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Finanzkrise Alle Kassen im Schrank

21.09.2008 ·  Der Staat übernimmt die Schulden, alle atmen auf - doch die Krise in den Vereinigten Staaten ist nur vertagt. An der Wall Street zieht der öffentliche Dienst ein und keiner weiß, wie es weitergehen soll. Eine Diagnose.

Von Nils Minkmar
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Am Montag wird alles anders. Peinliche Männer in billigen Anzügen werden im Empfangsbereich großer Häuser der Wall Street vorsprechen, umständlich mit Formularen auf Umweltpapier und Billigkugelschreibern hantieren, sich ihre Fahrkarte aus Washington quittieren lassen und erklären, das sei hier nun alles öffentlicher Dienst. Die Limousine heißt jetzt Subway, und Kokain gibt’s nur noch gegen Vorlage eines Attests. Dann ziehen sie durch jedes Stockwerk und nehmen denen, die früher an der Uni die besseren Noten hatten, die schicken Finanzinstrumente aus den verschwitzten Händen. Eine Szene wie aus einem Wahlwerbespot von Margaret Thatcher oder der FDP: So grau wird es, wenn die Kommunisten kommen.

Zuerst hat sich der amerikanische Staat zwei witzige Hypothekenbanken gekauft und dann, wenn man einmal anfängt mit dem Shoppen, eine schöne Versicherung. Wie es dazu kam, habe ich, nur um den Sachstand abzugleichen, so verstanden: Privatleute, die kein Geld hatten, haben sich Häuser, die nichts wert sind, mit Krediten gekauft, die sie nicht bedienen konnten. Prüfungsfirmen, die irgendwie den Leuten, die auch die Kredite verkauften, gehörten, fanden das in Ordnung. Alle gewannen: Den Eigentümern dienten die Häuser als Sicherheit für Konsumentenkredite, die Hauskredite wurden weiterverkauft und wieder weiterverkauft. Es mussten natürlich immer mehr kommen, nur Tempo konnte diesen Wahnsinn verbergen, und als niemand mehr wollte, weil sich irgendwann ja herumgesprochen hatte, wie die Dinge stehen, da gingen die Institute pleite, bei denen sie zuletzt hängengeblieben waren. Das hektische Tempo der Sache hat man mit Dynamik verwechselt und anwachsende Vertragssummen mit Wachstum. Wäre schnelles Autofahren eine an Börsen handelbare Größe, dann hätte dieses System Tempolimits, Ampeln, den Führerschein und alle Bremsen abgeschafft. Bis Porsche und Daimler dem TÜV gehören.

Oh, die Langmut der Leute!

In der letzten Woche erlebten wir eine Revolution von oben: Jeder Amerikaner unter vierzig Jahren hat gelernt, dass der Staat das Problem und nicht die Lösung ist. Aber die Welt retten, das kann er doch? Wie lange soll dieser Glaube halten?

Um dabei von der Systemfrage abzulenken, braucht es Bösewichte. Mehr als zwanzig Jahre nach der Reagan-Thatcher-Revolution schlägt das Pendel ins andere Extrem aus. Galt unter Reagan die Wellfare Queen, die Abzockerin der staatlichen Sozialprogramme, die im Cadillac durch die Sozialwohnungssiedlungen kreuzt, als das negative Leitbild der Volkswirtschaft, so gibt nun der gierige Manager und Finanzhändler ein neues Antibild ab. Mitten im größten Strudel, den weder die Börsenaufsicht noch eine Regierung, die nun endgültig auf allen Feldern Versagensrekorde aufgestellt hat, verhindert haben, taucht die alterprobte Hassfigur des Spekulanten auf, die schon in der Französischen Revolution Albträume nährte. Dabei spielen Händler, die auf fallende Kurse wetten, nach genau den Regeln, die als heilige Prinzipien unserer Marktwirtschaft galten – bis letzte Woche jedenfalls. Die jetzt anzuklagen, den Boten für die Botschaft zu bestrafen, zeugt von der völligen Ratlosigkeit der politischen und ökonomischen Eliten. Und von der Naivität des Publikums: Oh, die Langmut der Leute!

Krise des Wissens

Dieser Absturz des Systems wird allen Ernstes als Panne verkauft: Stanley O’Neal, der erst gefeierte, dann in Unehren gefeuerte ehemalige Chef von Merril Lynch, erklärte das ganze Desaster mit einer Analogie zum Unglück der Raumfähre Challenger: Alles macht man richtig, die Ingenieure heben den Daumen – und dann versagt ein einzelner Dichtungsring. Finanzminister Paulson hat eine allen amerikanischen Fernsehzuschauern wohlbekannte Metapher gewählt, die vom Herzinfarkt: Wertlose Hypotheken würden leider den lebensnotwendigen Fluss des Geldes in Amerika verstopfen, diese Ablagerungen gelte es nun aufzulösen, auf dass der Puls der Wirtschaft wieder schlagen könne. Man sah keine Schuldenberge oder Haushaltslöcher, sondern eine kleine, feine Sonde, welche die verstopfte Arterie befreit, und die Verstaatlichungen als Bypass. Von einer Umstellung der Diät und des Lebenswandels war nicht die Rede.

Der Unterschied ist: Ingenieure und Chirurgen können bei der Beseitigung von Fehlfunktionen auf ihre Erfahrung zurückgreifen, für die gegenwärtige Situation einer Krise auf digitalisierten und globalisierten Finanzmärkten gibt es keine historischen Vorbilder. Die Krise ist keine Krise der Immobilienwirtschaft oder des Geldmarkts, sie ist im Kern eine Wissenskrise: Kein Mensch weiß mehr, wer wem welche Papiere verkauft hat, wie viel sie wert sind, wo sie versichert sein könnten oder schlicht: wie die kommende Woche in etwa verlaufen wird.

Das Eingreifen der Beamten hat die Lage nur noch verworrener gemacht: Am Dienstag wurden die wichtigsten Bankenchefs einbestellt, um sich anzuhören, der Staat werden der Lehman Bank eiskalt beim Sterben zusehen, und wer sich jetzt schlapp fühle, könne gern ebenfalls sterben gehen, was die Lage ganz solider Banken, die vielleicht einen kleinen Husten hatten, plötzlich brenzlig aussehen ließ. Diese klare, ideologisch begründete Kante hielt genau drei Tage, dann wurde weiter nationalisiert, nämlich die große Versicherung. Und jetzt weiß keiner mehr weiter.

Schulden machen fürs Existenzminimum

Der Staat müsste eigentlich sagen, welche Verbindlichkeiten gelten, aber die amerikanische Finanzverwaltung verfügt wohl gar nicht über die Kräfte und die Kompetenz, die Bilanzen des privaten Sektors durchzuarbeiten, rein personell schon nicht: Welcher amerikanische Uniabsolvent, der einigermaßen durchs BWL-Studium kam, ist in den letzten Jahrzehnten nicht zur Wall Street gegangen?

Das Eingreifen des Staates war in der Tat spektakulär, aber wie bei so vielen Luftnummern sollte man darauf achten, was verborgen werden soll. Denn es gibt noch Fragen, und man muss nicht Inspector Columbo sein, um noch einmal zum Ort des Geschehens zurückzukehren und zu nerven: Ist es denn gerecht, den einen Fonds zu retten und den anderen nicht? Warum werden Steuergelder eingesetzt, um Banken und Versicherungen zu helfen, aber nicht, um den einzelnen Hausbesitzer vor der Zwangsversteigerung zu bewahren? Wie kommt es, dass arbeitende Familien in Amerika Schulden machen müssen, um Haus, Heizung und Lebensmittel bezahlen zu können?

Und noch eine Kleinigkeit: Ohne eine Panik auslösen zu wollen, aber die Vereinigten Staaten haben das Geld nicht. Nicht die eben versprochene Summe von einer Million mal eine Million Dollar und nicht das Geld, das sie brauchten, um noch verborgene Defizite aufzufangen. Gabor Steingart, nicht gerade ein Attac-Aktivist, schrieb in seinem Bestseller „Weltkrieg um Wohlstand“: „Die Auslandsverschuldung der USA wächst an jedem Wochentag um die wahnwitzige Summe von rund 660 Millionen Dollar, die Privathaushalte sind im In- und Ausland mittlerweile mit elf Billionen Dollar verschuldet. (. . .) Mit Fug und Recht kann man heute sagen: Die Wirtschaftskrise, die der Welt ins Haus steht, ist die bestprognostizierbare der neueren Geschichte.“ Das war vor zwei Jahren.

Plötzlich beknien alle die Parlamentarier

Es ist nun völlig egal geworden, wer ins Weiße Haus einzieht: John McCain kann gar nicht mehr wie ein Republikaner regieren, er hat weder Geld, um Steuern zu senken, noch Militär, um irgendwo etwas anzuzetteln. Seinen Lieblingsplan, die staatliche Altersversorgung an die Finanzmärkte zu bringen, kann er vergessen. Wir haben historisch unbekanntes Territorium betreten. Einige pfeifen, als sei alles von langer Hand geplant, andere machen weiter wie bisher oder binden sich die Schnürsenkel. Einen Plan hat keiner. Wir werden bald dazulernen.

Mit den Mitteln, die den Vereinigten Staaten heute zu Gebote stehen, ist die Krise nicht zu bewältigen. Wie im 19. Jahrhundert die deutschen Fürsten ihre Kredite an den ausländischen Märkten nur noch um den Preis einer Beteiligung des Bürgertums bekamen, so wird nun in allen westlichen Ländern eine neue Ära der Partizipation anbrechen: Der Verbraucher wird wieder zum Bürger. Nichts geht mehr ohne Gelder, über welche die Abgeordneten entscheiden. Plötzlich beknien alle die amerikanischen Parlamentarier, die jahrelang nicht mal zur Frage von Krieg und Frieden befragt wurden, noch vor den Herbstferien die Welt zu retten.

Macht der Konsumenten

Ohne mehr politische Mitsprache geht es nicht. Es ist ungerecht, dass Steuergelder eingesetzt werden, um Verluste auszugleichen, während Gewinne privatisiert werden. Warum sollen schlechte Unternehmen verstaatlicht, gesunde, wie die Deutsche Bahn, aber privatisiert werden? Wer soll noch glauben, dass für irgendein pädagogisches, ökologisches oder soziales Projekt kein Geld da ist, wenn man über Nacht Trillionen für Quatschpapiere finden kann? Eine ganze Klasse der politischen Rhetorik kann nach Hause gehen.

Auf revolutionäre Weise hat sich in der letzten Woche die Trennlinie zwischen öffentlichem und privatem Sektor verschoben. Um die Wall Street zu retten, telefonieren amerikanische Beamte mit chinesischen und arabischen Beamten. Das Geld, das die Amerikaner sich jetzt beschaffen müssen, ist in der Hand von Staatsfonds, und die geben es nur her, wenn der amerikanische Staat für mehr Transparenz sorgt und Garantien übernimmt. Und wenn man sich Gedanken über die Zukunft macht, kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass Innovationen, die für eine fundierte wirtschaftliche Dynamik sorgen könnten, nur aus der gemeinsamen Anstrengung von Staat, Wissenschaft und Investoren resultieren werden.

Den Kapitalismus kann man nicht zivilisieren, man muss es auch gar nicht. Politische und Konsumentenmacht genügen völlig, die Bedingungen des Marktes so zu formulieren, dass es sich eben eher lohnt, in der Wirklichkeit zu wirtschaften statt im Fieber. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Sicher ist heute nur eins: Die jetzige Ordnung ist ein Ancien Régime.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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