10.05.2007 · 39 Millionen Deutsche sind zu dick, unter ihnen mancher Minister. Dennoch will das Kabinett „das gesunde Leben als gesellschaftlichen Wert verankern“. Werden jetzt staatliche „Fit statt fett“-Inspekteure in unseren Kühlschrank gucken? Christian Geyer über einen „Nationalen Aktionsplan“.
Von Christian GeyerDerart klar stand es mir bis jetzt noch nicht vor Augen: Ganz viele Menschen in meinem Lande sind zu dick, schlimmer noch: zu fett. Wie viele es genau sind? Die Bundesregierung rückte an diesem Mittwoch zum Auftakt ihres „Nationalen Aktionsplans Fit statt fett“ mit einer gigantischen Zahl heraus, mit einer Zahl, bei der einem Hören und Sehen vergehen: 39 Millionen Deutsche sind zu dick. Neun-und-dreißig-Mil-li-ooo-nen: das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Bei insgesamt 82 Millionen Deutschen sind das so viele, dass man sie glatt übersehen, ihr Aussehen für schon in Ordnung halten könnte.
Und in der Tat, ich muss gestehen, das Problem, das es offensichtlich ist, bisher nicht richtig ernst genommen zu haben. Wie mir mag es vielen ergangen sein: Man sieht die Dicken, aber man denkt sich nichts dabei. Das ist nun urplötzlich anders geworden. Jetzt habe ich einen Blick für Dicke gewonnen. Jetzt ist es so, dass ich unwillkürlich in dick und dünn selektiere und mir bei jedem Dicken meinen Teil denke. Aha, denke ich, schon wieder einer von denen - von den Faulen und Fresssüchtigen, von den Bewegungsscheuen und falsch Ernährten, die in einem fort die Ästhetik unserer Städte verschandeln und in unserem Land den Krankenversicherungen auf der Tasche liegen. Lassen Sie mich ganz ehrlich sein: Jetzt habe ich aufgehört, Dicksein als eine harmlose Sache zu betrachten, als eine statthafte, nur eben etwas andere physiologische Form, das Leben zu bewältigen. Unter meinem Sheriff-Blick ist die Welt ein Fitness-Center geworden, der Lebensweg ein Trimm-dich-Pfad.
Dabei ist jeder seiner Drahtigkeit eigener Schmied
Wer mir diesen Sheriff-Blick eingeimpft hat? Der Staat war's. Der Staat hat mir die Augen geöffnet, als er an diesem Mittwoch die „Eckpunkte“ für seinen Aktionsplan „Fit statt fett“ beschloss. Nicht das Eckige, das Mollige stört. Ulla Schmidt und Horst Seehofer, die beiden Dicksten aus dem Kabinett, stellten den Aktionsplan vor (Umweltminister Gabriel ist mit dicken Maßstäben nicht zu messen, er muss nach den Kriterien des regierungsamtlichen Aktionsplans als „fett“ bezeichnet werden; abnehmen müsse alle drei). Bis 2020, heißt es bei „Fit statt fett“, will der Staat in einem Dreizehn-Jahresplan das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Deutschen verbessern, ihren Leibesumfang reduzieren, ihre Muskeln stärken. Schmidt und Seehofer geben in der neuen gesunden Welt die Trainingseinheiten vor.
Der Staat weiß natürlich genau, dass das Ernährungs- und Bewegungsverhalten eigentlich nicht in sein Ressort fällt, sondern in das Ressort der Zivilgesellschaft. Jeder ist schließlich seiner Drahtigkeit eigener Schmied. Um sich nun nicht gleich eine Klage gegen „Fit statt fett“ beim Bundesverfassungsgericht einzufangen, sagt der Staat das, was er immer sagt, wenn er Übergriffe ins Private kaschieren will. Er sagt: Wir wollen nur „Rahmenbedingungen für gesellschaftliches Handeln“ setzen. Immerhin sind im Rahmen der Aktion „Fit statt fett“ fürs erste keine gesetzlichen Maßnahmen gegen Dicke geplant. Mit „Fit statt fett“ soll lediglich ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass wir uns eine Kultur des Wegschauens nicht länger leisten können.
Ich schaue hin. Just an diesem Mittwoch fragte mich ein Kollege, warum ich in der Konferenz so auffällig auf sein über den Bauch gespanntes Hemd gestarrt hätte. Ich erzählte ihm mit dem gebotenen Nachdruck vom Aktionsplan „Fit statt fett“, fragte ihn dann auch eher beiläufig, wie er es denn mit seinen Leibesübungen hält. Da wurde der quirlige Kollege kleinlaut. Soll bitte keiner sagen, ich käme meiner zivilgesellschaftlichen Mitverantwortung, das Übergewicht bis 2020 „zu stoppen“ (Schmidt), nicht nach. Stoppen - man stoppt Seuchen, CO2-Emissionen und die Verslumung der Städte. Nun stoppt man also auch das Übergewicht. Ich stoppe mit.
Das geht nicht ohne Schmerzen ab
Das Stichwort, unter dem „Fit statt fett“ segelt, ist das Stichwort aller totalitärer Planungsphantasien: „Prävention“. Prävention ist das Zauberwort, mit dem sich auch in Zeiten knapper Kassen jede Maßnahme rechtfertigen lässt. Prävention ist immer richtig, zumindest nie falsch. Wer nicht Prävention betreibt, könnte am Ende ja alles nur noch teurer machen. Die Frage ist: Wie weit werden Schmidt und Seehofer gehen wollen, um im Land Bewegungsanreize zu schaffen? „Wir wollen das gesunde Leben als gesellschaftlichen Wert verankern“, sagen sie. Wird das kranke Leben, das aus dem Leim gegangene dicke fette Leben, wird das nun zum gesellschaftlichen Unwert? Verankern klingt etwas unbehaglich nach reinen Tisch machen, nach dem bürokratischen Willen, nichts dem Zufall zu überlassen. Verankern ist eine Sache, die nicht ohne Schmerzen abgeht. Verankern tut weh.
Wie genau mag diese Verankerung aussehen? Hier sind, solange man noch nicht die Ausführungsbestimmungen der Eckpunkte kennt, der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Wird es Hausbesuche von staatlichen „Fit statt fett“-Inspekteuren geben, die in der Küche nach dem Rechten sehen, im Kühlschrank Palmin, Pommes und Schlag-fit aufstöbern, in den Babyspeck der Kinder kneifen und auf dem Dachboden das Trimmrad checken? Wird nicht auf jeden, der da auf die Unversehrbarkeit seiner Wohnung verweist und etwas von Hausfriedensbruch murmelt, sogleich ein schrecklicher Verdacht fallen: der Verdacht, beim Nationalen Aktionsplan abseits stehen zu wollen und sich hinter verschlossenen Türen lieber weiter den Bauch vollzuschlagen? Was werden die Nachbarn sagen, wenn sie sehen, dass wir die „Fit statt fett“-Inspekteure nicht hineinlassen? Werden sie mit dem Finger auf uns zeigen und sagen: Die da haben etwas zu verbergen?
Und sollte es ganz so schlimm auch nicht kommen, so möchte ich doch denjenigen sehen, der jetzt noch guten Gewissens den Fahrstuhl nimmt, statt die paar Treppchen zu seinem Büro nach oben zu laufen. Sieht der Aktionsplan nicht vor, dass „mehr Bewegung dauerhaft in den Alltag integriert wird“? Einer für alle und alle für einen: Ein waches Auge ist angesagt. Wir brauchen Bewegungsmelder, die dem Gesundheitsamt frühzeitig Meldung erstatten, wenn sich in unseren Problemhaushalten die Anzeichen für Wulstiges und Faules mehren. Dicke und Fette, versteht meinen Antriebsüberschuss bitte nicht falsch: Es geht um „Bewegung, Bewegung, Bewegung“ (Schmidt). Um nichts anderes.