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Fernsehen : Mainzer Medienklüngel

Alexander Kluge darf weitersenden Bild: picture-alliance/ dpa

Die Würfel sind gefallen: Der Privatsender Sat.1 muss weiterhin „Drittanbieter“ wie Alexander Kluge und Josef Buchheit ertragen, die ihm die Quote schmälern, aber von der Politik protegiert werden.

          Die Würfel sind gefallen, und es nimmt nicht wunder, wie sie gefallen sind: Die Landesmedienanstalt von Rheinland-Pfalz hat bestimmt, wer in den kommenden fünf Jahren als sogenannter „unabhängiger Drittanbieter“ im Programm von Sat.1 auftreten darf. Es sind die alten Bekannten und die üblichen Verdächtigen zugleich: Alexander Kluge und seine Produktionsgesellschaft DCTP und die Firma News and Pictures von Josef Buchheit. Sie bespielen vom 1. Juni 2008 bis zum 31. Mai 2013 Sendeplätze, die in das ohnehin schwächelnde Programm von Sat.1 nicht selten zusätzliche Quotenlöcher reißen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sat.1 ist gesetzlich verpflichtet, die Drittanbieter auszustrahlen. Für die entsprechende Regelung, die den Privatsendern die sogenannten „Drittanbieter“ aufzwingt, hatten seinerzeit Medienpolitiker der SPD gesorgt. Der frühere hessische Staatsminister Paul Leo Giani spielte damals eine führende Rolle. Heute ist er Berater ebenjener Firma DCTP von Alexander Kluge, die von der Regelung profitiert.

          Fragen wirft die jetzige Entscheidung der Landesmedienanstalt aber vor allem vor einem Hintergrund auf, den der ehemalige Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski in seinem Buch „Die TV-Falle“ beschreibt: Er berichtet von einem rheinland-pfälzischen Medienklüngel, der von Kurt Becks Ministerpräsidentenmachtzentrale in Mainz über die Landesmedienanstalt in Ludwigshafen bis zum „Drittanbieter“ Buchheit reiche. Schawinskis Vorwürfe sind schwerwiegend, legt er doch dar, dass die Drittsender-Verpflichtung nichts anderes ist als ein Komplott. Die Reaktion der Landesmedienanstalt darauf ist lapidar. Auf Anfrage heißt es nur: „Kein Kommentar!“

          Absurde Zwiegespräche

          Doch ist wirklich keinen Kommentar wert, worauf Schawinski hinweist? Wer nur einmal gesehen hat, was Alexander Kluge mit der ihm anvertrauten Sendezeit macht, wird sich einen Kommentar kaum verkneifen, vor allem zu den absurden Zwiegesprächen, die Kluge mit dem Schauspieler Peter Berling führt, der in den abenteuerlichsten Rollen als vermeintlich authentischer Gesprächspartner zu jedem erdenklichen Thema Auskunft gibt. Einen Beitrag zur Meinungsvielfalt hatte die SPD seinerzeit angeblich im Sinn, als sie auf die Regelung drängte, dass Sender, die mehr als zehn Prozent Marktanteil erreichen, in „Fensterprogrammen“ Sendezeit an „unabhängige Dritte“ abgeben müssen.

          Doch was ist daraus geworden? Staatlich sanktionierte Pfründe, meint Roger Schawinski sehr zu Recht - die Privatsender haben nicht mal die Möglichkeit, die Preise für die ungeliebten Fremdsendungen frei auszuhandeln. Allerdings muss man auch sagen, dass sowohl RTL als auch Pro Sieben Sat.1 mit dem Problem umzugehen wussten: Ehemalige Mitarbeiter der Sender haben eigene Produktionsfirmen gegründet, welche die Rolle der „unabhängigen Dritten“ spielen.

          Überteuerte Quotenkiller

          Nach diesem Schema machte sich auch der Drittlieferant Josef Buchheit, ein ehemaliger Angestellter von Sat.1, selbständig. Noch zu Leo Kirchs Zeiten führte er die Firma „TV IIIa“, heute heißt sein Produktionsunternehmen „News and Pictures“. Und ebenjene „News and Pictures“ beliefert Sat.1 mit der Sonntagmorgenshow „Weck Up“ und mit „Planetopia“, das Sonntag abends läuft, nicht zu vergessen das „Automagazin“. Nach den Worten des ehemaligen Sat.1-Chefs Schawinski sind dies alles überteuerte Quotenkiller, an denen der Sender nicht vorbeikomme, weil - und da wird es interessant - es entsprechende Hinweise aus der Mainzer Staatskanzlei und der Landesmedienanstalt in Ludwigshafen gegeben habe.

          So habe Kurt Beck „bei einer Audienz in seinem Amtssitz“ seine Hoffnung ausgedrückt, dass Buchheits Firma - mit Arbeitsplätzen in Rheinland-Pfalz - bei Sat.1 am Ball bleibe, „auch wenn er sich natürlich nicht in privatwirtschaftliche Verträge einmischen wolle“. Und einige Zeit später, als die Landesmedienanstalt in Ludwigshafen Sat.1 mit zwei Kontrollverfahren unter anderem wegen Schleichwerbung zu Leibe rückte, habe man dem Sender „aus Kreisen der zuständigen Gremien“ zugeraunt, dass die Verfahren „kulant behandelt würden“, wenn man sich mit Buchheit über das „Automagazin“ einig werde.

          Auch wenn dies medienpolitische Altlasten sind - Alexander Kluges cleveres Geschäftsmodell zum einen, in das er viele Medienhäuser eingebunden hat, und der Aufstieg des Drittanbieters Buchheit, der sich aus der Regionalgeschichte von Sat.1 erklärt, das seinen Sitz einst in Berlin und in Mainz hatte -, bleiben die Umstände, die der ehemalige Sat.1-Geschäftsführer Schawinski beschreibt, doch zumindest bemerkenswert. Da so viele aus diesem Modell Nutzen ziehen, finden es noch viel zu wenige so problematisch, wie es ist. Wie hieß es noch bei der lizenzgebenden Landesmedienanstalt? „Kein Kommentar.“ Bis zum Jahr 2013 sind die Würfel ja gerade erst gefallen.

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