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Frankreich und Libyen Sieg als Seelentröster

23.08.2011 ·  Gaddafi ist mit Hilfe Frankreichs ans Ende gekommen. Nun lässt sich die Nation für ihre geistig-moralische Stärke feiern, Zeremonienmeister ist Bernard-Henri Lévy.

Von Jürg Altwegg
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Zwei Albträume gehen zu Ende. Viel zu lange haben sie gedauert. Am Krieg gegen Gaddafi, der in nationaler Einmütigkeit erklärt worden war, haben zuletzt viele gezweifelt. Mit mehr als ein paar Tagen Widerstand des Regimes hatten seine Initianten nach den ersten Bomben – aus französischen Flugzeugen – auf Tripolis nicht gerechnet. Auch die vielen Meldungen vom Tod französischer Soldaten in Afghanistan haben die Unterstützung des teuren Kriegs in der Finanzkrise alles andere als beflügelt.

Umso mehr freute sich am Montagmorgen Bernard-Henri Lévy über den Verlauf der Ereignisse. Er war es bekanntlich gewesen, der Sarkozy zum militärischen Eingreifen hatte bewegen können. Der Sieg lässt das französische Zögern und Lavieren beim Ausbruch der arabischen Revolutionen noch weiter in Vergessenheit geraten. Und angesichts der jüngsten Entwicklung in Ägypten wird auch deutlich, dass die Vorbehalte der jüdischen Intellektuellen wegen Israel nicht ganz unbegründet waren.

Im Namen der Pflicht auf Einmischung gegen Tyrannen, die aus der französischen Vergangenheits-Bewältigung und Überwindung des Marxismus hervorgegangen war, hatte der „Neue Philosoph“ BHL den Krieg gegen Gaddafi gefordert. Dieser war noch vor kurzem mit seinem Zelt willkommener Gast bei Sarkozy gewesen. Über das unerwartete Duett der beiden Pariser Egomanen ist mit Recht gespottet worden. Die Debatten über den Krieg – mit Tzvetan Todorov, Claude Lanzmann, den ehemaligen Neuen Philosophen – haben gezeigt, dass die antitotalitären Kriterien, die das intellektuelle und politische Klima beherrschten wie zuvor der Marxismus, nach mehr als dreißig Jahren willkürlich erscheinen und kaum noch auf Zustimmung stoßen. Die geistigen Gezeiten haben sich verändert, und der Sieg über Gaddafi steht auch für das Ende einer Epoche.

Revolution und Résistance

Mit dem Krieg gegen Saddam Hussein, den die neokonservativen französischen Philosophen gewollt hatten und inzwischen als Irrtum erkennen, habe die Operation Libyen nichts zu tun, erklärt Lévy: „Es ging nicht um die Einführung der Demokratie durch eine fremde Armee und gegen ein Volk, das diese gar nicht will.“ In Libyen hätten mutige Aufständische unter Lebensgefahr gegen den blutrünstigen Diktator Widerstand geleistet und an die internationale Hilfe appelliert. Ihre Leistung hat Lévy noch vor dem Lob der französischen Luftwaffe unterstrichen. BHL stilisiert die Ereignisse, in deren Mittelpunkt er steht, zum klassischen Volksaufstand nach französischen Muster: Revolution und Résistance. Das kommt auch bei seinen Kritikern gut an.

Ein sanftes Erwachen aus dem Albtraum

Sarkozy hatte von seiner Armee den Kopf Gaddafis zum Nationalfeiertag am 14. Juli gefordert. Noch musste er sich mit der Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn zufriedengeben. Die angekündigte Einstellung des Verfahrens in New York befreit Frankreich nun von einem moralischen Trauma. Wegen der Sommerpause ist das Erwachen aus dem Albtraum ein sehr sanftes. Auch die Siegesmeldungen aus Tripolis werden zurückhaltend zelebriert. Sie kommen am Tag von Sarkozys Rückkehr aus dem Urlaub, den er wegen der Finanzkrise kurz unterbrochen hatte.

Dessen unerwartete staatsmännische Gelassenheit und die erstaunlich unaufgeregte Stimmung im Lande zeugen von einem wiedergefundenen Selbstbewusstsein. Bescheinigt wird Frankreich seine ungebrochene Bedeutung vom spanischen Ex-Diplomaten José Maria Ridao, der gestern für „El País“ schrieb. Gleichfalls am Montag der „rentrée politique“ veröffentlichte der „Figaro“ einen Artikel vom Riado. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei Frankreich wegen seiner wirtschaftlichen Stärke trotz der militärischen Niederlage eine Großmacht geblieben. Die Intellektuellen keiner anderen Nation hätten sich so intensiv mit den Ursachen und Folgen des Kriegs befasst, schreibt Ridao. Sie schufen ein Klima des Denkens, in dem die Ökonomie und andere Kriterien die militärische Schlagkraft ersetzten.

Noch immer eine lebhafte intellektuelle Tradition

Der Autor würdigt treffend Albert Camus und Raymond Aron, die zu Lebzeiten von den Intellektuellen ihrer Generation heftig angefeindet wurden, aber langfristig recht bekamen, nämlich seit den Neuen Philosophen.

„Wirtschaftlich und militärisch wiegt Frankreich heute bedeutend mehr als 1945“, ruft José Maria Ridao. Er bescheinigt der Nation ein wachsendes Gewicht in der globalisierten Welt und führt es auf die „noch immer sehr lebhafte intellektuelle Tradition“ zurück: „Das heißt nicht, dass die ganze Welt auf Paris schaut und globale Lösungen erwartet. Aber das Beispiel seiner Schriftsteller – von Camus, Aron und anderen – bleibt für die freien Menschen aller Nationen beispielgebend.“

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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