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Migrationsforschung : Integration ist machbar, Nachbar

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Der Historiker Jörg Baberowski wirft der Politik den Verlust des Unterscheidungsvermögens in der Flüchtlingsdebatte vor. Kennt er die Unterschiede? Eine Antwort aus der historischen Migrationsforschung.

          In Deutschland wird die Debatte um die Folgen von Einwanderung, Flucht und Asyl nicht erst seit der jüngsten Flüchtlingskrise emotional geführt. Nun hat sich Jörg Baberowski, ein über die Grenzen des Faches anerkannter Historiker, mit einem Gastbeitrag zu Wort gemeldet. Allerdings verzichtet Baberowski in seiner Argumentation weitgehend auf den Erkenntnisstand der historischen Migrationsforschung, um wie ein „besorgter Bürger“ mit vorwissenschaftlichen Glaubensbekenntnissen in die Debatte einzugreifen. Da solchen doch eher persönlichen Einlassungen schnell der Ruf einer wissenschaftlichen Expertise zugesprochen wird, lohnt es sich, Baberowskis migrationspolitischen Einwurf einmal migrationshistorisch unter die Lupe zu nehmen.

          Im Kern baut Jörg Baberowski einen Gegensatz zwischen nutzenbringender und steuerbarer Arbeitswanderung einerseits und ungesteuerter Fluchtzuwanderung andererseits auf. Letztere gefährde den „sozialen Frieden“ und den „gesellschaftlichen Überlieferungszusammenhang“. Doch beide Phänomene gehen ineinander über und werden erst im Nachhinein auf dem Schreibtisch der Sachbearbeiter entsprechend kategorisiert. Außerdem ist zu betonen, dass die Aufnahme von Flüchtlingen nach der Genfer Flüchtlingskonvention oder die Gewährung von Asyl nach dem Grundgesetz die am stärksten durch Restriktionen und Regulierungen gekennzeichnete Form der Migration ist. Die Illusionen der im Dublin-System festgeschriebenen Drittstaatenregelung und der gezielten Steuerbarkeit von Migration haben dazu beigetragen, dass Deutschland seit 1993 genau jene Infrastruktur zur menschenwürdigen und rechtsstaatlichen Asylbearbeitung minimiert, die in dieser Krise so dringend benötigt wird.

          Wer sind „wir“ eigentlich?

          Dieses System wurde maßgeblich von Deutschland eingeführt. Solange die Masse der Flüchtlinge in Südeuropa verharrte, sperrte sich die Bundesregierung gegen jede Verteilung nach Quoten. Italien, so stellte der damalige Innenminister Friedrich (CSU) klar, sei für seine Flüchtlinge selbst verantwortlich. Somit wendet sich nicht Resteuropa von der Tugendhaftigkeit eines sozialromantischen Deutschlands ab. Vielmehr kapituliert die Bundesregierung derzeit vor einem selbstgeschaffenen Problem.

          Und schließlich bietet die deutsche Geschichte genügend Beispiele, dass die erfolgreiche Integration von Einwanderern und die Bewältigung der sozialen Folgen von Migration nicht primär von deren Steuerung nach Nützlichkeitskriterien abhängt, sondern von der Bereitschaft der aufnehmenden Gesellschaft, in die Eingliederung zu investieren.

          Baberowski schreibt: „Gemeinsam Erlebtes, Gelesenes und Gesehenes - das war der soziale Kitt, der unsere Gesellschaft einmal zusammengehalten hat.“ Die Aufgabe eines Historikers bestünde nun aber darin, dieses „einmal“ genauer zu definieren. Wann erlebten „wir“ denn dieses goldene Zeitalter? Im Kaiserreich des Kulturkampfes, der Sozialistenverfolgung oder der Germanisierung des deutschen Ostens? Während des Massensterbens im Ersten Weltkrieg mit Judenzählung, Zwangsdeportationen und Hungerunruhen? In der von politischer Gewalt und rassistischer Propaganda erschütterten Weimarer Republik?

          Auch für die deutsche Nachkriegsgeschichte ist es fraglich, wann dieser gesellschaftliche Zusammenhalt so fundamental gewirkt haben soll. Als unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die ethnische Homogenität der deutschen Bevölkerung am stärksten ausgeprägt war, galten der autochthonen Bevölkerung der vier Besatzungszonen die deutschen Vertriebenen als „Polacken“, „Russen“, als ungebetene Fremde. Diese stigmatisierende Sicht auf Einwanderer spürten ebenso die Flüchtlinge aus der SBZ/DDR, die Aussiedler aus Polen und der Sowjetunion und die Spätaussiedler nach dem Untergang des Kommunismus. Diese Konfliktebene der deutschen Zeitgeschichte schlicht zu ignorieren zeugt selbst von einem romantisierenden Rückblick.

          Kronzeugen gegen heutige Flüchtlinge

          Baberowski spricht davon, dass „die Integration von mehreren Millionen Menschen in nur kurzer Zeit den Überlieferungszusammenhang, in dem wir stehen und der einer Gesellschaft Halt gibt und Konsistenz verleiht“, zerstöre. Doch trotz der genannten Fremdheitserfahrung gelang sowohl der Bundesrepublik als auch der DDR die Integration von mehreren Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen in relativ kurzer Zeit. Die Maßnahmen reichten von Ausbildungsförderung über Ansiedlungs- und Wohnungsbauprogramme bis hin zu Darlehen zur Existenzgründung. Das war auch die Grundlage für die erfolgreiche Integration von 4,5 Millionen Aussiedlern und Spätaussiedlern, die ohne jede Auswahl nach Qualifikation von 1950 an aus Osteuropa in die Bundesrepublik kamen. Drei Millionen von ihnen immigrierten allein nach 1987, davon die Hälfte bis 1992 ohne jede numerische Begrenzung. Gerade ihre Integration gilt als gelungen.

          Diese Erfahrung steht im Gegensatz zu der von „Millionen Einwanderern, die einst als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind“, die Baberowski als Kronzeugen gegen heutige Flüchtlinge ins Feld führt. Diese blieben entgegen allen Plänen im Lande und galten den Gewerkschaften als unwillkommene Lohndrücker, den Sicherheitsbehörden mal als kommunistische Agitatoren, mal als potentielle Kriminelle, den deutschen Stadtbewohnern als Fremdkörper in „gewachsenen“ Vierteln. Sie etablierten sich daher so langsam, dass die Älteren unter ihnen bis heute kaum eine Einbürgerungschance besitzen, während die Regierungspartei sich darüber streitet, ob denn nur ihre Arbeitskraft oder auch ihre Religion zu Deutschland gehöre.

          Die moderne Mittelklasse

          An dieser Stelle werden gerne kulturelle Unterschiede ins Feld geführt, die bei den heutigen Flüchtlingen prononcierter seien als bei Aussiedlern und Gastarbeitern von einst. Sozial stammen vor allem syrische Flüchtlinge aus einer weitgehend modernen Mittelklasse. Wollen wir also nicht ethnisieren, müssen wir die zeitabhängige Relativität kultureller Unterschiede in den Blick nehmen. Nach dem Krieg galt ein protestantischer Vertriebener in einer katholischen Gegend (oder umgekehrt) ebenfalls als „fremd“. Später stießen sowjetisch sozialisierte deutsche Zuwanderer auf große kulturelle Hürden. Die Wahrnehmung dieser Unterschiede verwischte sich mit der Zeit und war kein dauerhaftes Integrationshindernis.

          Diese Heterogenität der deutschen Einwanderungsgeschichte ignorierend, ruft Baberowski nach einem geregelten Zuzug von ökonomisch benötigten Arbeitskräften. Um dem den Charme des Machbaren zu verleihen, greift Baberowski zum Vorbild der klassischen Einwanderungsländer, die nur benötigte Immigranten einluden und unerwünschte abwehrten. Explizit erwähnt er dabei die Vereinigten Staaten. Diese schlossen per Gesetz 1882 und 1924 unter ökonomischen Argumenten - aber mit rassistischen Motiven - ganze Weltregionen von der legalen Einwanderung aus.

          Tellerwäscher mögen sie sein, Millionäre werden sie nicht

          Undokumentierte Einwanderung verhinderte das nicht, doch versagte das so eingestellte Einwanderungsland vor der größten Flüchtlingskrise seiner Zeit. Die hilfesuchenden, durch NS-Deutschland vertriebenen Juden wies es von seinen Toren ab und schickte sie großenteils zurück. Daran sollten wir uns besser nicht orientieren. Amerika lernte und reformierte die Einwanderungspolitik in den sechziger Jahren, indem es in fein definierten Programmen Hochqualifizierte selektiv ins Land lässt. Dies sollte ein deutsches Einwanderungsgesetz auch Baberowskis und unserer Ansicht nach tun.

          Ein solches Gesetz löst aber keineswegs das drängende Problem der illegalen Einwanderung. Auch die Vereinigten Staaten haben eine Südgrenze. Hier dringen jährlich trotz aller Sicherungsmaßnahmen und Gefahren eine geschätzte halbe Million Einwanderer ins Land. Zunehmend werden unbegleitete Minderjährige und sogenannte „Sicherheitsflüchtlinge“ von ihren Eltern oder Dörfern aus den instabilen mittelamerikanischen Staaten in das „Gelobte Land“ geschickt, um die Zurückbleibenden finanziell zu unterstützen. Ohne Asylrecht verdingen sie sich ungeachtet ihrer Qualifikation großteils entrechtet als Landarbeiter, Kindermädchen, Pflegekräfte und in anderen deregulierten Dienstleistungsjobs. Tellerwäscher mögen sie sein, Millionäre werden sie nicht.

          Wie soll eine effektive „Abwehr“ aussehen?

          Um wenigstens einigen den Einstieg in die Zivilgesellschaft zu öffnen, erkor Obama dieses mittlerweile generationenübergreifende Thema zum Zentrum seiner Einwanderungsreform. Sie scheitert jedoch an den Utopien der Republikaner, diese Grenze endlich abdichten zu können. Angesichts der Ineffizienz eines noch so ausgeklügelten Grenzzauns rief jüngst Donald Trump nach einer „Mauer“ zur Abwehr unerwünschter Immigranten. Ist dies unser Vorbild?

          Jörg Baberowski lässt uns im Dunkeln, wie eine effektive „Abwehr“ aussehen solle. Der Hohe Kommissar für Menschenrechte, Zeid Ra’ad, verurteilt den ungarischen Grenzzaun als „Verstoß gegen internationales Recht“. Doch selbst dieser Zaun verschiebt das Problem nur. Mauern, das wissen wir aus der deutschen Geschichte, funktionieren nicht ohne Schießbefehl. Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als eine europäische Einwanderungsgesellschaft ohne unrealistischen Kontrollglauben zu gestalten. Nicht nur in der deutschen, sondern auch in der Geschichte anderer EU-Mitgliedstaaten gibt es dafür lehr- und hilfreiche Erfahrungen.

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