner Mauer seine Versprechen nicht mehr zu halten vermochte. Die Wiedervereinigung Deutschlands in einem nach Osten erweiterten Europa, dessen Epizentrum und Wirtschaftsmotor Deutschland heißt, läutete die Totenglocken für die französischen Ambitionen. Europa wird kein vergrößertes Frankreich sein, sondern nimmt ihm immer weitere Teile seiner Souveränität, seines Geldes wie auch seiner Grenzen.

Das Verdrängte kehrt zurück, weil das republikanische Assimilationsmodell leckgeschlagen ist, durchlöchert von Europa und der Globalisierung, von der Dezentralisierung, von der Auflösung der nationalen Mythen, vom Ende des Schweigens, vom Krieg der Erinnerung, von der Befreiung der Individuen und der Minderheiten, die den Anspruch auf eine eigene Identität erheben, „unvereinbar mit der vorherrschenden, ihrem Wesen nach jakobinischen Vorstellung von der Nation“, um nochmals Pierre Nora zu zitieren. Denn die besitzt eine protestierende, fordernde und anklagende Dimension, die im Widerspruch zur republikanischen „Nationalerzählung“ steht, und das zu einer Zeit, da die integrierenden Institutionen und Strukturen in finanzieller und politischer Hinsicht immer schwächer werden.

Und in der „Einwanderungsfrage“, dieser Hydra der französischen Debatte seit dreißig Jahren, tritt das Verdrängte noch am deutlichsten zutage. Dort kristallisiert sich die Malaise unserer Zeit, und diese Malaise steht in einer direkten Beziehung zur algerischen Tragödie, die nicht an einem Tag im März 1962 an den Ufern des Genfer Sees ihr Ende fand, sondern seit einigen Jahren in Wellen regelmäßig auf die französische Bühne zurückkehrt. Auch daran erinnert das Massaker von Toulouse, das die Nation in diesen Tagen erschüttert.

Ist der Islam unvereinbar mit der französischen Gesellschaft?

Auf der einen Seite steht die maghrebinische, hauptsächlich aus Algerien stammende Bevölkerung, die nach der Stellung und Rolle der Araber in Frankreich fragt, nach ihrer Integration in das, was vom republikanischen Schmelztiegel übriggeblieben ist, und nach der Möglichkeit, zugleich, wie in der Kolonialzeit, Muslim und Franzose zu sein, wie der Journalist Benjamin Stora in dem 1991 erschienenen, nach wie vor aktuellen Buch „La gangrène et l’oubli“ dargestellt hat.

Auf der anderen Seite stehen die „Einheimischen“, die Franzosen, die irgendwie „von hier“ sind und sich leicht in zwei Gruppen unterteilen lassen: Die erste, links stehend, gelähmt und heimgesucht vom schlechten Gewissen wegen des kolonialistischen Engagements ihres Lagers vor und im Krieg, fühlt sich sehr unbehaglich, sobald es um die „Einwanderungsfrage“ geht, und flüchtet sich gern in beschwichtigende Aussagen. Die zweite, eher rechts stehend, verbittert, geprägt von einem unbestimmt oder auch offen revanchistischen Geist, die seit dreißig Jahren den größten Teil der Wählerschaft des „Front national“ stellt und einen gewissen Trost in der Unfähigkeit der autoritären algerischen Regierungen seit der Unabhängigkeit findet, aber auch in den 100 000 Todesopfern des Bürgerkriegs der neunziger Jahre und in den zehn Millionen Algeriern, die seit 1962 in alle Welt ausgewandert sind. Diese Gruppe schwenkt das Toten Tuch des Islam, den sie für unvereinbar mit der französischen Gesellschaft und für eine Bedrohung hält.

Fünfzig Jahre nach der Unterzeichnung des Vertrags von Evian, in einem Land, das mehr denn je nach seinem Platz in einer unruhigen Welt sucht, das so pessimistisch und verängstigt wie kein anderes und im Ungewissen über seine Identität und sein Wirtschaftsmodell ist, in diesem Land bleibt das verdrängte algerische Erbe mangels eines historischen Konsenses allgegenwärtig. Davon zeugen die quälenden Debatten über nationale Identität und Reue, das Arsenal der in den letzten Jahren von französischen Regierungen verabschiedeten Gedächtnisgesetze. Davon zeugen auch die eines Abends im Oktober 2001 im Stade de France anlässlich eines Fußballspiels zwischen Frankreich und Algerien ausgepfiffene Marseillaise und auch die aufgeregten Debatten um das Halal im Präsidentschaftswahlkampf 2012. Und nicht zuletzt zeugt davon auch die nach dem Attentat von Toulouse nun sicher wieder aufkeimende Diskussion um die innere Sicherheit des Landes. Das Gespenst des Algerien-Kriegs geht auch heute noch um in Frankreich.

Aus dem Französischen übersetzt von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.
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