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Frankreichs Kulturministerin : Eine Verlegerin für den Élysée-Palast

Wer befürchtete, mit Macron hielte die kalte Effizienz Einzug in Frankreichs Kulturpolitik, darf jetzt erleichtert aufatmen: Françoise Nyssen auf dem Weg zu ihrem ersten Kabinettstreffen im Élysée-Palast. Bild: Reuters

Emmanuel Macron ernennt eine renommierte Verlegerin zur Kulturministerin und beruhigt damit seine Kritiker. Wer ist diese Françoise Nyssen?

          Nach Cannes, wo wenige Stunden nach der Regierungsbildung in Paris das Filmfestival eröffnet wurde, musste sie ohnehin. Der Verlegerin von Actes Sud wird für eine Buchreihe ein Preis verliehen. Als neue Kulturministerin aber muss sie über den roten Teppich gehen. Ihre Berufung ins Kabinett war so überraschend, dass Françoise Nyssen, deren Name der breiteren Öffentlichkeit bislang kaum bekannt war, von einem Nachrichtensender im ersten Moment als Ministerin für Landwirtschaft – Agrikultur – bezeichnet wurde.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Die „französische Kultur“ war im Wahlkampf ein entscheidendes Thema. Emmanuel Macron hatte ihre Existenz in Frage gestellt und lieber von einer multiplen Kultur gesprochen. Er war deswegen von den rechten Politikern des Identitäts-Fetischismus wie von den durchaus aufgeklärten konservativen Intellektuellen angefeindet worden. Sie bezichtigten ihn der Anbiederung an den Islam.

          Die Kulturpolitik an sich spielte überhaupt keine Rolle, und in diesem Befund spiegelt sich ihr Bedeutungsverlust wider. Als erster Sozialist nahm Präsident Hollande sie von den Sparmaßnahmen nicht aus. Die Kehrtwende nach den Attentaten hatte die angestrebte Versöhnung der Linken mit den Kulturschaffenden nicht ermöglicht. Auch das einst begehrte Ministerium verlor an Ansehen. Zuletzt hievte Hollande Audrey Azoulay, eine seiner Beraterinnen im Elysée, ins Amt – nach dem „Modell Macron“, den er zum Wirtschaftsminister gemacht hatte.

          Europaweiter Kulturgutschein

          Erst vor dem Louvre, dem größten Museum der Welt, ließ Macron in der Stunde des Triumphs und seiner Inszenierung für die Geschichte eine fast übermütige Begeisterung für die Kulturpolitik erkennen. Sie werde „Priorität“ haben in seiner Ära. Man erinnerte sich an Mitterrand und seinen Kulturminister Jack Lang, die die Kulisse zu Macrons Rede – die Glaspyramide – einst hatten bauen lassen.

          Als einziger Kandidat hatte Macron vor der Wahl nicht nur Versprechungen gemacht, sondern „Effizienz“ gefordert. Für jeden Bereich kündigte er „Verfahren der Evaluation“ an, gegen die der Kulturbetrieb allergisch reagiert. Seit Jahren steigt die Zahl der Künstler und Produktionen, nicht aber der Besucher. Die Hälfte der Franzosen profitiert nicht von den staatlichen Aufwendungen für die Kultur. Macron will die bislang gescheiterte Demokratisierung der Kultur in Gang bringen. Die Bibliotheken werden abends und am Wochenende geöffnet. Zum 18. Geburtstag bekommen die Bürger eine Gutschrift von 500 Euro überreicht, die sie für Kultur in jeder Form ausgeben dürfen. Damit soll die Nachfrage angekurbelt werden. Den Scheck möchte der Präsident europaweit einführen.

          Die französische Heimat deutschsprachiger Literatur

          Bedauert wird im Wahlprogramm des „Umbaus“ und der „Neubegründung“ der Kulturpolitik die schwindende Ausstrahlungskraft der französischen Kultur. Mit ihrer neuen Ministerin kann Macron seine Kritiker beruhigen. Françoise Nyssen leitet den von ihrem Vater in Arles begründeten Verlag Actes Sud, dem es nicht leichtgemacht wurde, sich im Pariser Literaturbetrieb durchzusetzen. Inzwischen ist der Verlag, der in der Provinz beheimatet ist, eine erste Adresse der europäischen Literatur. Mit Jérôme Ferraris „Predigt auf den Untergang Roms“ (Secession) und Mathias Énards „Kompass“ (Hanser Berlin) hat Actes Sud Goncourt-Preise bekommen, die weit über Paris hinaus von Bedeutung sind.

          Auch Nobelpreisträger und Kamel Daoud werden in Arles verlegt. Dank der Lektorin Martina Wachendorff ist Actes Sud zu so etwas wie der französischen Heimat der deutschsprachigen Literatur geworden. Er hat Jean Amérys postume Entdeckung in Frankreich ermöglicht und dafür gesorgt, dass Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ wie Giulia Enders’ „Darm mit Charme“ auch auf Französisch phänomenale Erfolge erzielen konnten. Ingeborg Bachmann, W.G. Sebald, Elfriede Jelinek stehen auf der Backlist, außerdem Enzensberger, Paul Nizon und Juli Zeh. In den vergangenen Monaten publizierte Martina Wachendorff die neuen Bücher von Gila Lustiger, Peter Stephan Jungk, Alain Claude Sulzer, Sybille Berg, Alex Capus, Maxim Biller. Ihre französische Verlegerin ist jetzt Kulturministerin.

          Mit Françoise Nyssen rückt das Buch aufs Neue ins Zentrum der Kulturpolitik. Bezüglich seiner Förderung und seiner Verteidigung – Preisbindung, Digitalisierung, Autorenrechte – kann Frankreich damit seiner Führungsrolle gerecht werden, die zuletzt Jack Lang spielte. Den Vergleich mit André Malraux – der mehr als jeder spätere Kulturminister für die Demokratisierung bewirken konnte – wird man erst in Zukunft ziehen können. Aber schon jetzt darf man sich auf die kommende Buchmesse mit Françoise Nyssen als Ministerin und Frankreich als Gastland ganz besonders freuen.

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