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Foto-Ausstellung : Das Album des Mörders

Herrscherpose: Obersturmbannführer Koch mit Hund Bild: dpa

Die Gedenkstätte Sachsenhausen zeigt in einer Ausstellung Bilder aus dem Dienstalbum des KZ-Kommandanten Karl Otto Koch. Dokumente des SS-Terrors aus Sicht der Täter.

          Niemand weiß, wie das Fotoalbum des Lagerkommandanten Karl Otto Koch nach Moskau geriet. Seine Mitarbeiter sollen es ihm zum vierzigsten Geburtstag geschenkt haben. Das war 1937, Koch hatte den Bau des sogenannten Musterlagers Sachsenhausen geleitet, und diese Zeit ist auf grauenhaft banale Art auf den fünfhundert geknipsten Fotos mit Mäusezahnrand festgehalten. Kurz danach hatte der SS-Standartenführer das Konzentrationslager Buchenwald übernommen. Als bald nach dem Krieg der erste sowjetische Prozeß gegen die Mörder aus Sachsenhausen in Berlin-Pankow begann, war Koch längst tot. Seine Witwe Ilse, mindestens so brutal wie ihr Mann, den Überlebende zu den Schlimmsten seiner Art zählten, befand sich damals in einem amerikanischen Internierungslager.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Der Fund dieser Fotografien im NKWD-Archiv ist insofern bemerkenswert, als sie zeigen, wie die SS sich selbst sah. Und sie dokumentieren den nationalsozialistischen Staatsterrorismus in jener Zeit, als er sich logistisch perfekt organisierte. Die Karriere-Stationen des Karl Otto Koch als Kommandant der Konzentrationslager Hohnstein, Sachsenburg, Columbia-Haus, Esterwege und Sachsenhausen illustrieren in diesen simplen Bildern das System genauso wie den Geist seiner Vollstrecker. Die Gedenkstätte Sachsenhausen zeigt die Sammlung jetzt in einer kleinen Ausstellung, ein umfangreicher Katalog erscheint demnächst im Metropol Verlag.

          „Laufschritt, sonst gibts Dunst“

          Die Bilder vom blitzsauberen Alltag im Konzentrationslager, mit schneidig-forschen Herrenmännchen in ihren schwarzen Uniformen, den demütigen und wohlgenährten Häftlingen, den immerwährend blankgeputzten Stiefeln, gleißenden Säbeln und herausgereckten Männerhintern beim Hitlergruß sind nur schwer zu ertragen. Die Gedenkstätte verzichtet auf umfangreiche Erörterungen zum SS-System in den Konzentrationslagern, läßt deren Selbstbild statt dessen von ehemaligen KZ-Häftlingen kommentieren. Es sind lakonische, knappe Zeugenaussagen, die originale Bildunterschriften wie etwa „Laufschritt, sonst gibts Dunst“, „Da heißt es anfassen!“, „Arbeitsschluß! Die Häftlinge kehren ins Lager zurück“ oder „Antreten zum Sonntagsspaziergang“ hinreichend konterkarieren.

          SS-Führer mit Häftling

          Die Grausamkeiten der Wachmannschaften, die entsetzliche Schinderei der Arbeitskommandos, die bereits in dieser frühen Phase der Lager viele Todesopfer forderte, die Unterernährung der Häftlinge, sie sind auf den Fotos nicht zu sehen. Aber gerade wegen dieser konsequenten Abwesenheit offensichtlicher Brutalität entfaltet die Sammlung eine beklemmende Aura des Grausamen.

          Seerosenteich hinter Knüppelzäunchen

          Das „saubere“ Lager Sachsenhausen war das erste eines neuen Typs, zu dem neben Häftlingsbaracken und Kasernen für die Wachtruppen auch Wohnsiedlungen für die SS-Leute und ihre Familien gehörten. Die spießige Gemütlichkeit dieser Wohnhäuser, mit Blumenkästen und Seerosenteich hinter Knüppelzäunchen gehörte zum System. Die Wohnung ganz in der Nähe von Papas Arbeitsplatz suggerierte Normalität, die helfen sollte, sofern dies nötig war, die Skrupel vor Gewalt und Tod zu vermindern. Karl Otto Koch und seine Frau Ilse hatten solche Art der Beschwichtigung nie nötig.

          Sachsenhausen, das vor dem Krieg zahlreiche Delegationen professionell Neugieriger erlebte - neben schwedischen Journalisten, hohen polnischen Polizeioffizieren, immer aufmerksam lauschenden Vertretern internationaler Organisationen vor allem Berliner Beamte, die dorthin ihre Betriebsausflüge organisierten -, sollte als Musterlager nationalsozialistischer Umerziehung gelten, was die meisten Besucher offenbar akzeptierten. Sein Architekt Kuiper nannte es später einmal „das schönste Konzentrationslager Deutschlands“, Himmler rühmte es als ein „modernes, vollkommen neuzeitliches Konzentrationslager“.

          Lächerliche Posen

          „Hier wuchsen an manchen Fußwegen Blümchen in schönen Beeten. Hier wurden mitten in den Blümchen die Menschen gefoltert“, erinnerte 1995 der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski, der das Lager schwer mißhandelt überlebte, in einer Gedenkrede. In der Ausstellung hängt ein Bild, das Szczypiorskis bitteren Satz illustriert. Die Originalunterschrift lautet nüchtern: „Blick auf den D-Turm, 1937“. Es zeigt einen der Wachtürme, den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun, die eisernen „spanischen Reiter“, den Stolperdraht und davor sauber eingerahmte Primelbeete, durchzogen von ordentlichen Wegen, „die einst so sorgfältig gepflegt wurden, damit die Stiefelschäfte der SS-Leute möglichst lange ihre polierte, glänzende Oberfläche behielten“ (Andrzej Szczypiorski).

          Die Hauptperson dieses „Dienstalbums“ ist der Lagerkommandant, der selbst fotografiert oder sich in lächerlichen Posen inszeniert, als Feldherr, Bauherr, inmitten der SS-Kameraderie. Sein Pferd trägt eine Satteldecke mit Totenkopf, sein ganzer Stolz ist die Dogge Afra, die ihm bis zur Hüfte reicht und ihn auf seinen Rundgängen begleitet. Wenige Wochen bevor Koch nach Buchenwald versetzt wurde, heiratete er Ilse Köhler. Der standesamtlichen Eheschließung folgte die „Eheweihe“ der SS; ein Foto zeigt Braut und Bräutigam - er in schneidiger Uniform, sie in rosenbedrucktem Kleid - inmitten fackeltragender Kameraden zu Mitternacht im Eichenhain unweit des Lagers.

          Der rasch angehäufte Reichtum dieses schrecklichen Paares erweckte wenig später in Buchenwald das Mißtrauen von SS-Inspekteuren. Den ersten Korruptionsprozeß überstand Koch noch, weil Himmler dies verfügte. Doch 1944 wurde Koch, der nach Ansicht seiner Richter das Ideal der sauber-anständigen SS beschmutzt hatte, wegen Unterschlagungen von Staatsgeldern und Morden an Häftlingen zum Tode verurteilt. Drei Wochen bevor die Todeslager befreit wurden, die dieser SS-Mann der ersten Stunde geführt hatte, wurde er im Konzentrationslager Buchenwald erschossen. Ilse Koch, die man wegen ihrer Grausamkeit die „Hexe von Buchenwald“ nannte, nahm sich 1967 im Frauengefängnis von Aichach das Leben.

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