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Frank Schirrmachers Düsseldorfer Dankrede Den Schmerz verdoppeln

Was ist Inversion? Wenn ein Nobelpreisträger die Juden zur Gefahr erklärt. Wenn die deutsche Justiz den Juden Körperverletzung vorwirft. Anmerkungen zum sprachlichen Sadismus aus Anlass der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille durch die Jüdische Gemeinde Düsseldorf.

© dapd Vergrößern Detail aus Peter Eisenmans Berliner Holocaust-Mahnmal

Josef Neuberger gehört zu den Gründungsfiguren dieser Republik, er war ein Garant für Rechtssicherheit, nicht nur in seiner Tätigkeit als Justizminister und Anwalt. Als emigrierter Jude gehörte er zu jener Gruppe der Verfolgten des Nationalsozialismus, die durch die pure Tatsache ihrer Rückkehr, was heute allzu leicht vergessen wird, diesem Land wieder eine moralische Chance gaben, eine Chance, die es in den Augen vieler so schnell nicht wieder verdient hatte.

Es gibt nicht mehr viele aus dieser Generation. Mit einem habe ich das Privileg und das Glück, bis heute zusammenzuarbeiten: Marcel Reich-Ranicki. Ein anderer war Paul Spiegel, ein Dritter, in gewisser Weise ein Verbindungsglied zwischen Salomon Korn und mir und heute immer noch schmerzlich vermisst: Ignatz Bubis. Mich verbindet eine lange Arbeits- und, wenn es nicht so anmaßend wäre, würde ich sagen: Freundschaftsgeschichte mit Marcel Reich-Ranicki. Ich habe das alles erlebt - mit ihm und mit seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Frau Tosia: die Präsenz einer Drohung, manchmal nur eines Unwohlseins, die ständige Alarmbereitschaft. Soll man in einer Rezension schreiben, dass Hilde Domin Jüdin war? Einmal strich er es heraus und sagte: „Ich will nicht, dass man denkt, sie brauche Rabatt.“ Später änderte er seine Meinung, weil sich auch das Klima unter dem Schatten des Historikerstreits änderte: „Wir werden uns nicht verstecken“, sagte er, „und Hilde Domin schon gar nicht.“

Anfangs nur eine syntaktische Umstellung

Wir reden von den neunziger Jahren. Kurze Zeit später erschien Marcel Reich-Ranickis Biographie. Ich fuhr mit ihm alle Orte seiner Kindheit in Berlin ab. Auf dem Kaiserdamm kamen wir an einem Polizeigebäude vorbei, eines von den Gebäuden, wo man aus dem Adler, noch heute erkennbar, das Hakenkreuz herausgeschlagen hatte. Fast beiläufig sagte er: „Ah, schauen Sie, in diesem Polizeirevier habe ich mir meinen Deportationsbefehl abgeholt.“ Und dann ins Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, bis 1945 das Preußische Staatstheater. „Dort in der Loge sah ich Göring und Gerhart Hauptmann. Die Hymne wurde gespielt, Hauptmann stand auf und zeigte den Hitlergruß.“ Ich fragte ihn: „Wie haben Sie das empfunden?“ „Wie soll ich das empfunden haben? Es war eine Perversion, eine Inversion, alles war auf den Kopf gestellt.“

Ich bin Journalist, mein Handwerkszeug ist die Sprache. Ich möchte deshalb in einem Exkurs eine sprachliche Figur beleuchten, die im Augenblick, so scheint mir, Karriere macht. In Abwandlung eines Wortes von Jean-Paul Sartre könnte man sagen, Sprache ist „gelenktes Denken“, sie gibt Bahnen vor, und immer wieder gibt es Leute, die unmerkliche Abzweigungen und Abwege einbauen, und plötzlich ist nicht nur die Sprache, sondern auch das Denken an Zielen, die man gar nicht hat erreichen wollen. Man nennt das Demagogie.

Die rhetorische Figur, die ich ansprechen will, heißt „Inversion“, auch Umkehrung genannt, anfangs meistens nur eine syntaktische Umstellung, gern aber auch eine gedankliche. Was ist eine Inversion? Eine berühmte zeitliche Inversion findet sich in Goethes „Faust“, wo Mephisto sagt: „Ihr Mann ist tot und lässt Sie grüßen.“ Das klingt harmlos, fast witzig, aber es ist gemein gemeint: erst der Schock, dann der Hohn, erst das absolut Unüberschreitbare, der Tod, dann die banalste Alltagsroutine „lässt Sie schön grüßen“. Die Absicht ist: den Schmerz verdoppeln. Man kann es auch anders nennen: Es ist die sprachliche Produktion von Sadismus.

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