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Tag des Sieges in Russland : Der Krieg beginnt gerade erst

  • -Aktualisiert am

Proben zu den Feierlichkeiten am Tag des Sieges über dem Roten Platz in Moskau Bild: dpa

Aus einem Tag des stillen Gedenkens an die Opfer des Zweiten Weltkriegs ist der 9. Mai in Putins Russland zu einem Fanal des Größenwahns geworden. Der siebzigste Jahrestag des Sieges markiert den Beginn einer neuen Ära.

          Russland feiert den siebzigsten Jahrestag des Sieges über Deutschland mit nie gekanntem Aufwand. Der Siegestag wird zum wichtigsten Feiertag des russischen Jahres, er wird das Neujahrsfest, Ostern und andere Feiern im Vergleich verblassen lassen. Die Emotionen anlässlich des Feiertages sind derart hochgekocht, dass man meinen könnte, Deutschland sei erst heute Morgen oder allenfalls gestern Abend besiegt worden. Mehr noch, es entsteht der Eindruck, man werde Deutschland und noch dazu den Rest der westlichen Welt auch weiterhin besiegen: morgen, übermorgen, jederzeit und unter allen Umständen.

          Russland hat sämtliche moralischen und viele materielle Verpflichtungen gegenüber dem Westen über Bord geworfen, und dieser Tag des Sieges ist ein willkommener Anlass, aller Welt zu zeigen, dass sich das Land von diesen verlogenen Freundschaftsbanden befreit hat. Wie ein junges Pferd, das ausbricht und in die Weite galoppiert, genießt Russland seine Kraft und Freiheit, seine Energie und Selbstsicherheit.

          Zudem will Russland, dass alle anderen Länder und Völker seinen Triumph teilen, seine Führungsrolle anerkennen, ihm wieder den Titel einer Supermacht zugestehen und es auf eine Stufe mit Amerika stellen oder sogar darüber. Es will die Anerkennung seines endgültigen Sieges auch von Seiten der westlichen Länder, mit denen es faktisch gebrochen hat. Russland hat sich von ihnen abgewandt, voller Zweifel an ihrer moralischen Integrität. Es hat für Europa gehässige Spitznamen wie beispielsweise „Gayropa“ erfunden, streckt nun die Fühler Richtung Osten aus, strebt in die Arme Chinas. Nichtsdestotrotz fühlt Russland sich (ohne dies zu zeigen) von all jenen Staatschefs beleidigt, die es abgelehnt haben, zur Siegesparade nach Moskau zu kommen, und wirft ihnen vor, sie fürchteten, Amerika zu verprellen, das jetzt in den Propagandasendungen des russischen Staatsfernsehens regelrecht dämonisiert wird. Russland wollte eigentlich alle Staatschefs der Welt versammeln, um seine moralische und militärische Großartigkeit zu demonstrieren, doch die Ukraine-Krise, die Krim, die nervöse Atmosphäre insgesamt und der wahrscheinliche Beginn eines neuen Kalten Krieges haben die Reihen seiner Verbündeten zwangsläufig reduziert. Nicht einmal des Kremls „treuer Hund“, der weißrussische Staatschef Lukaschenka, will anreisen.

          Atmosphäre religiöser Andacht

          Das enorme Ausmaß der Siegesfeiern in Moskau bedient ganz widersprüchliche Gefühle: sakrale Empfindungen, militärischen Stolz, metaphysische Selbstbespiegelung, Rachedurst, Kitschbedürfnisse, Sentimentalität, Rührseligkeit, schlecht versteckte Arglist und Drohgebärden.

          In Russland gilt der Tag des Sieges als heiliger Feiertag. Er enthält den religiösen Aspekt der Verneigung vor den Gefallenen und der Ehrung der Veteranen, die noch am Leben und inzwischen Urgroßväter sind. Jede Fotografie aus der Kriegszeit ist inzwischen eine Ikone. In den Straßen russischer Städte sieht man diese zu Transparenten vergrößerten Aufnahmen vom tatsächlichen Tag des Sieges, Bilder von Frauen mit Freudentränen in den Augen, von siegreichen Soldaten, die, von starken Gefühlen überwältigt, verlegen dreinblicken. Das erzeugt eine Atmosphäre religiöser Andacht. Auch auf mich macht es den unmittelbaren Eindruck eines großen Feiertags.

          Ich bin ein Kind des Sieges. Im Jahr 1947 gaben mir meine Eltern zu Ehren des gerade errungenen Sieges der Sowjetunion über Deutschland den Namen Viktor. Durch meinen Namen trage ich den Sieg lebenslang mit mir wie eine Schildkröte ihren Panzer. Als kleine Jungen tollten wir durch Moskauer Hinterhöfe und spielten laut johlend Krieg, wobei niemand auf der deutschen Seite kämpfen wollte. Der Tag des Sieges jedoch wurde, als ich klein war, still begangen. Er war eher ein Tag wie Allerheiligen, man gedachte der gefallenen Verwandten, das waren unzählige Menschen im Land: nach verschiedenen derzeitigen Schätzungen 27 Millionen gefallene Soldaten und dreizehn Millionen Zivilisten. Man erhob sich bei Tisch, trank schweigend Wodka, ohne vorher anzustoßen. Der Schmerz war allzu nah.

          Blumen, Orden und Tränen

          Als staatlicher Feiertag war der Tag des Sieges lange Jahre gleichsam eine Draufgabe zum Feiertag des Frühlings und der Arbeit, dem 1. Mai. Moskau verwandelte sich in eine Stadt roter Fahnen und Porträts der obersten Parteifunktionäre, der Militärparade und jubelnder Demonstranten, die Luftballons und Plakate mit den Porträts von Parteiführern in den Händen hielten.

          Wegen der zwei Stunden Zeitunterschied zwischen Berlin und Moskau wird bei uns die Unterzeichnung der Urkunde über Deutschlands bedingungslose Kapitulation am 9. und nicht wie in Europa am 8. Mai gefeiert, und an diesem kleinen Zeitunterschied kristallisierten sich zwei völlig unterschiedliche Lesarten. Während in Europa der Tag des Sieges längst zu einem zivilisierten Fest der Versöhnung geworden ist, verwandelte er sich in der Sowjetunion mit dem Nachlassen unmittelbaren menschlichen Schmerzes langsam, aber sicher in ein Fest unserer schicksalhaften Unbesiegbarkeit.

          Zu Zeiten der Perestroika und der Jelzin-Regierung war der Tag des Sieges im Großen und Ganzen ein Feiertag ohne konkretes Feindbild, eher ein Familienfeiertag. Viele Kriegsveteranen lebten damals noch, ihre traditionellen Treffen im Zentrum Moskaus, ihre Umarmungen, Blumen, Orden an der Brust und Tränen riefen echte Gefühle der Rührung und das Bewusstsein um die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens hervor.

          Großes schmuddeliges Zimmer

          Vieles hat sich verändert, seit Putin 2012 auf den Posten des Präsidenten zurückkehrte, tödlich beleidigt, weil der Westen die Anti-Putin-Protestwelle, die zu der Zeit durch Moskau und andere russische Städte schwappte, moralisch unterstützte. Putin nahm die Pose eines Pilatus ein und wusch seine Hände in Unschuld. Ihn verband nichts mehr mit den Verrätern, den westlichen Staatschefs, die ihm bis dahin ihre falschen Bruderküsse aufgedrückt hatten. Er wurde kalt, ruhig, war sich sicher, im Recht zu sein. Er zimmerte ein ideologisches System der Konfrontation mit dem Westen, das er den alten Büchern unserer Slawophilen des neunzehnten Jahrhunderts sowie einiger ultrarechter russischer Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts entlehnte. Er sehnte sich zurück nach historischen imperialen russischen Werten und versuchte aus den positiven Aspekten beider Seiten im russischen Bürgerkrieg, den Roten wie den Weißen, ein programmatisches Bündel zu schnüren.

          Man muss zugeben, dass Putin keine geringe philosophische Arbeit geleistet hat. Der Westen hat dies leichtsinnig verschlafen, in der Annahme, Russlands Schicksal bestünde darin, Portugal in puncto Lebensstandard einzuholen und zu überholen. Der Kreml dachte aber an etwas ganz Anderes, er wollte die Bewegung der „Russischen Welt“ ins Leben rufen, eine Art nationales Pendant zur kommunistischen Utopie auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Sodann widmete sich der Kreml eingehend der Prüfung übernationaler Aufgaben und suchte den Kontakt zu extrem rechten und - aus Sicht des Kremls - patriotischen Parteien des Westens, welche ihre nationale Kultur vor der Globalisierung und dem moralischen Sittenverfall bewahren wollen. Auf dieser Grundlage konnte man mit dem Aufbau einer neuen Internationale beginnen.

          Mit dem Stutzen oder der Schließung von Instituten zur Russlandforschung beging der Westen einen großen Fehler. Russland erschien ihm als großes schmuddeliges Zimmer im Haus Europa, das Staubsauger und Putzfrau benötigt. Doch Russland weigerte sich, Europa anzugehören, es besann sich auf eigene politische Werte. Der Westen übersah diesen radikalen Kurswechsel. Aus diesem Fehler erwuchsen jahrelange Missverständnisse mit Putins Kreml, die mit der Ukraine-Krise - welche man durch frühzeitige Arbeit mit der russischen Führung hätte vermeiden können - und mit nicht geringem Blutvergießen im Donbass endeten. Richtiger gesagt, ein Ende ist bis jetzt noch gar nicht in Sicht.

          Bringt ein Krieg die Menschen näher?

          Möglicherweise wird dies die letzte Siegesfeier sein, die in so großem Stil begangen wird. Unsere Veteranen-Urgroßväter wechseln aus biologischen Gründen in die Reihen der Vorfahren, und in Zukunft wird sich der Sieg, selbst wenn der Kreml seine Politik nicht ändert, in den finalen Triumph militärisch-nationaler Mythologie voller Totems und Tabus verwandeln.

          Im Vorfeld der Siegesfeier veröffentlichte Putin Erinnerungen an seine Eltern, die den Krieg nur durch Zufall überlebten (F.A.Z. vom 7. Mai). Es ist ein sehr menschliches Dokument über eine schreckliche Zeit. Putin schreibt aber auch, seine Mutter habe keinen Hass auf die Deutschen empfunden. Sie war kein Einzelfall. Auch meine Großmutter, die die Leningrader Blockade vom ersten bis zum letzten Tag durchmachte, sagte nie etwas Schlechtes über die Deutschen, nur über Hitler. Es ist ein historisches Paradox: Zu den Deutschen hat die russische Bevölkerung laut Statistik ein besseres Verhältnis als zu jedem anderen europäischen Volk. Bringt ein Krieg die Menschen etwa einander näher?

          Andererseits schildern zum Tag des Sieges die in Russland noch existierenden unabhängigen Medien die monströsen Verbrechen der SS und der Wehrmacht auf russischem Territorium und unterstreichen so noch einmal die Gefährlichkeit des Faschismus, die alle betrifft, Sieger und Besiegte, ohne Ausnahme. Das Interesse an der mit Hitler kollaborierenden Wlassow-Armee, das zu Perestroika-Zeiten bestand, ist weg. Dafür bleibt ein Thema aktuell, das schon während der Sowjetzeit Viktor Astafjew, der sibirische Schriftsteller und Frontveteran, aufgriff: Der Sieg war teuer erkauft, Soldatenleben zählten nichts. Stalin, der unbedingt vor den angloamerikanischen Verbündeten in Berlin sein wollte, opferte in der letzten Kriegsphase dafür Hunderttausende sowjetischer Soldaten.

          Stalin wird zum Gott

          Während die „Prawda“ am Tag des Sieges, dem 9. Mai 1945, auf der Titelseite eine Fotografie von Roosevelt und Churchill zusammen mit Stalin brachte (Stalin freilich größer als die beiden anderen abgebildet), wurde später der Anteil des Westens am Sieg reduziert und verschwand schließlich ganz. Heute wird bei uns die Rolle des amerikanischen Lend-Lease Act zwar anerkannt, doch beharrt man eifersüchtig darauf, der Hauptsieger im Krieg sei die Sowjetunion gewesen. Was übrigens im Westen gar nicht bestritten wird.

          Was Stalin betrifft, so ist er Teil des politischen Spiels. Unweit meiner Wohnung, auf der Pljuschtschicha-Straße im Zentrum Moskaus, schmückte das Gebäude der Verkehrspolizei anlässlich des Feiertages plötzlich ein schöner Stalin mit schwarzem Schnurrbart und der Losung „Ewiger Ruhm den Siegern“. Als diverse Anwohner, darunter auch ich, sich gegen die Rehabilitierung des Tyrannen aussprachen, verschwand das Bildnis wieder. Es sieht so aus, als wolle der Kreml die völlige Rehabilitierung Stalins der kommunistischen Partei Sjuganows zum Geschenk machen, zögert aber noch, es zu überreichen. Dennoch nimmt in russischen Köpfen (die Hälfte der Bevölkerung hält heute Stalin für eine Lichtgestalt der russischen Geschichte) das mythische Bild eines gefilterten Stalin, der weder schuld war an der Kollektivierung noch am Großen Terror, immer deutlicher Gestalt an. Solch ein Stalin wird zu einem Gott, der keine menschliche Rechtfertigungen nötig hat und zumindest einen Platz im Museum verdient. Was heutzutage in der russischen Provinz auch umgesetzt wird, eine Tendenz, die um sich greift.

          Lüge, Propaganda und Verhöhnung

          Unter Feiertagskitsch lassen sich Phänomene wie das Folgende fassen: Die oppositionelle „Nowaja Gaseta“ veröffentlichte ein Foto, auf dem ein ganzer Berg Flipflops mit St. Georgs-Bändchen zu sehen ist. Ein solches Produkt ist der blanke Hohn, zumindest aber höchst geschmacklos. Überhaupt ist das schwarz-orange gestreifte Bändchen, vorrevolutionäres Symbol für militärische Tapferkeit, inzwischen kein Symbol mehr für den Sieg, sondern zu einer Art Treueschwur gegenüber dem Kreml mutiert. Man sieht es überall, es flattert an Autos, in Werbespots, auf Reklameplakaten, es hängt in den Schaufenstern. Ich nenne seine Fans Streifenhirnchen.

          Die versteckte Tücke der Siegesfeier zeigt sich in der Motorradtour der pro-Putinschen „Nachtwölfe“ quer durch Europa. Auf den ersten Blick ist das bloß eine Fahrt entlang der Stätten des Waffenruhms und der Soldatengräber. Doch die symbolische Bedeutung dieser Motorradtour unter Führung eines Mannes, der sich „Chirurg“ nennt, Zahnarzt ist und Putins persönlicher Freund, besteht in der neuerlichen Eroberung Europas und der Demonstration von Stärke. Polen und Deutschland haben auf diesen Biker-Konvoi negativ reagiert und gerieten damit ins Kreuzfeuer der Kritik des russischen Außenministeriums, wo man sich sonst nicht sonderlich um Motorräder schert, die sich von Ost nach West bewegen. Aber hier handelt es sich um eine von langer Hand geplante Operation für einen weiteren Sieg über den verderbten Westen mit Hilfe russischer und sowjetischer Symbolik. Der Westen ist gespalten. Manche Länder befanden die Durchreise von Putins Agitatoren für inakzeptabel, andere erteilten eine Einreiseerlaubnis. In Wahrheit ist diese Motorradtour ein weiteres hybrides Unternehmen, ähnlich wie die Annexion der Krim oder die Einnahme des Donbass.

          Letztlich erwies sich der diesjährige Tag des Sieges als Sieg über den Sieg, als Demonstration militaristischen Potentials in der Form hybrider Eroberungen, gekoppelt mit Lüge, Propaganda und brutaler Verhöhnung der demokratischen Ehrlichkeit des Westens. Russland hat faktisch verkündet, dass es den Westen verachtet. Der Westen wird in einem hybriden Krieg von Lüge und Manipulation stets den Kürzeren ziehen. Der Krieg beginnt gerade erst. Nach der Propaganda im russischen Staatsfernsehen zu urteilen, verspricht die Konfrontation auch ein Spiel mit russischen Atombombendrohungen zu werden. Der siebzigste Jahrestag des Sieges markiert den Beginn einer neuen Ära.

          Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch.

          Viktor Jerofejew ist derzeit Gastprofessor der Samuel Fischer-Stiftung an der Freien Universität Berlin.

          Quelle: F.A.Z.

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