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Feinstaubbelastung : Der Tod liegt in der Luft

Ein Dieselverbot würde ordentlich Staub aufwirbeln – die Toten durch Feinstaub hingegen nicht. Warum ist das so? Bild: AFP

Fließt in Euren Adern denn Benzin? Die Politik behandelt das Auto als moralisches Subjekt – und hätschelt die Automobilindustrie als zartes Pflänzchen.

          Ein Tag hat 86.400 Sekunden. Am Stuttgarter Neckartor, der übelsten Feinstaub-Hölle des Landes, fahren in 24 Stunden rund 70.000 Autos vorbei. Das macht 0,81 Autos in der Sekunde, Tag und Nacht. Muss das eigentlich sein? Man wundert sich heute noch, dass das Rauchen aus der Öffentlichkeit so sang- und klanglos verschwunden ist. Wer noch raucht, tut dies am besten nach dem Prinzip „Augen zu und durch (die Lunge)“, denn die mit scheußlichen Bildern von schwarzen Lungen oder von todkranken Menschen, darunter Babys, garnierten Hinweise will man ja lieber nicht lesen, obwohl sie keine Überraschungen enthalten: „Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umwelt erheblichen Schaden zu“ oder: „Rauchen kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen“.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Warum warnt man nicht in ähnlich drastischer Weise auch vor Autos? Jeder weiß doch, wie gefährlich die sind. Sie können, wie die Zigaretten, auch zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen. Unfallopfer lassen sich statistisch leichter erfassen als mittelbar Geschädigte; und so wurden die Unfalltoten jahrzehntelang vorrangig behandelt, deren Zahl von mehr als 20.000 jährlich (im Jahr 1970) auf weniger als viertausend sank. Das ist zweifellos ein Fortschritt, aber kein Grund zur Zufriedenheit: Jedes Jahr bleibt so ein mittelgroßes Dorf auf der Strecke, und die Leute nehmen es, sofern sie davon nicht selbst betroffen sind, hin, als wäre es Schicksal.

          Bis auf den letzten Quadratmeter zugeparkt

          Inzwischen gilt die mit dem Autofahren verbundene Sorge (wenn man von einer solchen in Deutschland überhaupt sprechen kann) weniger den Verkehrsteilnehmern als vielmehr denen, die nicht mit im Auto sitzen, unbeteiligten Dritten also, die kaum eine Möglichkeit haben, den Abgasen zu entrinnen. Der Egoismus des Rauchens war immer dadurch relativiert, dass der Raucher sich selbst ja am meisten schädigte. Auf den Autos müsste dagegen nur draufstehen: „Das Autofahren fügt den Menschen in ihrer Umwelt erheblichen Schaden zu.“ Solange es von diesem Schaden, der sich EU-weit auf vermutete 400.000 vorzeitige Todesfälle (allein durch Luftverschmutzung) beläuft, kein Fotomaterial gibt, könnte man die Schockbilder von den Zigarettenpackungen übernehmen.

          Aber vielleicht fließt durch die Adern der Politiker, die etwas ändern könnten, ja doch Benzin? Anders ist das Stillhalten gegenüber der von Fiasko zu Fiasko schlingernden deutschen Automobilindustrie kaum zu erklären, auch nicht, dass es in den Städten zumindest für Diesel immer noch keine strikten Fahrverbote gibt. Und selbst wenn die Autos nicht fahren, ist das Bild absurd: Kaum eine Straße, kaum ein Bürgersteig, der nicht bis auf den letzten Quadratmeter zugeparkt ist. Irgendwo müssen unsere 45 Millionen Pkw ja stehen. Nicht nur die Luftverschmutzung, auch die Verschandelung der Innenstädte mit so unfassbar vielen Blechkisten wird von der Bevölkerung wie etwas Unabänderliches hingenommen.

          Wie schwach der politische Wille zum Durchgreifen offenbar ist, sieht man daran, dass so etwas selbst in Stuttgart geduldet wird, das kommunal und auf Landesebene von den Grünen regiert wird. Warum bloß? Die Sorge um Arbeitsplätze allein kann es nicht sein. Jenseits der auf der Hand liegenden und nach wie vor gültigen Deutungen vom Auto als Status- und Freiheitssymbol ist etwas Grundsätzliches zu beobachten: Der moralische Diskurs, der zu allen möglichen Themen praktisch ununterbrochen geführt wird, jetzt eben wieder zum Auto, ist von anderen Betrachtungsarten fast vollständig abgekoppelt. Ob es Trump, ein Erdbeben in Italien, unzumutbare Arbeitsbedingungen bei Amazon oder jetzt die Kartell-Geschichte mit den big five der deutschen Autoindustrie sind – zunächst werden solche Ereignisse in den Nachrichtensendungen skandalisiert, aber dann wird auch schon umgeschaltet zu den Börsen, aus denen die Reporter mit ihrem so unendlich flachen Optimismus in der Stimme fröhlich verkünden, dass die Märkte mit ihren Kursen und Absatzzahlen stabil bleiben. Hurra!

          Immer mehr eine Luxusartikel-Industrie

          Es ist ein strukturelles Problem: Die Autokonzerne sind too big to fail und können es sich leisten, mit Floskeln oder geheucheltem Bedauern abzuspeisen, weil sie damit rechnen können, dass die Nachfrage nach ihren Angeboten anhalten wird; dazu sind sie einfach zu gut. Deswegen muss man sich hierzulande auch weder ums Auto noch um seine Industrie Sorgen machen, dieses so zarte, von der Politik gehätschelte Pflänzchen, das weit über einen vernünftigen Bedarf hinaus produziert und immer mehr zur Luxusartikel-Industrie wird.

          Natürlich: Ohne Wirtschaft ist alles nichts. Sie hat sich aber zu einem moralischen Subjekt entwickelt, das, geradezu kantianisch, längst Selbstzweck ist. Entsprechend heißt es jetzt mit Blick auf die Abgas-Winkelzüge, es gebe „schlechte Nachrichten für den Diesel“ – nicht etwa für die Menschen, die ihn einatmen. Solche Gedankenlosigkeit sagt doch schon alles.

          Quelle: F.A.Z.

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