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Hilmar Hoffmann gestorben : Glaubwürdiger Streiter, begnadeter Bettler

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Hilmar Hoffmann, geboren am 25. August 1925 in Bremen, gestorben am 1. Juni 2018 in Frankfurt am Main, im Juli 2015 Bild: dpa

Als Kulturstadtrat in Frankfurt am Main baute er das Museumsufer auf. Er gründete die „Stiftung Lesen“ und leitete das Goethe-Institut. Im Alter von 92 Jahren ist der Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann gestorben.

          Der Frankfurter Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann ist tot. Nach Angaben der Polizei starb der 92-Jährige am Freitagabend auf dem Weg ins Krankenhaus. Sein Wirken als Frankfurter Kulturdezernent setzte für Jahrzehnte deutschlandweit kulturpolitische Maßstäbe. Als Präsident des Goethe-Instituts führte er die Institution in einer Zeit anstehender Erweiterungen in Osteuropa und drastischer Mittelkürzungen durch die Bundespolitik.

          Hilmar Hoffmann wurde am 25. August 1925 in Bremen als Sohn eines selbstständigen Export-Kaufmanns geboren. Als Fallschirmjäger geriet er 1944 bei Cherbourg in amerikanische Gefangenschaft. Mit 26 Jahren wurde Hoffmann 1951 in Oberhausen der damals jüngste Direktor einer Volkshochschule in der Bundesrepublik. 1953 gründete er die Internationalen Westdeutschen Kurzfilmtage in Oberhausen, die er bis 1970 leitete. Von 1965 bis 1970 war Hoffmann Kultur- und Sozialdezernent der Stadt Oberhausen. Von 1970 bis 1990 gehörte er als Stadtrat dem Magistrat der Stadt Frankfurt am Main an und war in dieser Zeit Dezernent für Kultur und Freizeit.

          Seine kommunale Kulturpolitik war zwanzig Jahre lang wegweisend für viele Kulturdezernenten anderer Großstädte. Unter dem Motto „Kultur für alle“ führte er das Theater auf die Straße und Liedermacher in die Stadtteile, vereinfachte die Ausstellungsverfahren der Museen und machte Literatur im „Literaturzirkus“ sowie in dreißig Stadtteil-Bibliotheken zugänglich. Hoffmanns kulturpolitische Maßnahmen, denen in Frankfurt mit zuletzt einer halben Milliarde Deutsche Mark der größte Etat einer Großstadt zur Verfügung stand, speisten über Jahre hinweg eine Debatte über die Bedeutung von Kultur und Kulturpolitik im sozialen Umfeld. Das von Hoffmann 1971 juristisch durchgefochtene erste „Kommunale Kino“ in der Bundesrepublik Deutschland fand über 150 Nachahmungen.

          Museumsufer und Mitbestimmung

          Unbestritten der populärste und bekannteste Vertreter seiner Profession, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu seinem sechzigsten Geburtstag feststellte, konnte Hoffmann in Frankfurt viele spektakuläre Kulturprojekte verwirklichen: Der Mouson-Turm für alternative Kultur, fünfzehn Museen und Ausstellungshäuser wurden neu errichtet oder alte Patriziervillen für Museumszwecke umgerüstet – darunter das Deutsche Filmmuseum, das Deutsche Architekturmuseum, das Postmuseum, heute Museum für Kommunikation, das Jüdische Museum, das Ikonen-Museum, die Kunsthalle Schirn, das Museum für moderne Kunst, das Museum für Kunsthandwerk, heute Museum für Angewandte Kunst, und die Kunsthalle Portikus – und mit den am Main-Ufer bereits vorhandenen (zehn) Museen konzeptionell zum übergreifenden Programm des Frankfurter Museumsufers verbunden.

          Verdienste erwarb sich Hoffmann auch mit dem Wiederaufbau der Alten Oper, die sich dank mutiger Personalpolitik zu einer die deutsche Musiklandschaft mit anregenden Programmen belebenden Institution entwickelte. Das Musiktheater avancierte unter Michael Gielen und Klaus Zehelein in den Jahren von 1977 bis 1985 zum führenden deutschen Regietheater. Zu den größten Herausforderungen städtischer Kulturpolitik zählte die schwierige Situation des mitbestimmten Schauspiels unter Peter Palitzsch und vor allem des Frankfurter Musiktheaters nach dem Brand der Oper im November 1987, die zur Spielzeit 1990/1991 wieder eröffnet wurde.

          Eine parteiübergreifend anerkannte Instanz

          In der Mainmetropole wurden in Hoffmanns Amtszeit allein von 1975 bis 1990 in die kulturelle bauliche Infrastruktur 1,4 Milliarden DM investiert. Der Kulturanteil im städtischen Haushalt betrug 11 Prozent, damit stand Frankfurt bis 1990 an der Spitze aller europäischen Kommunen. Nach dem beispiellosen kulturellen Aufschwung bemühte sich Hoffmann ab 1987 vornehmlich um ein „Kunstklima“ in der Stadt. Prominente Professoren wie Kasper König, Jörg Immendorff, Per Kirkeby, Ulrich Rückriem und zeitweise auch Gerhard Richter holte man an die Städelschule. Das Auktionshaus Sotheby's bezog im April 1987 sein deutsches Haupthaus in Frankfurt, und der Plan einer internationalen Kunst-Messe als „Messe der Qualität“ wurde 1989 verwirklicht. Gleichzeitig siedelten sich zahlreiche Galerien an.

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