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„Willkommenskultur“ : Wie Medien über die Flüchtlingskrise berichteten

„Wir schaffen das“: Das Bild vom Flüchtling, der im September 2015 ein Selfie mit Angela Merkel machte, war ein medialer Hit. Bild: dpa

Krisenberichterstattung: Eine Studie der Otto Brenner Stiftung schlüsselt auf, wie Tageszeitungen und Onlinemedien mit der Flüchtlingskrise umgegangen sind. Das Fazit ist eindeutig.

          Was bleibt von der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise, die im Frühjahr 2015 in Deutschland die Griechenland-Rettung als mediales Megathema ablöste und bis weit ins Jahr 2016 hinein die Nachrichten beherrschte? Bilder von überfüllten Booten und aus dem Lager Idomeni; das Foto eines ertrunkenen Flüchtlingsjungen an einem türkischen Strand und das Video fremdenfeindlicher Attacken auf einen Bus mit Flüchtlingen in Clausnitz; Angela Merkels Selfie mit einem Flüchtling in Berlin, Aufnahmen von Menschen, die am Münchner Hauptbahnhof Neuankömmlingen „Welcome“-Plakate entgegenstreckten; dann Bilder der Kölner Silvesternacht – und um solche Presseaufnahmen herum eine unübersehbare Flut von Nachrichten und Kommentaren?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die bislang umfassendste wissenschaftliche Studie, die sich mit der Rolle der deutschen Medien während der Hochphase des Flüchtlingszustroms beschäftigt, zieht im Rückblick ein ernüchterndes Fazit. Journalisten seien ihrer Rolle als Aufklärer nicht gerecht geworden, resümiert der Studienleiter Michael Haller. Statt kritisch zu berichten, habe der „Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite“ übernommen und sei selbst mehr als politischer Akteur denn als neutraler Beobachter aufgetreten. Sorgen und Ängste der Bevölkerung seien hinter der großen Erzählung von der „Willkommenskultur“ fast völlig zurückgedrängt, Andersdenkende seien diskursiv ausgegrenzt worden. Haller geht davon aus, dass dies eine „Frontbildung“ in der Gesellschaft befördert habe. Erst nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht 2015 „entdeckten die Medien die reale Wirklichkeit hinter der wohlklingenden Willkommensrhetorik“.

          Die große Erzählung von der „Willkommenskultur“

          Michael Haller, ist wissenschaftlicher Direktor des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung. Für die von der Otto Brenner Stiftung in Auftrag gegebene Studie „Die ,Flüchtlingskrise‘ in den Medien, Tagesaktueller Journalismus zwischen Meinung und Information“ untersuchte er mit seinem Forscherteam an der Hamburg Media School mehr als 30.000 Medienberichte, die zwischen Februar 2015 und März 2016 publiziert wurden. Ausgewertet haben die Forscher Veröffentlichungen in überregionalen Tageszeitungen – in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Welt“ sowie der „Bild“-Zeitung –, in Online-Medien (focus.de, tagesschau.de, „Spiegel Online“) und in 85 Lokal- und Regionalzeitungen. Die Rolle von Wochenzeitungen und Fernsehsendern (außer die des Internet-Ablegers der ARD-Nachrichten) beleuchtet die Untersuchung nicht.

          Schon für das erste Halbjahr 2015 konstatiert Haller einen Überfluss an Beiträgen zur Flüchtlingsthematik in den Onlinemedien. Im Sommer des Jahres steigerte sich die Zahl der entsprechenden Texte auf eine durchschnittliche Menge von siebzehn Beiträgen pro Tag bei den ausgewerteten Websites. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise zählt Haller in einzelnen Zeitungen durchschnittlich sieben Artikel zum Thema.

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