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Frankfurter Altstadt Grenzen der Rekonstruktion

28.08.2008 ·  Fünfzig Jahre nach dem Wahnwitz der „autogerechten Stadt“ und ihren Verheerungen sind Verkehrsfragen noch immer imstande, menschenwürdigen Städtebau zu torpedieren: Vor neuer Altstadtherrlichkeit steht in Frankfurt die profane Tiefgarage.

Von Dieter Bartetzko
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Fried Lübbecke, Frankfurts Altstadtverwalter, wohnte im Schopenhauerhaus, einem noblen klassizistischen Palais hoch über dem Main. Wie der Philosoph genossen er und seine Frau, immer neu entzückt, den Blick über den Fluss und auf die verschachtelten gotischen Dächer. Als das Haus in der Nacht des 22. März 1944 verbrannte, schaute Lübbecke ein letztes Mal auf die Stadt: „Die zweite Bombenwelle ist vorbei. Ich jage die Treppe hinauf, die herrlich geschwungene. Durch die offenen Fenster kommt der Sturm gezogen, der die Flammen heulend sucht. Alles brennt. Wie glühende Gerippe leuchten die Dachsparren der Häuser. Alt-Frankfurt stirbt, wie es lebte – vierspännig. Plötzlich gelassen gehe ich die Treppe hinunter. Ein Menschenalter bin ich sie gegangen, nie ohne Freude über ihre Herrlichkeit. Nun gehe ich als der letzte.“

Mit „Abschied vom Schopenhauerhaus“ betitelte Lübbecke seinen Bericht, den er im April 1944 niederschrieb. Noch immer gibt es Familien in Frankfurt, die sich an jene Tage erinnern und an die Jahre davor, als sie in der Altstadt lebten. Ihre Erzählungen bezeugen oft deutlicher als prächtige Bildbände, welche Kostbarkeit dieses Areal zwischen Dom und Römer darstellte, wie viel Bau- und damit Lebenskunst dort dicht an dicht vorhanden war – und wie schwer ihr Verlust wiegt.

Fünfzig Jahre nach dem Wahnwitz der „autogerechten Stadt“

Mit Stumpf und Stil entsorgte man diese Welt. Nicht nur Schuttberge verschwanden, sondern auch wiederaufbaufähige Ruinen und zuletzt, beim Bau der U-Bahn, sogar die gotischen und romanischen Gewölbekeller der einstigen Bürgerhäuser. Radikaler vernichtete keine deutsche Stadt ihr bauliches Erbe. Als man endlich 2006 beschloss, zwischen Dom und Römer einige Gassen, Höfe und sechs Bürgerhäuser zu rekonstruieren, war die Rede vom Bedürfnis nach sinnfälliger Geschichte und Kontinuität, vom atmosphärischen Zauber der verschwundenen Bauten und Quartiere. Man listete gerettete Fragmente auf und debattierte Gestaltungssatzungen, die gewährleisten sollten, dass etwaige Neubauten in Form und Materialien den verlorenen Originalen angeglichen werden.

Ein verspäteter Wiederaufbau im Geiste Fried Lübbeckes schien sich abzuzeichnen. Inzwischen aber hat man die Mühen der Ebene erreicht: Am vergangenen Dienstag erklärte Frankfurts Planungsdezernent Edwin Schwarz auf der Sitzung des städtischen Dom-Römer-Ausschusses, eine Vorlage in den Geschäftsgang gegeben zu haben, damit ein Bebauungsplan aufgestellt wird – eine Willenserklärung, die zähe Ämterarbeit nach sich zieht.

Man tritt auf der Stelle – dieser beunruhigende Eindruck verstärkte sich, als die Diskussion sich Details zuwendete: Die Rekonstruktion des Hauses Rebstock, eines Baus aus dem sechzehnten Jahrhundert, so Schwarz, sei fraglich, da sie die Zufahrt der vorhandenen Tiefgarage gefährde. Probleme bereite auch der U-Bahn-Zugang Dom-Römer, da er der Rekonstruktion des Fachwerkhauses „Zur Goldenen Waage“ im Wege steht. Die zuständige Frankfurter Verkehrsgesellschaft hat Schwarz auf Anfragen wegen Verlegung nicht geantwortet. Fünfzig Jahre nach dem Wahnwitz der „autogerechten Stadt“ und ihren Verheerungen sind Verkehrsfragen noch immer imstande, menschenwürdigen Städtebau zu torpedieren. Wie sollen da Bauten mit jenen „herrlich geschwungenen“ Treppen wiedererstehen?

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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