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Veröffentlicht: 03.11.2015, 10:36 Uhr

„Er ist wieder da“ im Kino Der Adolf in uns allen

Der Kinofilm „Er ist wieder da“ will uns zeigen, wer wir sind. Sind wir nicht alle – oder viele – ein bisschen Hitler? Das ist die Moral einer Komödie, die mit zweifelhaften Mitteln arbeitet und zu einem zweifelhaften Ergebnis kommt.

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© dpa „Er ist wieder da“, so heißt der Film. Er war niemals weg, so lautet die Botschaft. Die Rolle des Adolf Hitler übernimmt der Schauspieler Oliver Masucci.

Im Kino läuft zurzeit ein Film, der eine Satire sein will. In Wahrheit ist er eine experimentelle Anordnung und ein Pamphlet. Er heißt „Er ist wieder da“, nach dem Roman von Timur Vermes und ist mit Stars reichlich besetzt. Katja Riemann und Christoph Maria Herbst etwa spielen mit. Bis zum letzten Wochenende hatten ihn rund 1,75 Millionen Menschen gesehen. Worüber lachen sie? Vordergründig über den Schauspieler Oliver Masucci, der in angekokelter Führeruniform durchs Land reist und eine Botschaft unter die Leute bringt, die sich seit 1933 nicht verändert hat: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Wobei Adolf Hitler sich schon wundert, dass dieses Deutschland, das er 1945 nur noch der Vernichtung für würdig befunden hat, überhaupt noch existiert. Um die Deutschen also geht es, und ihnen soll das Lachen im Halse steckenbleiben. Denn die Moral von der Geschichte ist nicht „Er ist wieder da“. Sie lautet: Er war niemals weg, denn er lebt in uns, in jedem einzelnen. Adolf, der Menschenfeind und Massenmörder – das sind wir alle.

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Der Produzent Oliver Berben hat das vor ein paar Tagen, als er in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz zu Gast war, fast ebenso explizit formuliert, wie es Oliver Masucci als Hitler dem bemitleidenswerten Filmemacher Sawatzki (Fabian Busch) ins Gesicht sagt, der ihn aus der Versenkung geholt hat, weil er mit dieser irren Führerfigur ganz groß rauskommen will, aber irgendwann kapiert, dass er es nicht mit einem Comedian, sondern dem echten Bösen zu tun hat: Mich wirst du nie mehr los, töten kannst du mich schon gar nicht.

Selfie mit dem „Führer“

Da hat der Führer seinen Siegeszug schon angetreten. Die Menschen jubeln ihm zu, er stellt sich vors Brandenburger Tor und lässt sich fotografieren, geht ins Gasthaus zum Stammtisch, an dem rechte Parolen die Runde machen, tingelt durch Talkshows, wird bestaunt von der Presse, bejubelt vom Boulevard und zum Hit bei Youtube. Die Führung der NPD macht er derweil beim Ortsbesuch in der Parteizentrale zur Minna, weil sie so ein verlorener Haufen sei. Wenn er bloß die SS wieder hätte! Hitlers scheinbar unaufhaltsamer Aufstieg bekommt erst dann einen Knacks, als ein Video auftaucht, das zeigt, wie er einen Hund erschießt. Hetze gegen Minderheiten, Gefasel vom Wohl des deutschen Volkes – das geht. Kein Herz für Tiere – das geht nicht, vor allem nicht mit den Grünen, die sich der neue, alte Hitler gut als Koalitionspartner vorstellen kann. Schließlich ist Naturschutz nichts anderes als Heimatschutz, und wie man die Heimat schützt, das weiß niemand besser als er.

© Constantin Film Kinotrailer: „Er ist wieder da“

Man merkt, für wie schlau sich die Macher von „Er ist wieder da“ halten. Sie denken, sie hielten uns den Spiegel vor und wir bekämen das gar nicht mit. Dabei spielen einige von uns doch sogar mit: „Er ist wieder da“ arbeitet mit einer Spielhandlung und spielt scheindokumentarisch mit Menschen, denen der vermeintliche Hitler in Alltagssituationen vor die Nase gestellt wird. Asiatische Touristen finden ihn lustig, eine junge Frau sagt: „I love Hitler“, Fußballfans rasten aus und verprügeln einen Mann, der „Scheiß Deutschland“ skandiert, am Stammtisch auf Sylt oder in Passau schwadronieren ältere Herren, sie hätten nichts gegen Ausländer, aber! Die Frau von der Imbissbude schließlich fasst zusammen, was uns innerhalb von zwei Stunden an Ressentiments um die Ohren gehauen wird: Es gibt keine Demokratie, Politiker sind korrupt, Ausländer kriminell, schon deren Kinder eine Plage, und seine Meinung darf man auch nicht sagen. Das werde ich ändern, verspricht der freundliche Herr Hitler. Da bittet die Frau vom Imbiss um ein Erinnerungsfoto.

Kinofilm "Er ist wieder da" © dpa Vergrößern Trubel: Der Hitler-Darsteller nimmt vor dem Brandenburger Tor ein Bad in der Menge.

Am schlimmsten trifft es die nette ältere Dame in einer türkischen Reinigung, die plötzlich diesen Herrn mit dem schneidenden Tonfall vor sich hat, der sich seiner Klamotten bis auf die Unterhose entledigt und darauf dringt, seine Montur bis zum nächsten Morgen sauber und gestärkt zurück zu haben. Handelt es sich doch um eine „Blitz-Reinigung“. Ist das nicht witzig?

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Das ist es leider nicht, denn die Dame mit dem Kopftuch wird in eine Situation geworfen, der sie nicht entkommen kann. Sie wird als Idiotin dargestellt. Eingeführt hat die Methode der gezielten Provokation der amerikanische Komiker Sacha Baron Cohen mit seiner Kunstfigur Borat. Das hatte schon bei Cohen etwas Denunziatorisches, weil er Menschen zum Mittel der Inszenierung macht. Bei „Er ist wieder da“ gewinnt dies noch an Schärfe, weil hier kein Unbekannter im Tanga antisemitische Liedchen trällert, sondern der vermeintlich leibhaftige Hitler brüllt. Wie soll man darauf reagieren? Die Inszenierung ernst nehmen, einschreiten, sich fernhalten? Wie man auch reagiert, man wird Teil der Inszenierung, die behauptet, sie habe Verweischarakter. Nur ein Passant wettert dagegen.

Die Randständigen, die Rechten, heben natürlich den Arm zum Gruß. Welche Idioten echt sind und welche Teile der Inszenierung verrät uns der Produzent Berben wohlweislich nicht, der seinem im vergangenen Herbst gedrehten Film offenbar mit Blick auf die jetzige Flüchtlingskrise seherische Qualitäten beimisst. Zum Schluss lässt er Pegida aufmarschieren. „Wir sind das Volk!“, hören wir sie brüllen – sie, die wir alle sein sollen, die wir Hitler sein sollen in dem dümmsten und perfidesten Film, der seit langer Zeit in die Kinos gekommen ist.

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