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Fernsehen Der Herr der Fliegen als Reality-Show

22.08.2007 ·  Vierzig Kinder zwischen acht und vierzehn Jahren vierzig Tage allein in einer verlassenen Stadt in der Wüste New Mexicos, und die Kamera ist immer dabei: Amerika streitet über die Reality-Show „Kid Nation“.

Von Sandra Kegel
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Vierzig Kinder sind für vierzig Tage allein in einer verlassenen Stadt in der Wüste New Mexicos; sie haben keinen Strom, kein fließendes Wasser, sie sind fern der Schule, können ihre Eltern nicht sehen und auch nicht mit ihnen telefonieren. Die Kinder, alle zwischen acht und vierzehn Jahren alt, sind ganz auf sich gestellt, mit den technischen Möglichkeiten des neunzehnten Jahrhunderts. Sie schlafen auf dem Boden, sie pumpen Wasser vom Brunnen und schleppen es in Eimern, sie schrubben Wäsche, verzweifeln beim Kochen auf der Feuerstelle, sie putzen Latrinen, melken Ziegen, kurz: sie organisieren sich als Gemeinschaft, sichern ihr Dasein, und die große Frage ist: Was wird passieren?

Was sich anhört wie die Neuauflage von William Goldings Roman „Herr der Fliegen“, der Robinsonade einer Gruppe Kinder, die in einer grausamen Hetzjagd endet, ist in Wahrheit das neueste Experiment des unverwüstlichen Reality-Fernsehens. Wer glaubte, die Welle live gesendeter Schönheitsoperationen oder insektenessender B-Promis auf dem Bildschirm überstanden zu haben, wird vom amerikanischen Sender CBS eines Besseren belehrt. Mit der Reality-Show „Kid Nation“ hat CBS den neuesten Tabubruch inszeniert - und kann sich der weltweiten Aufmerksamkeit gewiss sein. Denn dass die Sendung des schwächelnden Kanals schon vor ihrer Ausstrahlung am 19. September für Diskussion sorgen würde, gehört zum Kalkül.

Die besseren Pioniere

Bislang zeigt CBS nur ein vierminütiges Werbevideo im Internet, in dem das Kindercamp von „Bonanza City“ vorgestellt wird; in Wildwestmanier, mit Jubelmusik und kernigen Kommentarsätzen untermalt. „Den Kindern“; heißt es da, „soll in der verlassenen Minenstadt gelingen, woran die Pioniere von einst gescheitert sind.“ Ein Mädchen schreit in die Kamera: „Kinder haben hier die Macht“ - „Ich habe einen Traum, wie Martin Luther King“ - jauchzt ihr Kamerad, bei einem andern kullern die Tränen, als er zugibt: „Ich vermisse meinen Bruder.“

Auch wenn die sonore Kommentarstimme jubelt, dass sich hier eine Gesellschaft Minderjähriger eingefunden habe - „ganz ohne Eltern, Lehrer, Erwachsene“, ist das natürlich nur die halbe Wahrheit. Neben dem Filmteam, bestehend aus volljährigen Produzenten, Kameraleuten und Kabelträgern, die an keinem Filmset fehlen dürfen, ist längst bekanntgeworden, dass für die Dreharbeiten in „Bonanza City“ im Mai und Juni dieses Jahres auch Wildlife-Experten, Ärzte und Kinderpsychologen zugegen waren - was das Experiment freilich nicht besser macht.

Zwölf Kinder unter zehn

Denn während CBS die Kinder von „Kid Nation“ mittlerweile weltweit vermarktet, sie zu Interviews schickt, auf dass sie von ihren existentiellen Erfahrungen in der Wüste berichten, wird der Kontakt zu all jenen minderjährigen Mitstreitern untersagt, die aus dem Projekt der Vierundzwanzigstundenüberwachung vorzeitig ausgestiegen sind. Die gab es, freiwillig, während die übliche Zuschauerabwahl der Kandidaten bei „Kid Nation“ nicht stattfand. Zwölf der Kinder waren noch unter zehn Jahren, nur einer war vierzehn.

Der Produzent der Sendung, Tom Forman, selbst Vater zweier Kinder und Schöpfer der Emmy-prämierten Sendung „Extreme Makeover - Home Edition“, hält der Kritik an „Kid Nation“ entgegen, dass er lediglich „ein Sommerlager“ veranstaltet habe: „Die Kinder sind Teilnehmer einer Reality-Show. Sie arbeiten nicht. Sie leben. Und wir nehmen auf, was dabei passiert.“ Doch selbst wenn CBS auf dem Standpunkt steht, das Leben in der Geisterstadt sei keine Arbeit gewesen, müssen die Kinder mit ihrem Vierzehnstundentag in „Bonanza City“, der morgens um sechs begann, doch zweifellos als Kanonenfutter für die Quote herhalten. Allein der Umstand, dass sie nicht honoriert wurden, sondern „nur“ fünftausend Dollar erhielten, reicht nicht aus, um den laut gewordenen Vorwurf der Kinderarbeit zu entkräften.

Die offene Schuldfrage

Wer ist dafür letzthin verantwortlich, fragt Matthew Smith von der Universität Ohio, wie ihn die „Los Angeles Times“ zitiert: „Der Sender, der mit einem Zwanzigtausend-Dollar-Preis für den Sieger die Eltern köderte, oder die Eltern, die ihren Kindern erlaubten, sich in eine solche Situation zu begeben?“ Freilich könne die Erfahrung Kindern helfen, so Smith, selbstbewusst zu werden, soziale Fähigkeiten zu entwickeln und Netzwerke zu errichten. Aber ebenso gut kann das unerbittliche Kameraauge Defizite aufdecken, die Kinder in unvorteilhaftes Licht setzen.

Um die Spannung trotz fehlender Kandidatenauslese zu halten, hat sich CBS diverse Wettbewerbe in der Natur ausgedacht. Als Belohnung wartet die Zuordnung zu einer bestimmten Klasse. Statt also die Freiheit in der Wüste, fern der Zivilisation zu erleben, müssen die Fernsehkinder den Ständestaat wieder aufleben lassen; vom Mitglied der „Upperclass“ bis zum Underdog in der „Arbeiterschaft“ bekommt jeder seinen Stempel, und es ist bisher nicht bekanntgeworden, dass es dabei zur Meuterei kam.

Versammlung als Tohuwabohu

Ein vierköpfiger Stadtrat der Kinder wacht darüber, dass die selbstaufgestellten Regeln der Gemeinschaft eingehalten werden; alle drei Tage trifft man sich hierzu im Gemeindesaal, in dem die gewählten Repräsentanten Gesetze erlassen und sich in Basisdemokratie üben. „Hier habe er gelernt“, sagt der vierzehnjährige Taylor, „dass es immer jemanden Verantwortlichen geben muss, mit der Macht, die Dinge zusammenzuhalten“. Das CBS-Video im Internet zeigt die Ratsversammlungen hingegen als lautes Tohuwabohu.

Der Zuschauer des Werbe-Trailer ahnt, dass die Kameras auch vor den intimsten Gefühlen der Kinder nicht haltmachen: Wut, Streit, Trauer, Tränen, Heimweh, Schmerz sind elementarer Bestandteil der Show. Einer erzählt, wie er, der ständigen Beobachtung müde geworden, auf die Toilette ging - „doch schon als ich wieder herauskam, waren die Kameras da und warteten darauf, mich zu filmen“. Und auch die Ärzte kamen zum Einsatz, etwa, als einige der Kinder versehentlich ein Bleichmittel tranken, das in einer Wasserflasche ohne Beschriftung abgefüllt war; ein Mädchen verbrannte sich beim Kochen mit heißem Fett.

Bücherei oder Videohalle

„Wenn du vierzig Kinder wählen lässt zwischen einer Bücherei oder einer Videohalle“, sagt Tom Forman, „wie werden sie entscheiden?“ - „Mikrowelle oder Pizza-Party? Barbecue oder Zahnpasta?“ Darum gehe es ihm bei der Sendung, „herauszufinden, was Kinder bewegt, und sie spüren lassen, was ihre Entscheidungen an kurzfristiger Belohnung und langfristiger Konsequenz nach sich ziehen“.

Die Kinder, die sich nach den Dreharbeiten für Interviews zur Verfügung stellten, erzählen, wie viel Spaß ihnen das Experiment gemacht habe und dass es die größte Aufgabe in ihrem Leben gewesen sei. Sie sagen, dass ihnen noch nie so viel abverlangt wurde, sie noch nie so viel gearbeitet hätten - die größte Herausforderung aber sei gewesen, permanent von Kameras beobachtet zu werden. „Wir würden es jederzeit wieder machen“, sagten vier Teilnehmer der „Los Angeles Times“ - allerdings zu einem Zeitpunkt, da sie sich noch nicht auf dem Bildschirm gesehen, noch nicht den bittersüßen Ruhm des Fernsehens erlebt haben. Für Reue und Selbstzweifel ist es jetzt zu spät. Und die zweite Staffel von „Kid Nation“ ist längst in Arbeit.

Quelle: F.A.Z., 22.08.2007, Nr. 194 / Seite 34
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Jahrgang 1970, Redakteurin im Feuilleton.

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