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Französischer Dschihadismus : Wie aus dem Stigma eine Waffe wurde

Viele Muslime fühlen sich von den Integrationsangeboten nicht angesprochen: die theologische Fakultät der Großen Pariser Moschee Bild: AFP

Gilles Kepel gilt als der beste Kenner des Islam in Frankreich, sein neues Buch ist bereits ein Bestseller. Es beschreibt, wie der Dschihadismus in unserem Nachbarland entstand.

          Das Buch, an dem in Frankreich dieser Tage niemand vorbeikommt, stammt aus der Feder von Gilles Kepel. Kaum erschienen, war es in Pariser Buchhandlungen schon vergriffen, stieg an die Spitze der Bestsellerlisten und wurde von Kritikern wie dem Journalisten Laurent Joffrin gleich zur einer Art Grundlagenwerk für alle weiteren Fragen zur Bekämpfung des Islamismus auf französischem Boden erklärt: „Erst muss man Kepel lesen“, schrieb Joffrin, „dann können wir diskutieren.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Vertrauensvorschuss, den der sechzig Jahre alte Soziologe genießt, ist insofern nicht überraschend, als Kepel seit Jahren als einer der besten Kenner des Islam gilt, als jemand, der mit den arabischen Ländern genauso vertraut ist wie den französischen Vorstädten. Außerdem lässt sich schon seit Monaten beobachten, wie stark das Interesse der Franzosen am Orient und dem Islam gewachsen ist: Mehrere Bücher über diese Themen gehörten im vergangenen Jahr zu den am besten verkauften Titeln. Das galt für die Belletristik, etwa für Michel Houellebecqs „Unterwerfung“, Mathias Énards „Boussole“ und Boualem Sansals „2084“, ebenso wie für Sachbücher, etwa den Essay über Palmyra des Historikers Paul Veyne.

          Ein Soziologe erklärt den französischen Dschihadismus

          Das neue Buch von Gilles Kepel, für das sich nach Auskunft von Gallimard bisher erstaunlicherweise noch kein deutscher Verlag gefunden hat, heißt „Terreur dans l’Héxagone“ und verspricht nun nichts Geringeres, als die „Genese des französischen Dschihadismus“ nachzuzeichnen. Dabei stützt sich Kepel zum Teil auf Forschungsarbeiten, die ein paar Jahre zurückliegen und deren Ergebnisse bereits in frühere seiner Veröffentlichungen eingeflossen sind. Dass sich Frankreich in einer Phase befindet, in der sich internationale und spezifisch französische Entwicklungen auf fatale Weise kreuzen, ist dabei die wichtigste seiner wiederkehrenden Erkenntnisse.

          Den Beginn dieser Entwicklungen verortet Kepel im Jahr 2005: Zum einen, weil sich im Herbst 2005 in den wochenlangen, gewaltsamen Ausschreitungen in den Vorstädten eine Einwandererjugend zu Wort meldete, die sich von ihren Eltern vor allem dadurch unterschied, dass sie dem republikanischen (und als Hohn empfundenen) Integrationsangebot ablehnend gegenüberstand. Zum anderen, weil in diesem Jahr im Internet ein Manifest veröffentlicht wurde, in dem der syrische Ideologe Abu Musab Al-Suri auf etwa eintausendfünfhundert Seiten einen ziemlich präzisen Fahrplan für jene Form des Guerilla-Terrorismus entwarf, der vor allem Frankreich im vergangenen Jahr in Angst und Schrecken versetzte.

          Um verständlich zu machen, wie das eine mit dem anderen in Verbindung steht, greift Kepel auf eine repräsentative Studie zurück, die er selbst nach den Ausschreitungen 2005 in den besonders betroffenen Pariser Vorstädten Clichy-sous-Bois und Montfermeil unternahm: Die von ihm befragten Bewohner bezeichneten als entscheidenden Auslöser der Krawalle nämlich nicht den (von sämtlichen Medien aufgegriffenen) Tod von zwei Jugendlichen auf der Flucht vor der Polizei, sondern den wenige Tage später erfolgten Tränengas-Einsatz der Polizei gegen eine Moschee, der bis heute unter dem zweifelhaften Stichwort „gazage de la mosquée Bilal“ firmiert.

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