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Flucht aus Afrika : Die Scham, wenn der Ausweg zerstört ist

Er würde am liebsten im Boden versinken: John sitzt in der nigerianischen Hoffnungslosigkeit fest. Bild: Rey Byhre

Zahllose Menschen wagen jedes Jahr die Flucht aus Afrika. Doch nicht allen gelingt sie. Was ein gescheiterter Versuch einem Menschen antut.

          Ein junger Mann in Jeans und kurzärmeligem Hemd sitzt auf den Eingangsstufen eines heruntergekommenen Hauses in Benin City, Nigeria, und hält sich die Hände vors Gesicht. Es sind keine Tränen, es ist auch kein durch Narben gezeichnetes Gesicht, das er vor der Öffentlichkeit zu verbergen versucht. Er schämt sich. Möchte im Boden versinken, sich in Luft auflösen, unsichtbar sein für die Welt. Ein Gescheiterter, der in seiner eigenen Heimat gestrandet ist. Sein Name ist John. Das viele für die Flucht nach Europa von Verwandten und Freunden geliehene Geld, der Höllentrip durch die Wüste, die Foltergefängnisse in Libyen – die ganze ertragene Qual und Pein und Erniedrigung, der körperliche und seelische Schmerz – alles ist umsonst gewesen. Ein Flugzeug hat ihn vor wenigen Wochen nach Nigeria zurückgebracht. „Das UN-Flugzeug war das erste Flugzeug, in dem ich saß“, sagt er. Die Wüste, die ihn beinahe umgebracht hätte, lag plötzlich unter ihm, bedrückend schön.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jetzt sitzt er, Mitte zwanzig, ein Alter, in dem man eigentlich Träume haben sollte anstatt sie begraben zu müssen, wieder in der Hoffnungslosigkeit fest. Als wäre dieses Schicksal nicht genug, kommen noch die Schulden hinzu sowie die Gläubiger, die ihm im Nacken sitzen, die ihn in Europa glauben und nicht wissen dürfen, dass er zurück ist. Und die Scham. Vor allem die Scham.

          Zuneigung und Absolution

          Zeigt man Ute Frevert, der Leiterin des Forschungsbereichs „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, die zuletzt das hervorragende Buch „Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht“ geschrieben hat, das Foto, sagt sie, der Traum, der dieser Fotografie folge, sei doch jener: dass jemand kommt, ein Vertrauter, der dem jungen Mann die Hände vom Gesicht nimmt, ihm sie auf die Knie legt und sagt: Du musst dich nicht schämen. Eine Geste der Zuneigung – und der Absolution. Das ist eine schöne Vorstellung, nur: Würde diese Geste tatsächlich länger als einen Moment die Scham lindern?

          „Obwohl er sich vor dem Fotografen, dem er nichts schuldet, gar nicht schämen muss, verbirgt er sein Gesicht“, sagt Ute Frevert. „Er sieht in die Kamera und denkt sich diese wahrscheinlich als eine Art Stellvertreter für all die Leute, die ihre Hoffnungen in ihn gesetzt haben und die er enttäuscht hat.“ Scham, so Ute Frevert, habe immer etwas mit persönlicher Zurechnung zu tun, damit, sich verantwortlich zu fühlen und diese Verantwortung auch zu übernehmen. Dabei sei die internalisierte Scham einfacher zu ertragen als eine Scham, die performativ eingefordert wird durch eine Präsenz des Publikums.

          Was kann der Schamgepeinigte tun, um der zermürbenden Schleife zu entkommen, welche psychischen Schutzmechanismen stehen ihm theoretisch zur Verfügung? Er könnte sagen: Eure Kategorien des Scheiterns sind nicht meine. Ich habe alles versucht. Es lag nicht in meiner Macht. Ein guter Katholik, so Ute Frevert, würde das akzeptieren, ein guter Protestant würde wohl antworten: „du hast dich nicht genug bemüht, hättest du härter gekämpft und die Zähne zusammengebissen, wärst du nicht gescheitert“. So oder so: niemand kann sich vom (ver-)urteilenden Blick der anderen freimachen.

          Und John selbst? Er sagt, er werde alles dransetzen, um Arbeit zu finden und seine Schulden zu begleichen. Doch eine Arbeit, mit der man eine Familie halbwegs ernähren könne, gleiche in Nigeria einem Lottogewinn. Genau deshalb hat er ja sein Leben riskiert.

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