25.11.2009 · Republik der Außenseiter: Frankreich debattiert über Liebe, Verrat und seine nationale Identität. Der Präsident hat dazu das geeignete Kabinett zusammengestellt. Und seine chaotischen Familienverhältnisse beherrschen seine Politik.
Von Jürg Altwegg, GenfDie politische Sinnkrise begann mit der neuen Liebesunordnung. Als André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy die Abkehr vom Marxismus einleiteten, veröffentlichten Pascal Bruckner und Alain Finkielkraut „Le Nouveau Désordre Amoureux“. Diese Kritik an der sexuellen Revolution und Befreiung, wie sie Deleuze und Guattari theoretisiert hatten, war das Begleitprogramm zur Aufarbeitung der totalitären Ideologien. Die Aufständischen des Mai 68 schwärmten für Mao, Castro und Pol Pot. Doch ausgelöst hatte die Revolte damals der Protest gegen die Hausordnung in den Studentenheimen mit strikter Geschlechtertrennung. Unter Präsident de Gaulle war die Antibabypille verboten und ein geschiedener Minister unvorstellbar.
Der Mai 1968 hat die französische Gesellschaft nachhaltig verändert. Gaullismus und Kommunismus verloren ihre sinnstiftende Rolle. Mitterrand wie Chirac mussten mit einem Premierminister der Opposition regieren. Die „cohabitation“ entsprach dem Niedergang der revolutionären Ideologien. Doch für eine Koalition der gemäßigten Parteien über die politische Mitte hinweg ist die Verfassung der Fünften Republik eigentlich nicht ausgelegt.
Präsident Sarkozy, der im Parlament über eine starke Mehrheit verfügt, macht nun aus der Not eine Tugend. Seine „Ouverture“ (Öffnung) hat Freund und Feind gleichermaßen verstört. Eingeleitet wurde sie im Wahlkampf, als Eric Besson sich unvermittelt von Ségolène Royal ab- und Sarkozy zuwandte. Er bezichtigte sich auf Parteiveranstaltungen seiner Irrtümer und wurde dafür bejubelt; diese Auftritte hatten etwas von stalinistischen Schauprozessen. Zunächst belohnte man Besson mit einem wenig exponierten Job im Kabinett. Jetzt aber ist er Minister für Einwanderung und für die nationale Identität, über die er eine intensive Debatte angestoßen hat.
Chaotische Familienverhältnisse
Regiert wird die Republik der Öffnung von einem mehrfach geschiedenen Staatspräsidenten; seine erste Justizministerin Rachida Dati bekam im Amt gar ein uneheliches Kind. Sarkozys eigene chaotische Familienverhältnisse beeinflussen seine Politik. Die gescheiterte Ernennung des Sohnes Jean zum Chef von Europas größtem Geschäftsviertel La Défense war einer seiner größten Fehler und hatte rein private Hintergründe: Während der Ehe mit Cécilia hatte sich Sarkozy nicht um Jean gekümmert, der sich mit seiner Stiefmutter nicht verstand. Unter Carla Bruni kehrte er dann in den Schoß der Familie zurück. Endlich konnte der Rabenvater etwas für ihn und gegen das eigene schlechte Gewissen tun (Mein Vater, der Präsident).
Auch das Leben der First Lady im Elysée ist reich an Vergangenheit. Carla Bruni war die Geliebte vieler Popstars, sie hat einen Sohn mit dem Philosophen Raphael Enthoven, den sie Bernard-Henri Lévys Tochter Justine ausspannte – und für den sie dem Vater von Raphael den Laufpass gab. Die verlassene Gattin hat das in einem Buch beschrieben.
Etwas einfacher liest sich der dieser Tage erschienene Ehe- und Familienroman des emblematischen Einwanderungsministers Besson – ebenfalls aus der Feder der Exfrau. Sylvie Brunel ist eine bekannte Intellektuelle und war lange in der humanitären Hilfe tätig, die nach der antitotalitären Aufklärung der Neuen Philosophen Glucksmann, Lévy, Bruckner und Finkielkraut die Dritte-Welt-Ideologien ablöste. Sie war gewarnt: Bei der Heirat sagte Besson nein – er verweigerte vor den verblüfften Anwesenden und Angehörigen den Schwur der sexuellen Treue. Nur Hilfe und Solidarität bis zum Tod wollte er versprechen. Tapfer hielt die Familie, die alle Seitensprünge hinnahm, auch dann noch zu ihm, als er Frau und Kinder mit seiner Bekehrung zu Sarkozy dem gnadenlosen Rampenlicht aussetzte.
Sylvie Brunels „Kampf-Handbuch für Frauen“ hat er gelesen und nur eine Bedingung gestellt: Sie durfte die Identität seiner neuen Flamme nicht preisgeben. Auch die ist aber inzwischen bekannt: Eine zweiundzwanzig Jahre alte schwarze Politologiestudentin aus Afrika hat als erste Geliebte des Einwanderungsministers nicht akzeptiert, dass er seine Nächte gelegentlich zu Hause verbringt.
Nicht im Reinen mit sich selbst
Die zweite emblematische Figur bei Sarkozys „Öffnung“ ist Jude und Sozialist. Bernard Kouchner kommt ebenfalls aus der antitotalitären Aufklärung und war Mitbegründer von „Ärzte ohne Grenzen“. Das Amt des Außenministers hatte ihm seine eigene politische Familie nicht zugetraut. Sein Job bei Sarkozy bekam schnell eine anrüchige private Dimension: Unter Kouchners Verantwortung wurde seine Frau, die Starjournalistin Christine Ockrent, Chefin bei den staatlichen Auslandssendern. Der korrumpierte Idealist muss der Welt Waffen verkaufen und Gaddafi empfangen, aber jeden diplomatischen Erfolg dem Chef überlassen. Seit Wochen wirkt Kouchner irritiert, in Interviews verliert er regelmäßig die Fassung: Dieser Mann ist nicht im Reinen mit sich selbst.
Die feindliche Kultur erschloss sich Sarkozy privat wie politisch. Dank der Heirat mit Carla Bruni stießen linke Intellektuelle und Künstler zum Freundeskreis. Mit der Ernennung Frédéric Mitterrands bekam sein raffiniertes Spiel mit den Grenzen und Tabus auch eine sexuelle Dimension. Wie ein Mann – ohne jede Abweichung – steht das Kabinett hinter dem homosexuellen Minister, der sich literarisch über sein Verhältnis zu Strichjungen geäußert hat (Skandal um Mitterrand: Öffentliche Obszönität). In dieser Stunde der Wahrheit wurde der Schulterschluss der Regierung mit der kulturellen Elite total.
Auf Dauer kann das nicht funktionieren. Kaum haben sich die Wogen der Solidarität mit Mitterrand ein bisschen gelegt, wird aus der Regierung heraus die schwarze Ministerin demontiert. Dabei gehört Yama Rade zur eigenen politischen Familie. Plötzlich wird der einstige Darling als rebellisch und undiszipliniert geschildert, ja sogar als feige, denn die junge Frau ziert sich, für die Partei in den Wahlkampf zu ziehen. Die Rolle des Sündenbocks in der Regierung macht sie beim Volk zum beliebtesten Minister.
Ein bisschen sexuelle Freiheit
„Es ist gut, dass die Frauen und Männer ein bisschen sexuelle Freiheit bekommen haben, sie macht das Leben in unseren Breitengraden angenehmer, als es anderswo ist“ – Pascal Bruckner zieht Bilanz. Diesmal ohne Alain Finkielkraut legt er nach dreißig Jahren die zweite Fortsetzung der „Neuen Liebesunordnung“ vor: „Sie erscheint nach wie vor als Abenteuer, auf das wir nicht verzichten wollen“, bringt Bruckner das Paradox der Liebe auf den Punkt, „unter der Bedingung, dass wir für sie auf kein Abenteuer verzichten müssen.“
Carla Bruni allerdings will nicht mehr das männerverschlingende Biest sein. Sie geht zum Psychiater – seit Jahren schon. Sie sagte es, als Jean Sarkozy ins öffentliche Leben des Staatspräsidenten zurückkehrte und die Franzosen insgeheim hofften oder fürchteten, sie würde noch einmal mit einem Sohn abhauen. Dieses mutige Bekenntnis war der kongeniale Auftakt zur Identitätsdebatte, mit der die Regierung einer weitere Grenze ihrer „Ouverture“ auslotet: Das Organisieren intellektueller Diskussionen ist nicht ihre Aufgabe.
Eine ähnlich anmaßende Aufforderung gab es nur unter Präsident Mitterrand. Als sich die ersten Schwierigkeiten offenbarten, forderte sein Regierungssprecher Max Gallo die linken Intellektuellen auf, sozialistische Solidarität zu demonstrieren. Statt Unterstützung bekamen Gallo und sein Präsident aber nur Hohn und Spott zu hören. Eine ganze Generation von exmarxistischen Renegaten hatte das Prinzip der ideologischen und sexuellen Treue durch die Imperative von Subversion und Transgression ersetzt. Für den inzwischen mit einer Konservativen neu verheirateten Sozialisten Gallo muss die Erfahrung so deprimierend gewesen sein, dass er inzwischen selbst eifrigst für Sarkozy wirbt und diesen mit de Gaulle vergleicht. Gallo hatte schon im letzten Wahlkampf den späteren Sieger auf den Kult der Résistance und das Thema der nationalen Identität gebracht. Darum ging es in der ersten Rede des Staatspräsidenten zur großen neuen Debatte. Die Linke habe Angst vor der nationalen Identität, sagte Sarkozy.
Das stimmt nur eingeschränkt. Unter Mitterrand beanspruchte Régis Debray die Nation, die 1870 wie 1940 von der Rechten verraten und an Deutschland ausgeliefert worden sei, als linken Wert. Aber in der Tat spaltet und verstört die Identitätsdebatte die Sozialisten so sehr wie die Politik der Öffnung. Bei den Wählern indes ist sie noch beliebter, als es die unfreiwillige „cohabitation“ war. Wenn es für die politische Mitte eine Legitimation gäbe und Koalitionen über die längst obsolete Demarkationslinie wie anderswo selbstverständlich wären, hätte Sarkozy 2007 verloren: gegen eine Allianz aus Royal und Bayrou.
Diese Gefahr scheint selbst für die nächste Wahl gebannt. Doch gegen sie inszeniert Sarkozy seine freiwillige Politik der systematischen „Ouverture“. Der Ehebrecher und der assimilierte Sozialist, der Schwule und die Schwarze werden als Verräter wahrgenommen und instrumentalisiert. Zumindest mangelnde Motivation kann man ihnen nicht absprechen. Die zusammengewürfelten Familien verkörpern – politisch und privat – die französische Realität. Die „nationale Identität“ wird in Zeiten der Umwälzungen mobilisiert, wenn sie bedroht ist. Gegenwärtig steckt sie ebenso wenig in einer Krise wie die dritte Ehe von Sarkozy.
Der Ausleseprozeß der dt. Partei ...
Claus Behrens (chipin)
- 25.11.2009, 13:43 Uhr
Obsönes Gefummel
Herold Binsack (Devin08)
- 25.11.2009, 14:47 Uhr
Jürg Altwegg kann es tatsächlich gar mit Nikolaj Aarons Paris-Vignette aufnehmen
Ami de Chapeaurouge (Schikane)
- 25.11.2009, 17:06 Uhr
Verrat an Deutschland von der Rechten?
Harry LeRoy (Cimon)
- 28.11.2009, 08:26 Uhr