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Finanzkrise Billionen Dollar, keine Tränen!

13.02.2009 ·  Glauben die Akteure an den Finanzmärkten, dass sie etwas Falsches machten oder dass sie bloß Pech hatten? Von der Antwort hängt viel ab: für die Zukunft des Systems - und für das eigene Ansehen ihrer Berufsgruppe.

Von Alexander Armbruster
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Schon mal was von „Liar's Poker“ gehört? So heißt das vielverkaufte, vor zwanzig Jahren erschienene Buch, in dem der Amerikaner Michael Lewis die Zeit schildert, in der er selbst an einem der Handelstische der damals noch eigenständigen Investmentbank Salomon Brothers saß und Tag für Tag durch Kauf und Verkauf von Anleihen Geld verdiente. Seinen Arbeitsplatz verortet er darin nahe am Zentrum eines „modernen Goldrausches“, die Arbeit des Wertpapierhändlers hält er für geeignet, den Geist eines Zeitalters zu prägen. „Nie zuvor haben so viele unerfahrene Vierundzwanzigjährige so viel Geld in so kurzer Zeit verdient wie wir in den letzten zehn Jahren in New York und London.“

Detailliert beschreibt Lewis, wie seine Kollegen abseits der Millionen-Dollar-Tagesroutine regelmäßig um Geld zockten. Im Kreis stehend, jeder mit einer Dollarnote in der Hand, haben sie versucht, sich mit der Anzahl gleicher Ziffern in der Seriennummer zu überbieten. Wer die meisten hatte oder am besten bluffte, gewann. Ein erfolgreicher Anleihehändler namens John Meriwether sei das interne Idol gewesen in diesem Spiel, für das die Banker den Namen „Liar's Poker“ ausgedacht haben. Es lieferte Nervenkitzel und war außerdem eine Plattform für Revierrangeleien. Einmal soll sogar der damalige Salomon-Chef John Gutfreund seinen Star Meriwether zu einem „Liar's Poker“-Zweikampf herausgefordert haben - mit den für viele Banker legendär gewordenen Worten: „Ein Spiel, eine Million Dollar, keine Tränen.“ Ablehnen konnte Meriwether nach Lewis' Ansicht nicht. „Der Kodex eines 'Liar's Poker'-Spielers ist vergleichbar dem eines Revolverhelden - wer gefordert wird, muss akzeptieren.“

Millionen Dollar in den Sand gesetzt und trotzdem gut geschlafen

Hinter dem überlieferten Ereignis blitzt eine Fähigkeit auf, die so vielen Kapitalmarkthändlern horrende Einkommen beschert hat: die Bereitschaft, von jetzt auf gleich auch mal Millionen Dollar unabsichtlich in den Sand setzen zu können, ohne davon schlaflose Nächte zu bekommen. Ob sie die Finanzmarktkrise ungetrübt überdauert, ist eine spannende Frage. Denn: So hohe Milliardenverluste innerhalb so kurzer Zeit gab es noch nie. Und: So sprachlos waren die Vorstände in den Bankentürmen selten.

Die Antwort darauf hat vor allem damit zu tun, wie die Banker sich selbst in dieser Krise, die ein Kultur- und kein Naturereignis ist, erleben. „Es geht darum, ob sie glauben, tatsächlich etwas Falsches gemacht zu haben“, sagt Erich Barthel, Professor für Personalführung an der Frankfurt School of Finance and Management. Wenn sie so empfinden, könnte das oft übertriebene Streben nach einer möglichst hohen Rendite nachhaltig einen Knacks bekommen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist schwer schätzbar. Sie sollte jedenfalls zugenommen haben nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im September, der die Krise verschärft hat. Denn neben dem Vermögen leidet nun zusehends das Ansehen der Banker. „Dieser Imageverlust wirkt wie eine soziale Sanktion“, sagt Barthel. Dahinter verbirgt sich die Hoffnung, die Gesellschaft möge sich in der Krise selbst korrigieren.

„Typisches Phänomen einseitig ergebnisorientierter Entlohnung“

Eine Ahnung davon, wie weit diese Sanktionierung bereits gediehen ist, hat eine im vergangenen November bekanntgewordene repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag des Magazins „Playboy“ vermittelt. Zweiundzwanzig Prozent der Befragten haben auf die Frage, wen sie am wenigsten in ihrem Freundeskreis akzeptieren könnten, geantwortet: Banker. Schlechter kamen nur Vorbestrafte (25 Prozent) und Prostituierte (28 Prozent) weg. Dass sich daran etwas zum Besseren der Banker geändert hat, ist kaum zu glauben. Denn zwischenzeitlich hat die Finanzkrise die Realwirtschaft endgültig und hochgradig angesteckt. Der Internationale Währungsfonds sagt in seiner neuesten Schätzung das schlimmste Wirtschaftsjahr seit 1945 voraus. Die Weltwirtschaftsleistung werde im laufenden Jahr nur um 0,5 Prozent wachsen, die großer Industriestaaten sogar sinken: Um 1,6 Prozent in den Vereinigten Staaten. Um 2,5 Prozent in Deutschland. Um 2,6 Prozent in Japan. Und um 2,8 Prozent in Großbritannien. Zuvor schon sahen sich westliche Regierungen gezwungen, mehrere hundert Milliarden Euro schwere Rettungspakete zu schnüren, die zu großen Teilen an den Steuerzahlern hängenbleiben werden. Dass diese Pakete ausreichen, ist eine häufig geäußerte Hoffnung; dass als Nächstes Staaten pleitegehen, die dazu gehörende Befürchtung. Und dennoch: In Krise und Reue liegt auch eine Chance.

Barthel hält besonders die Diskussion darüber, wie Investmentbanker und zumal Wertpapierhändler künftig bezahlt werden, für enorm wichtig. Denn gerade die hohen erfolgsabhängigen Gehaltsbestandteile haben aus seiner Sicht dazu geführt, auf das (kurzfristige) Ergebnis zu schauen und erst danach auf den „Inhalt“ der Arbeit. Die dadurch gesunkene Qualität der erbrachten Leistung habe sich nun als eine offene Flanken des Systems erwiesen. „Das ist ein typisches Phänomen jeder Art einseitig ergebnisorientierter Entlohnung wie etwa auch der Akkordarbeit, und da ist der Kapitalmarkthandel keine Ausnahme.“ Denn dessen „äußeres Erfolgskriterium“ widerspiegelt sich glasklar in einer Größe: dem Handelsergebnis jedes Händlers. Dabei gilt, je mehr Geld er für die Bank verdient, desto mehr sahnt er auch persönlich ab. „Und“, bedauert Barthel, „diese Quantität reicht bisher auch aus, um zu zeigen, dass man selbst alles richtig gemacht hat.“ Er fordert deshalb, die Entlohnung noch an andere Kriterien zu knüpfen. Wie die Bezahlung aussehen könnte, wie hoch und langfristig in Zukunft zu zahlende Boni sein sollen, darüber denken Spitzenbanker zurzeit auch öffentlich nach.

Eine große, vielleicht die größte Herausforderung dieser Krise

Und wenn die Akteure an den Finanzmärkten gar nicht glauben, dass sie etwas Falsches gemacht haben? „Das ist natürlich die Alternative; es könnte auch sein, dass sie die Krise einfach als Pech deuten“, sagt Barthel. Wenn das so ist, werde sich nachhaltig nur wenig ändern. Vielmehr stehe dann nach dem Schock schnell wieder die Suche nach renditeträchtigen Anlagemöglichkeiten im Vordergrund - unter der gerade gemachten Erfahrung, dass im Zweifel die Staaten einspringen. Die Frage „Falsches gemacht oder Pech gehabt?“ ist deshalb eine große, vielleicht die größte Herausforderung dieser Krise.

So simpel sie klingt, so stark emotionalisiert sie mitunter die Debatten. Aus dem amerikanischen Abgeordneten Michael Capuano ist sie unlängst als Empörungswelle herausgebrochen, als er während einer Anhörung vor dem Finanzausschuss an die wichtigsten Wallstreet-Chefs gewandt wetterte: „Sie kommen zu uns und sagen, dass sie sich entschuldigen möchten, dass das alles nicht beabsichtigt gewesen sei, dass wir Ihnen wieder vertrauen sollen. In meinem Wahlbezirk gibt es Leute, die einige Ihrer Banken ausgeraubt haben; die reden genauso. (...) Ich frage mich: Haben Sie Ihre Lektion wirklich gelernt?“ Schließlich seien es immer dieselben Leute gewesen, die jene komplizierten Finanzprodukte erfunden und „uns“ mit in diese Krise geführt haben. Falsches gemacht oder bloß Pech gehabt? - Die Antwort darauf steht noch aus.

Nicht verrückt, sondern einfach nur sehr, sehr gut

Bekannt ist dafür, dass John Meriwether seinen Arbeitgeber Salomon Brothers im Jahr 1991 verlassen musste. Drei Jahre später gründete er den Hedge-Fonds Long-Term-Capital-Management (LTCM), der weltweit in die Schlagzeilen geriet, weil er trotz zweier Ökonomienobelpreisträger unter seinen Direktoren während der Russland-Krise im Jahr 1998 Milliardenverluste einfuhr. Die amerikanische Notenbank stabilisierte den Fonds aus demselben Grund, aus dem Regierungen in der aktuellen Krise so vielen Banken zu Hilfe eilen: dem drohenden Zusammenbruch des Finanzsystems. LTCM wurde aufgelöst. Meriwether ging jedoch nicht in den Ruhestand, sondern stampfte schnell einen neuen Hedge-Fonds aus dem Boden mit dem Namen JWM Partners, dessen Dollarmilliarden er seitdem anlegt.

Ach, und eines noch: Auf die „Liar's Poker“-Herausforderung seines Salomon-Chefs Gutfreund soll Meriwether laut Lewis' Buch gesagt haben: „Wenn wir schon um diese Größenordnung spielen, dann um richtiges Geld. Zehn Millionen Dollar, keine Tränen.“ Und weiter heißt es: „Gutfreund lehnte ab. Tatsächlich legte er das ihm eigene gezwungene Lächeln auf und sagte: ,Du bist doch verrückt.' - Nein, dachte Meriwether, einfach nur sehr, sehr gut.“

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Wirtschaft.

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