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Carolin Emckes Preisrede : Eine heimelige Wiedererkennbarkeit

  • -Aktualisiert am

Carolin Emcke zwischen ihrer Lebensgefährtin Silvia Fehrmann und Bundespräsident Joachim Gauck bei der Verleihung des Friedenspreises am 23. Oktober in der Frankfurter Paulskirche Bild: dpa

Wir sind „wir“? Was Carolin Emcke in der Paulskirche vortrug, war ein Diskurs, der sich an sich selbst berauscht. Nachbemerkungen zur Friedenspreisrede.

          Wow: Man kann sich von der Aussage einer Preisrednerin reizen lassen, sie hätte sich seit ihrer frühen Jugend Jahr für Jahr und ohne Fehl im Fernsehen die Übertragung aller Ansprachen angesehen, die frühere Preisträger gehalten haben. Immer will sie dabei auf dem Teppichboden gelegen haben, sogar freiwillig, weil sie ja noch nicht dazugehörte, unten war. Sie musste erst langsam aufsteigen. Als Gast im Saal, in dem der Preis vergeben wird, ist sie dann vom Liegen zum Sitzen übergegangen. Jetzt steht sie oben, auf der Empore, von der aus sie spricht, vor einem weltlichen Kirchenpult. Selbstbewusst und zugleich demütig stellt sie sich in eine Ahnenreihe ausgezeichneter Philosophen, Intellektueller, Dichter, Friedensaktivisten und richtet sich dennoch mit einem einbeziehenden Wir an alle, die ihr zuhören, müssen sich doch alle „angesprochen fühlen“, wenn Gewalt die Freiheit bedroht.

          Vielleicht hat es sich genau so zugetragen, wie sie es beschreibt; aber der Umstand, dass sie es so darstellt, hat eine eigentümliche Wirkung: Lässt er nicht das, was wahr sein mag, plötzlich als Beschwörung erscheinen, als unwahr und erfunden?

          Immunisiert, abgeschottet, unangreifbar

          „Wow“: Man kann sich über eine Preisrednerin wundern, die einerseits eine Liebe zu den „Klangfarben des Humors und der Ironie“ bekundet, die sich beim Übergang von einer Sprache in eine andere Sprache „abwechseln und vermischen“ sollen, andererseits aber Humor und Ironie dem Pathos ihres Vortrags hintanstellt, der eher etwas von einem moralischen Appell oder Zuspruch hat, ja von einer Predigt, der sich die sprachlichen Unterschiede unterordnen. Mindestens fünfmal wird am Ende die Wendung „wir können“ am Anfang eines Satzes wiederholt. Und ganz zum Schluss ist von „Geständnis“ und „Verzeihung“ die Rede. In der Paulskirche werden Carolin Emckes Worte bei der Verleihung des Deutschen Friedenspreises mit einer stehenden Ovation belohnt.

          „Wow“: Man kann sich jedoch auch für eine Preisrede interessieren, weil sie beispielhaft eine Zweideutigkeit vorführt, die der Diskurs, der sich als demokratisch versteht, gegenwärtig erzeugt. Diese Zweideutigkeit verurteilt den Diskurs in dem Maße zu einer gefährlichen Ohnmacht, in dem sie ihn immunisiert, abschottet, unangreifbar und dadurch umso angreifbarer macht. Es ist geradezu, als würde der zweideutig unangreifbare Diskurs die Gewalt provozieren, von der er so entschieden Abstand nimmt, und jener „eigentümlichen Kombination aus Selbstmitleid und Brutalität“ Vorschub leisten, die er zu Recht bei Fanatikern anprangert. Verdeckt er eine ungewollte, dunkle Komplizenschaft mit der Gewalt?

          Was Zugehörigkeit genau bedeutet

          Um welche Zweideutigkeit handelt es sich? Um eine Zweideutigkeit der Differenz, des Unterschieds, der zum Beispiel die jüdische Zugehörigkeit von der palästinensischen, die homosexuelle Zugehörigkeit von der katholischen und muslimischen trennt, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe politisch Verfolgter und Ermordeter von der Zugehörigkeit zu den Fans eines deutschen Fußballclubs. Denn der Unterschied soll alles und dann wiederum nichts sein. Wird’s zu abstrakt, lenkt man den Blick auf den Unterschied; wird’s zu konkret, lenkt man den Blick von ihm weg.

          Der Unterschied soll alles sein. Seine Spur lässt sich nicht verwischen. Ich kann den Unterschied lediglich anerkennen oder verleugnen. Gleichgültig, welche Perspektive ich beim Sprechen und Handeln einnehme - sie wird von dem Unterschied, der meine Zugehörigkeit anzeigt, wesentlich geprägt, selbst wenn nicht ausgemacht ist, was Zugehörigkeit genau bedeutet, was es bedeutet zu sagen, dass „mein Körper“ und „meine Liebe“ „mir“ gehören, und selbst wenn Zugehörigkeiten nicht nur „zart“, sondern ebenfalls „widersprüchlich“ sein können: „Ich bin homosexuell, und wenn ich hier heute spreche, kann ich das nur, indem ich auch aus der Perspektive jener Erfahrung heraus spreche.“ Ausgesucht habe ich’s mir nicht.

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