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Forschung an der Zukunftsmaschine Die Berechnung der Welt

 ·  In Zürich will ein Professor auf einem Computer das gesamte Weltgeschehen simulieren. Menschliches Verhalten und die Zukunft sollen so berechenbar werden. Wollen wir das überhaupt?

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Die Finanzkrise hätte es nicht gegeben, der Tsunami hätte nicht 230.000 Menschen getötet, und auch Hitler wäre nicht an die Macht gekommen: Wenn alles nur besser gesteuert wäre. Dirk Helbing läuft mit großen Schritten auf das sozialwissenschaftliche Institut der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich zu. Der Professor hat es eilig. Er will die Zivilisation retten. Mit Computern, die den Menschen helfen, sich selbst zu steuern. Und um diese Computer zu bauen, braucht Helbing eine Milliarde Euro - die Hälfte davon soll die EU bezahlen.

Sein Projekt hat es in die letzte Runde des „Future and Emerging Technologies“-Wettbewerbs der EU geschafft - noch nie zuvor wurden so hohe Fördermittel an Forscher vergeben. Wenn Helbing und sein Team gewinnen, wollen sie das gesamte Geschehen auf der Welt mit einem Supercomputer simulieren: Sämtliche verfügbaren Informationen über alle und alles, von überall, sollen permanent einfließen. So soll die Zukunft vorhersehbar werden.

Technik leistet Denkarbeit

„Wir verstehen die Zusammenhänge in der globalisierten Welt nicht mehr gut genug“, sagt Helbing. „Es fällt uns schwer zu sehen, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, weil unsere Gehirne komponentenorientiert denken.“ Unsere Gehirne hätten Mühe, das Zusammenspiel des Handelns vieler Akteure zu verstehen. „Deshalb unterschätzen wir Kettenreaktionen, die zum Beispiel zur gegenwärtigen Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise geführt haben.“

Ein Jahr vor dem Banken-Crash unterhielt sich Helbing auf einer Konferenz in Dresden mit Vertretern der Europäischen Kommission. Keiner der Experten habe die Finanzkrise kommen sehen, sagt Helbing - außer ihm selbst. Er habe gewusst, dass es Kaskadeneffekte, wie er das nennt, geben würde, und erkannt, dass die Politik das nicht versteht. Da sei ihm klar geworden: Die Zeit ist reif für sein Projekt zur Berechnung der Welt. „FuturICT“, was, entknotet und ins Deutsche übersetzt, ungefähr bedeutet: die Vorhersage der Zukunft mit Informations- und Kommunikationstechnik. Was die Gehirne der Politiker nicht leisten können, müsse die Technik erledigen. „Wir brauchen neue Erkenntnisinstrumente. Früher gab es ein Fernrohr, in Zukunft muss es Instrumente geben, die Feedback- und Kaskadeneffekte im Vorfeld erkennen lassen.“

Pilger in Mekka

Helbing steigt die Treppen zu einer dreistöckigen Stadtvilla empor. Als er Ende 2007 von Dresden an die ETH Zürich kam, war kein Platz mehr im Neubau gegenüber, in dem die Sozialwissenschaftler normalerweise untergebracht sind. Aber Helbing ist sowieso kein normaler Sozialwissenschaftler. Der gelernte Mathematiker und Physiker hat dreimal die Disziplin gewechselt. Eine Soziologie-Vorlesung hat er als Student nie besucht, jetzt hält er sie als Professor. „Die Grenzen zwischen den Disziplinen sind virtuell. Und sie stehen dem Verständnis der Welt von heute im Weg“, sagt Helbing. Als Physikstudent hat er sich gefragt, ob man, statt immer wieder Elementarteilchen zu beobachten, die zugrunde liegenden Formeln und Methoden nicht eher zur Beobachtung von Menschen und Gesellschaft nutzen sollte. Um zu verstehen, warum auf der Welt so viel schiefgeht und wie es besser laufen könnte.

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