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Frankreichs Seelenlage : Das Land leidet am Brigitte-Bardot-Syndrom

  • -Aktualisiert am

Jean-Luc Godards „Le Mépris“ von 1963 ist ein Klassiker des Fernsehprogramms. Kat Menschik zeichnete die Hauptdarstellerin im September 2012. Bild: Kat Menschik

Zurückgezogen von der Welt, verbittert, voller Hass gegen die Anderen und voller Bewunderung für den Front National: Wie die einstige Filmdiva nach wie vor Frankreich symbolisiert - und warum das nicht gut ist.

          Seit dem vergangenen Sonntag denke ich öfter mal an Brigitte Bardot. Nicht wegen ihrer öffentlich bekundeten Sympathie für den Front National, das ist ihr Recht und interessiert mich nicht weiter, sondern weil ihre Entwicklung mir wie eine Metapher für den Weg erscheint, den Frankreich im letzten halben Jahrhundert zurückgelegt hat.

          Es gab einmal eine Zeit, da verkörperte Brigitte Bardot die Moderne und die emanzipierte Frau; ihr Körper, ihre Sexualität, ihre vergänglichen Liebesbeziehungen waren Mythen des Alltags und BB, ein Symbol des Frankreichs der 1960er Jahre, eine strahlende und großzügige Marianne, avantgardistisch, aufregend und begehrenswert, frei und heiter. Doch eines schönen Tages im Jahr 1973, mit nicht einmal vierzig Jahren, schmiss Brigitte Bardot alles hin.

          Seither lebt sie zurückgezogen in ihrem Anwesen in Saint-Tropez, umgeben von Tieren. Brigitte Bardot hat der Welt den Rücken gekehrt, einer Welt, vor der sie Angst hat, die sie nicht mehr versteht und gegen die sie regelmäßig anstänkert: gegen die Homosexuellen, gegen die Muslime, gegen die Vermischung, gegen die Öffnung der Grenzen, gegen den Eintopf der Globalisierung.

          Nicht zu umgehen und sehr verführerisch

          Deshalb musste ich am Morgen nach dem heftigen nationalen Wahlrausch mit einem entsprechenden Kater an Brigitte Bardot denken. Ihr Rückzug aus der Welt und ihre Verbitterung stehen für einen Gemütszustand, den des heutigen Frankreichs, das gegenwärtige Verhältnis der Franzosen zur Welt, eines Volkes, das sich verängstigt immer stärker auf sich selbst zurückzieht. Brigitte Bardot enthüllt recht gut den nationalen Zeitgeist, einmal den der Zeit vor fünfzig Jahren, als sie mit Jean-Luc Godard „Die Verachtung“ drehte, und den heutigen, weniger glanzvollen und sehr beunruhigenden, in dem die neonationalistischen Schimären des Front National eine wachsende Zahl von Franzosen verführen.

          Man muss sich vergegenwärtigen, dass Frankreichs Rolle in der Welt einmal eine andere war, übrigens auch in jenem Land, auf das wegen der WM nun alle blicken: Am 14. Juli 1890 waren öffentlichen Gebäude und Privathäuser in Rio de Janeiro mit französischen Fahnen geschmückt. Während der gesamten ersten brasilianischen Republik (1889 bis 1930) wurde der Sturm auf die Bastille dort als Symbol der Weltrevolution offiziell gefeiert. In aller Welt, von Brasilien bis nach Rumänien, war Frankreich zwei Jahrhunderte lang, von der Revolution bis zum Fall der Berliner Mauer, die Brigitte Bardot der Nationen.

          Ein Star und eine Diva, universell, narzisstisch, zuweilen entnervend, aber nicht zu umgehen und verführerisch, im Mittelpunkt der Welt. Mit der Erhebung der Herrschaft des Volkes und der Menschenrechte zu Archetypen der Moderne eröffnete das revolutionäre Frankreich ein neues Paradigma der Geschichte. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - verbunden mit einem staatlichen Laizismus. Dieses Paradigma besiegelte die Herrschaft des Politischen und des Staates. Interpretiert und der Zeit wie auch den regionalen Gegebenheiten angepasst, gelegentlich auch verbogen, bildete es doch den Bezugspunkt für Generationen von Demokraten in aller Welt, die Französisch lernten und nach Paris kamen, sobald sie es konnten.

          Die weltweite Entwicklung wird als Kränkung erlebt

          Seit dem Fall der Berliner Mauer beherrscht ein anderes, von den angelsächsischen Ländern inspiriertes Paradigma die Welt. Die multikulturelle Marktgesellschaft triumphiert. Mit seiner Orientierung am Sozialstaat, den es nicht zu reformieren vermag, schwimmt Frankreich gegen den Strom und koppelt sich ab. Es bildet nicht mehr den Mittelpunkt der Welt, und weil Deutschland wiedervereinigt ist und sich tiefgreifend modernisiert hat, wird Europa niemals mehr ein großes Frankreich sein.

          Die Brigitte Bardot der Nationen kommt mit ihrem Altern nur schlecht zurecht. Nervös und im Unfrieden mit seiner Zeit, schottet Frankreich sich ab und kehrt der Welt den Rücken. Es träumt davon, sich hinter seine Grenzen zurückziehen zu können wie Brigitte Bardot in ihre Villa an der Côte d’Azur. Wie kein anderes Volk verachten die Franzosen die Globalisierung und machen sie für alle Übel verantwortlich, unter denen das Land leidet - im April 2012 glaubten 82 Prozent von ihnen, sie sei schädlich für die Beschäftigung. Ängstlich und misstrauisch, resigniert oder erzürnt wie die Bretonen während des ganzen Herbstes erleben sie die weltweite Entwicklung als Enteignung und narzisstische Kränkung.

          Die Krise, die Frankreich seit mehreren Jahren erlebt, ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch psychologischer und zivilisatorischer Natur. Im Inneren wie nach außen hat Frankreich kein Gemeinschaftsprojekt und keine universelle Botschaft mehr. Es ist nicht mehr der Gärtner der Menschheit, und die Franzosen, die sich als Nabel der Welt empfanden, die von der Geschichte und der Geographie so lange umworben wurden, können sich noch nicht damit abfinden. Sie möchten sich verbarrikadieren: Der Front National ist die stärkste Partei Frankreichs.

          Die Zukunft birgt keine Hoffnungen mehr, sondern nur noch reale oder eingebildete Gefahren. Frankreich fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, es grummelt und meckert und dreht sich im Kreise. Frankreich mit seinen inzwischen zahllosen Prozessen wegen Islamfeindlichkeit, Homophobie, Europafreundlichkeit und Hexerei jeglicher Art leidet am Brigitte-Bardot-Syndrom.

          Aus dem Französischen übersetzt von Michael Bischoff.

          Quelle: F.A.Z.

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