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Veröffentlicht: 10.05.2016, 09:04 Uhr

Verkehrte Flüchtlingspolitik Schaut endlich auf die Christen!


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Schlimmer noch: Sobald bekannt werde, sie hätten geredet, würden die Übergriffe noch intensiver, ohne dass Behörden einschritten. Fast alle Befragten gaben an, häufig von muslimischen Flüchtlingen angegriffen zu werden, aber auch muslimische Wachschützer sind beteiligt. Viele schwiegen zudem aus Furcht vor Verrat, aus Sorge um die Familien daheim, die dort untergetaucht sind. „In den Lagern herrscht ein Klima der Panik und der Angst“, sagt Markus Rode.

„Masterplan Integration“

„Vergesst die Christen nicht!“ Das schrieb der im Januar verstorbene Lord Weidenfeld in seinem letzten Kommentar für die „Welt“. Der Verleger hatte 2015 gemeinsam mit jüdischen Organisationen und Philantropen ein Netzwerk gegründet, um orientalische Christen zu retten. Es arbeitet inzwischen sehr erfolgreich mit christlichen Menschenrechtsorganisationen zusammen. George Weidenfeld appellierte an die Gesellschaften Europas, sich an dieser Aktion zu beteiligen, weil die Christenverfolgung vor allem im muslimischen Nahen Osten immer grausamer und effizienter werde.

Wenig später, im April, diskutierten Berliner Verwaltungen und Politiker den „Masterplan Integration“. Es soll einiger nachdrücklicher Stellungnahmen und Interventionen von Menschenrechtsorganisationen bedurft haben, bis die in den vermeintlich „sicheren Hafen“ der deutschen Hauptstadt geflüchteten Christen in die Gruppe der besonders Schutzwürdigen aufgenommen wurden. Die „Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung“ zählt diese bedrängte Minderheit ebenfalls nicht zu jenen Gruppen, die als „besonders vulnerabel und schutzwürdig“ eingestuft werden.

Schaut endlich hin und nicht weg!

Inzwischen wagen es viele christliche Flüchtlinge nicht mehr, sich als solche zu erkennen zu geben. Warum, so eine Frage auf der Pressekonferenz am Montag, greift der Staat hier nicht ein? Der Rechtsstaat brauche Beweise, hieß es. Warum aber gibt es außer Volker Kauder kaum einen deutschen Politiker, der zumindest die Gefährlichkeit dieses Konfliktes, auch für unser Gemeinwesen, erkannt hat? Liegt es etwa daran, dass sich die AfD des Themas bemächtigt hat? Eine Journalistin forderte von den Vertretern der Menschenrechtsorganisationen am Montag allen Ernstes, sich dazu zu äußern, also abzugrenzen. Ist eine Vergewaltigung keine mehr, wenn ein AfD-Politiker auf sie aufmerksam gemacht hat?

Wie kann es sein, dass sich in unserem Land, wo Hunderttausende ihre „Willkommenskultur“ monatelang feierten und jeden angifteten, der auf offensichtliche Probleme hinwies, ein solcher Skandal ohne nennenswerte Gegenwehr entwickelte? Muss erst auch Deutschland im jährlichen Weltverfolgungsindex als unsicherer Ort für orientalische Christen auftauchen, bis sich etwas tut? „Fluchtursachen wirksam bekämpfen - weltpolitische und europäische Perspektiven“: Das ist nur eine von mehreren Einladungen zum Exilland Deutschland, die tagtäglich die Redaktion erreichen. Eine Frage, über die dann zum hundertsten Male diskutiert werden soll, ist die nach einem besseren Krisenmanagement. Ja, möchte man zurückmailen: Schaut endlich hin und nicht weg und fangt im eigenen Hause damit an!

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