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Fernsehen schleift Status Die Elite im Talk

10.06.2009 ·  Das Fernsehen ruiniert die Politik. Bei den meisten politischen Talkshows handelt es sich schon nicht mehr um Journalismus. Es geht um Selbstinszenierung eines Mediums, das Aufklärung nicht will und sein Ziel erreicht hat, wenn Politikern ein „Äh“ entweicht.

Von Jürgen Kaube
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Jetzt wird viel über die geringe Wahlbeteiligung geklagt. Die Leute, heißt es, hätten offenbar nicht verstanden, wie wichtig Europa für uns alle sei. Und das, obwohl es doch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender samt angeschlossener Internetmaschinerie ein paar Wochen lang immer wieder gesagt und dazu reihenweise politisches Spitzen- und Europapersonal eingeladen haben. Funktioniert Aufklärung nicht mehr?

Wer auch nur wenige jener Sendungen verfolgt, in denen im Fernsehen über Politik, und das heißt zumeist: mit Politikern gesprochen wird, muss die Prämisse dieser Frage bestreiten. Denn es handelt sich gar nicht um Journalismus. Der Aufklärungsaspekt ist nachrangig, nur ein Mittel. Es geht vielmehr um Auftritte, die verschafft werden, also um Werbung, um Personen, die vorgeführt werden sollen, also um Unterhaltung, und um die Selbstinszenierung eines Mediums, das beides nicht zugeben darf.

Interaktionstest für Politiker

Die Politiker werden ausgestellt und lassen es auch gern mit sich tun, drängen sich geradezu danach. Hinzu lädt man eigens dafür ermittelte Experten, von denen viele in den Wissenschaften, die sie angeblich repräsentieren, eher unbekannt oder schon länger nicht mehr aufgefallen sind, und Schauspieler oder andere Personen, die nichts oder nicht mehr als jedermann mit dem Thema zu tun haben, aber ein Gesicht besitzen, das der Zuschauer schon einmal gesehen hat. Oder Betroffene, arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte Bürger etwa. Sie werden den Politikern wie zur Erinnerung daran, dass es solche Menschen gibt, gegenübergestellt, tatsächlich aber, um das Fernsehen als Anwalt der Opfer von Politik darzustellen.

Der Politiker wird dadurch einem Interaktionstest ausgesetzt. Nicht, ob er richtig entschieden hat, sich auskennt, klar zu denken vermag, interessiert; sondern, wie er die Situation ohne Blamagen oder sogar mit Imagegewinnen übersteht. Die Fragen nach seinen Entscheidungen, seinen Kenntnissen, seinen Argumenten dienen, genau wie die Präsenz der Opfer oder der Experten, nur dazu, das Sichblamieren oder das Sichausstellenkönnen wahrscheinlicher zu machen. Man sieht es unter anderem daran, dass bei keiner Frage länger verweilt wird. Warum auch? Wenn der Politiker „Äh“ sagt, hat sie ihre Funktion schon erfüllt.

Fernsehen schleift Status

Die politische Talkshow ist also ein Test auf Reflexe. Das belegen auch die inzwischen beliebten „Einspieler“, mit denen die Politiker dazu gebracht werden – „schauen wir uns dazu eine Beitrag an“ –, im Fernsehen selbst fernzusehen und sich zum Gesehenen – Umfragen in der Fußgängerzone, wiederum Experten, Minireportagen, Betroffene – zu verhalten. Am Sonntag hat Anne Will noch eins draufgelegt und den Kanzlerkandidaten der SPD gebeten, auf einen von ihrer eigenen Redaktion produzierten Film zu reagieren, der ihn als Witzfigur darstellte. Der Übergang zu „Verstehen Sie Spaß“ ist gemacht, und es kommt heraus, dass auch die Fragen nach der Opel-Insolvenz, der großen Koalition oder der Arbeitslosigkeit eigentlich nur Torten sind, mit denen man nach den Politikern schmeißt, um zu sehen, wie geschickt sie sich drunter wegducken.

Einst mochte man all dies mit viel gutem Willen für eine Art Umwegaufklärung halten. Der Mediensoziologe Joshua Meyrowitz hatte so vor fünfundzwanzig Jahren in seinem Klassiker „Die Fernseh-Gesellschaft“ argumentiert: Das Medium stelle Autoritäten in Frage, indem es sie beim Schwitzen vor der Kamera und beim Stottern vor dem Mikrofon zeige. Dem Politiker wird klargemacht, und alle sehen dabei zu, dass er das Privileg, sich abzusondern und bei sich zu sein, allenfalls von Gnaden der Öffentlichkeit genießt und im Prinzip jederzeit und an jedem Ort und zu fast jedem Thema einvernommen werden kann. Fernsehen schleift Status.

Keine Erniedrigung ist schlimm genug

Die Dialektik dieser Aufklärung liegt in der Frage, wer sich dem noch aussetzt, wenn es Formen annimmt wie in den politischen Talkshows. Zu erklären ist nicht, warum die Wahlbeteiligung schwach war, sondern, weshalb sich noch jemand für Politik hergibt. Welche Art von Sozialcharakter zieht sie an, wenn zu ihr gehört, sich vor versammelter Bürgerschaft Torten ins Gesicht drücken zu lassen oder das Kasperle zu geben? Und das im Gespräch mit Leuten, die – wie Will, Illner, Plasberg, Kerner und Konsorten – ohne Kärtchen und Prompter und Einspieler selbst keine zehn zusammenhängenden eigenen Sätze zu den Fragen zustande brächten, mit denen sie den Politikern angeblich zusetzen. Es kommt kein Mitleid auf mit politischem Personal, für das keine Erniedrigung schlimm genug ist, um nicht das nächste Mal wieder in die Sendung kommen zu wollen. Aber die alte These von der demokratischen Elitenauswahl muss überarbeitet werden.

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