15.11.2008 · Mit ihren Geldmuseen in London, Frankfurt und bald auch in Paris verfolgen die Notenbanken das erklärte Ziel, den Menschen unser heutiges Wirtschaftssystem zu erklären. Plötzlich sind sie sprachlos geworden.
Von Lena BoppIn Paris haben sie es leicht. Ungewollt, wohlgemerkt, denn eigentlich sind sie hier hoffnungslos „en retard“, zu spät, wie sie selbst sagen. Die Banque de France, die Zentralbank des Landes, die im vornehmen I. Arrondissement gleich neben dem Palais Royal ihren Sitz hat, ist eine der wenigen Notenbanken der westlichen Welt, die kein Museum betreiben. Sie weiß das, und deshalb wurde kürzlich ein Angestellter losgeschickt, der sich von den Museen anderer Zentralbanken inspirieren lassen sollte. Schließlich betreibt selbst die Notenbank Argentiniens seit rund zwei Jahren ein Haus, welches das delikate Verhältnis des Landes zum Geld beleuchtet - das „Museum der Auslandsschulden und der Inflation“.
Peinlich, peinlich das alles. Aber ja, selbstverständlich, auch in Frankreich werde man bald ein Geldmuseum errichten, heißt es aus der Banque de France. Längst hat man nach guter französischer Sitte ein „Comité“ eingerichtet, ein „Comité für die Verbreitung der wirtschaftlichen Kultur“. Diese Arbeitsgruppe aus Journalisten, Politikern und Vertretern der Bank kann allerdings auch nach gut zwei Jahren kein Ergebnis präsentieren. Immerhin, so sickert durch, besitze die Bank im XVII. Arrondissement ein „hôtel particulier“, in dem das Museum eine Unterkunft finden könnte.
Die Besucher interessiert nur eines: Wie konnte das passieren?
Dass es dafür höchste Zeit ist - und mit jedem neuen Tag der Krise etwas mehr -, auch darüber besteht allseits Einigkeit. Die Franzosen wüssten bislang einfach zu wenig über Geld und Wirtschaft, sagt ein Vertreter der Bank. „Sehen Sie, in Frankreich wollen alle reich sein, aber gleichzeitig ist Reichtum verpönt. Während der Französischen Revolution hat man die Reichen hier guillotiniert, heute belegt man sie mit einer Vermögensteuer.“ Aufklärung scheint also dringend geboten. Aber wann? Achselzucken.
Wer heute darauf verzichtet, den Bürgern zu erklären, was Geld ist, muss zwar vielleicht Steuern zahlen, sich aber zumindest keinen unangenehmen Fragen stellen. Deswegen hat man es in Paris jetzt besonders leicht. Nicht wie in London und Frankfurt, wo jeder Besucher des „Bank of England Museum“ und des Geldmuseums der Bundesbank dieser Tage nur wissen möchte: Wie konnte das passieren? Wie kann es sein, dass ganze Volkswirtschaften im Sog einer Finanzkrise an den Rand des Bankrotts getrieben werden? „Nun, die Blase kommt ja aus Amerika“, sagt die Museumsführerin in Frankfurt einigermaßen hilflos. Und in London geben sie lieber gar keine Auskunft, schon gar nicht am Tag, nachdem die Bank of England den Zinssatz auf einen seit dreiundfünfzig Jahren nicht gekannten Stand von drei Prozent gesenkt hat, um die in der Folge der Krise drohende Rezession abzumildern.
„Ja, früher“, hebt der Patron einer kleinen Bar nahe der Place de la République an
Draußen in den Straßen der großen Städte sind die Zeichen nicht mehr zu übersehen: Rund um die Bank of England in der Threadneedle Street mitten im Finanzzentrum der City flattern an Dutzenden Häusern Schilder mit dem Hinweis: „To let“. Und in Paris sind die Bars und Restaurants nach zehn Uhr am Abend so leergefegt, dass man schon beginnen möchte, sich nach den guten alten Zeiten zu sehnen. „Ja, früher“, hebt der Patron einer kleinen Bar nahe der Place de la République an. Er vollendet seinen Satz nicht. „Heute sind die Menschen vorsichtig geworden.“ Dabei ist gerade seine schlichte Bar mit dem ärmlichen Mobiliar einer jener Orte, die in den Augen Fremder das Frankreich darstellen, nach dem man gerne Fernweh bekommt.
Im nächsten Jahr wird der Patron zumachen. Die Wirklichkeit, die ihm täglich in Gestalt von Rechnungen und Steuerbescheiden in den Laden flattert, hat seinen Traum platzen lassen. „Was man alles zahlen muss, es ist unglaublich“, ruft er und blickt auf die Schlangen, die sich mittags vor den Sandwich-Buden in der Umgebung bilden. Sich zum Essen setzen, das mag sich hier derzeit niemand mehr leisten.
So reizvoll wie jemandem beim Angeln zuzusehen
All das macht vor den Toren der Notenbank-Museen nicht halt. An diesen Orten, die das Geld explizit in Szene setzen, herrscht eine eigenartige Stimmung aus verzweifelter Ratlosigkeit und wachsamer Vorsicht. Die Kuratoren ahnen, dass die Besucher kommen, weil sie gerade von ihnen kompetente Antworten erwarten. Aber sie wissen auch, dass jedes unbedachte Wort aus diesen halboffiziellen Räumen das Vertrauen der Bürger in das staatliche Geldmonopol weiter erschüttern könnte. In Zeiten der Unsicherheit verweisen die Hüter des Geldes deshalb lieber auf Bewährtes, und von dem findet sich in den Museen reichlich. Darauf sind sie spezialisiert.
Dabei gibt es, wir müssen das leider so sagen, kaum etwas Langweiligeres als Geld in einem Museum. Geld, das einfach so daliegt, in Vitrinen, Schaukästen oder kleinen Paternostern, die sich hoch- und runterfahren lassen wie im Geldmuseum der Deutschen Bundesbank. Um ihren Besuchern den Zugang zu den kostbaren Münzen aus vergangenen Zeiten zu erleichtern, hat die Bundesbank an den kleinen Aufzügen eigens Vergrößerungsgläser angebracht, durch die sich die einzelnen Stücke en détail betrachten lassen. Für Archäologen und Historiker mag das Studium der mehr oder weniger filigranen Handarbeiten, die zwischen 600 vor Christus in Kleinasien und der Zeit nach dem Zeiten Weltkrieg in der Bundesrepublik entstanden, ein spannendes Vergnügen sein. Aber für, sagen wir mal, den normalen Bürger ist der Reiz in etwa so groß, als würde man jemandem beim Angeln zusehen.
Geldmuseen als Marketinginstrumente der Zentralbanken
Das Geld in den Museen ist nicht im Fluss, niemand gibt es aus, keiner verdient es, und damit ist es seiner ureigensten Funktion als Tausch- und Zahlungsmittel beraubt. Das wissen die Notenbanken, und deswegen beherbergen die Museen in London und Frankfurt nicht nur Sammlungen von Kauri-Muscheln, Steinen, Zigaretten und Münzen, die alle zu irgendwelchen Zeiten als Zahlungsmittel dienten. Sie verfügen vor allem über große Abteilungen, in denen es um Geldpolitik geht, also um jene wirtschaftlichen Kontexte, ohne die das Geld keinerlei Wert besitzt und ohne die sämtliche Euro- oder Pfundscheine buchstäblich nichts sind als bedrucktes buntes Papier. Die Zentralbanken wollen den Bürgern erklären, wie Wirtschaft funktioniert und was sie selbst tun, um den Wohlstand in marktwirtschaftlichen Systemen zu sichern. Sie benutzen die Geldmuseen als Marketinginstrumente und betreiben mit ihnen Werbung in eigener Sache.
Warum auch nicht? In London sind die Führungen, die aus dem Abspielen eines einstündigen Films und einer Rallye durch das Museum bestehen, auf sechs Wochen ausgebucht. Knapp 110.000 Menschen, vor allem etliche Schulklassen, besuchen pro Jahr das Museum. In Frankfurt sind es sehr viel weniger, nur rund 36.000 Besucher. Was sie hier wie dort zu sehen bekommen, sind die Grundlagen der modernen Finanz- und Wirtschaftswissenschaften. „Geld - was macht es wertvoll?“
Eine eigene Abteilung für „zwei Kriege und drei Geldkatastrophen“
Sie lernen, dass Geld seinen Wert vor allem dadurch erhält, dass es knapp ist. Früher, als noch überwiegend mit Münzen bezahlt wurde, sicherte allein die Seltenheit der Metalle Gold und Silber den Wert des sich in Umlauf befindlichen Geldes. Später aber, als den Münzen und besonders den sich seit dem achtzehnten Jahrhundert verbreitenden Scheinen ein größerer Wert zugeschrieben wurde als der Wert des Materials, aus dem sie bestanden, koppelte man sie an Waren und Güter. Die sogenannte „Quantitätstheorie“, die Ökonomen wie Jean Bodin, Irving Fisher und Milton Friedman ausgearbeitet haben, besagt im Prinzip, dass der Wert des Geldes stabil bleibt, wenn die Geldmenge dauerhaft nicht schneller oder langsamer als die Wirtschaftsleistung eines Landes wächst.
Es sind aber genau diese Gefahren, auf welche die Notenbank-Museen ihr Augenmerk richten. Vor allem im Geldmuseum der Bundesbank widmet sich eine gesamte Abteilung der Zeit zwischen 1914 und 1948: Deutschland machte damals „zwei Kriege und drei Geldkatastrophen durch“, heißt es. „Die erste endete fast im Bürgerkrieg, die zweite mit dem Untergang der Demokratie, die dritte mit der Teilung Deutschlands.“ Besonders die Erfahrung der „Hyperinflation“, während der die Weimarer Republik mit nahezu wertlosen Hundert-Billionen-Mark-Scheinen überschwemmt wurde, hat die Politik der Zentralbank nachhaltig geprägt.
Selbst einmal Notenbankchef spielen? Wer will das schon
In Paris und London macht man sich zwar gerne über die große Angst der Deutschen vor der Inflation lustig („Die Deutschen bewegen sich da jenseits der wirtschaftlichen Vernunft“, sagt man in der Banque de France), aber auch das „Bank of England Museum“ nimmt diese Epoche als Beispiel, um zu erläutern, was passiert, wenn das Geld seinen Wert verliert. Die Botschaft lautet: „Die Absicht der Bank ist es, die Inflation niedrig zu halten, und das sind gute Nachrichten für das Pfund in Ihrer Tasche!“
Die Besucher der Museen werden außerdem eingeladen, einmal selbst Notenbankpräsident zu spielen. „Ob das im Moment so erstrebenswert ist?“, spöttelt ein Rentner in Frankfurt. Das „Stabilitätsmeisterspiel“ aber ist tatsächlich eine feine Sache. Der Besucher hält einen Joystick in der Hand, vor ihm befinden sich zwei Lichtsäulen. Die linke symbolisiert das Wirtschaftswachstum, die rechte die Menge des in Umlauf befindlichen Geldes. Letztere muss der Spieler entsprechend dem mal starken, mal schwachen Wachstum regulieren. Der Zeiger, der die Inflationsrate anzeigt und bei konstanten zwei Prozent gehalten werden soll, schlägt dabei aber sofort wie ein verrückt spielendes Metronom in alle Richtungen und überführt den Spieler schnell des Dilettantismus. Sie haben wahrlich einen schweren Job, diese Zentralbänkler.
Immerhin: Im Londoner Planspiel gibt es „economic shocks“
In London sind sie indes schon einen Schritt weiter. Die Kontrolle des Geldstroms wird hier zusätzlich durch äußere Faktoren gestört, und zwar durch sogenannte „economic shocks“. Die sollen Ereignisse darstellen, welche die wirtschaftliche Performance eines Landes von außen beeinträchtigen. Also vielleicht so etwas wie der beinahe erfolgte Zusammenbruch eines Finanzsystems?
Mag schon sein, aber daran haben sie beim Basteln dieses Selbstversuch-Spielzeugs sicher nicht gedacht. „Wir können solche Dinge nicht vorhersehen“, sagt der Kurator John Keyworth, „niemand kann das.“ Da mag er nicht ganz unrecht haben. Gleichwohl mutet dieser Satz in seinem Museum seltsam an. Hier ist alles so pädagogisch, so didaktisch aufgebaut, die geldpolitischen Häppchen sind mundgerecht zugeschnitten für den in wirtschaftlichen Fragen ungeübten Gast. Auch das Geldmuseum in Frankfurt atmet den bundesrepublikanischen Geist von Wiederaufbau und Erziehung, so dass man kaum glauben mag, dass es erst seit knapp zehn Jahren besteht.
Geld, schreibt der britische Historiker Niall Ferguson, der gerade ein Buch über den „Aufstieg des Geldes“ (The Ascent of Money) veröffentlicht hat, habe sich von Beginn an gemeinsam mit den Gesellschaften entwickelt, die sich seiner bedienten. „Das Finanzsystem ist ein Spiegel der Gesellschaft, der enthüllt, wie wir uns selbst und die Reichtümer der Welt bewerten.“ Es ist das erklärte Ziel der Notenbanken, den Menschen beizubringen, wie unser heutiges Wirtschaftssystem funktioniert. Ihre Museen wollen deshalb auch gar keine Museen sein - und sind es gerade jetzt auf frappierende Weise doch. Denn sie können nicht beantworten, warum geschah, was die Welt derzeit um ihr Wohl fürchten lässt.
„Das Finanzsystem ist so komplex, dass wir es hier nicht abbilden können“, sagt John Keyworth. Genau deswegen wirkt der Gang durch die Ausstellungen wie die Fahrt durch eine Geisterbahn. Wenn sich die Wogen wieder geglättet haben, werden sie in London wohl eine kleine Retrospektive zur aktuellen Krise drehen und der Geschichte der Bank of England mit ihr ein weiteres Kapitel hinzufügen. „Es hat schon viele derartige Vertrauenskrisen gegeben, und ich bin ziemlich sicher, dies wird nicht die letzte gewesen sein“, sagt Keyworth.
Und ja: In Paris, wo es gar keinen Platz gibt, der vom Geld handelt, befinden sich die Kollegen wirklich in einer sehr komfortablen Situation.
Reliquienverehrung
Justus Möser (Advocatuspatriae)
- 16.11.2008, 14:25 Uhr