08.11.2005 · Verblüfft reagiert Frankreich auf die ausführlichen Berichte des Auslands über die Krawalle. Die einheimischen Stationen waren zurückhaltender. Die Jugendlichen selbst kommunizieren durchs Internet und über SMS.
Von Jürg Altwegg, GenfDie Bilder sind unscharf, die Szene dauert kaum mehr als eine Minute. Zu sehen sind Menschen in bunten Kleidern, die in alle Richtungen rennen, und zu hören ein paar Schreie. Sowie der schnelle Atem des Mannes, der die Ereignisse mit seinem Handy filmte.
Der Film dokumentiert den Einschlag einer Tränengas-Granate in der Bilal-Moschee von Clichy-sous-Bois. Die Verantwortlichen zeigten ihn den Journalisten, um „die Vergasung der Moschee“ zu belegen. Auch die Familien der beiden Jugendlichen Zyed und Bouna, deren Tod in einer Transformatorenstation die Krawalle ausgelöst hatte, waren gekommen.
Der achtzehn Jahre alte Mickael Colassy ist letzte Woche verhaftet und umgehend vor ein Gericht gestellt worden. Er hatte Szenen gefilmt und an Freunde verschickt. Jugendliche, die um ein brennendes Auto stehen, sind darauf zu sehen. Sie beschimpfen die Polizei. Zur Identifizierung taugen sie wenig.
Straßenschlachten im Internet
Auch im Internet kann man Fotos und Sequenzen von den Brandstiftungen und Straßenschlachten anschauen. Das wichtigste Forum der französischen Jugendlichen ist der Blog des Radiosenders „Skyrock“. Hier gab es die ersten Trauerbezeugungen für Zyed und Bouna und offensichtlich auch Aufrufe zur „Intifada“. Auf „Skyblog“ veröffentlichen Teilnehmer der Krawalle die visuellen Beweise für ihre Taten, sie werden gelobt und manchmal auch kritisiert. Der Innenminister Sarkozy sprach von Manipulationen der Straßenkämpfer - eine wohl sehr viel entscheidendere Rolle spielte der Mimesis-Effekt, der die Nachahmer motivierte und die Ausweitung auf das ganze Land einleitete.
Die Jugendlichen haben sehr schnell gelernt, erzählte ein Polizist der Nachrichtenagentur AFP. Er hat im Laufe der Woche eine Verfeinerung der Techniken festgestellt: „Sie wissen inzwischen sehr genau, wie eine Handgranate funktioniert, wie die Ordnungskräfte vorgehen und daß es einfacher, auch weniger gefährlich ist, eine Automobilwerkstätte mit Tankanlage in Brand zu stecken als zehn Mülleimer.“
Im Rücken der Polizei
Der Blog „Bouna und Zyed“ auf „Skyrock“ ist inzwischen geschlossen worden. Doch die Jugendlichen weichen sehr schnell auf andere Adressen aus. Kommuniziert wird per SMS. Das französische Fernsehen hat Bilder, die mit dem Mobiltelefon aufgenommen wurden, kaum gezeigt. Die beiden führenden Sender „TF1“ und „France2“ zeichneten in den ersten Tagen ein dramatisches Bild der Lage, doch mit dem, was von den ausländischen Stationen gezeigt wurde, kann das nicht verglichen werden. Die französischen Aufnahmeteams wurden von den Rebellen behelligt, zumindest das hat man gezeigt, und aus den Sequenzen im Fernsehen wie aus den Pressefotos war meist deutlich zu ersehen, daß sie im Rücken der Polizei aufgenommen wurden.
Am meisten hat das Frühstücksfernsehen profitiert. Es verbucht neue Rekordquoten. Aber die Franzosen mußten erst einmal zur Kenntnis nehmen, daß jede Nacht Hunderte von Autos angezündet wurden. Die Krawalle begannen mit den Ferien (der Ramadan war bereits im Gange) und gingen über das lange Wochenende zu Allerheiligen weiter. Ende vergangener Woche, nach fast zehn Tagen Ausschreitungen, hat sie keines der großen Nachrichtenmagazine auf die Titelseite gebracht. Der „Nouvel Observateur“ protestierte in der Titelgeschichte über die Zustände in den Gefängnissen, bei „Le Point“ ist Google das Thema, und in „L'Express“ geht es um Jacques Attalis Erinnerungen an Mitterrand. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß es sich um vorproduzierte Konserven handelt - die jetzt ziemlich schwer in den Auslagen der Kioske liegen.
In den audiovisuellen Medien lief das Programm nach Ansage: Man berichtet, man kommentiert - es hat jedoch, Irrtum vorbehalten, im gesamten Fernsehen und Radio keine Sondersendung gegeben. Gestern, Montag, war „France Inter“ zu Gast bei der Zeitung „Le Monde“, die am Nachmittag erstmals im neuen Kleid erschien. Eines der Themen war die französische Verblüffung über die Berichterstattung in den ausländischen Medien.