24.01.2007 · Hilflose Alte in einem Barackenlager in der Wüste: Gestern Abend ging der düstere Zukunftsthriller „Aufstand der Alten“ im ZDF zu Ende. Ist die Schreckensvision realistisch? Wie lässt sich die demographische Herausforderung bewältigen?
Von Jörg ThomannKatastrophenfilme wollen uns erschrecken, haben zugleich aber etwas Tröstliches. Aus dramaturgischen Gründen müssen sie sich schließlich für eine Katastrophe entscheiden und mögliche andere ausblenden. Daher sind in dem Dreiteiler „Aufstand der Alten“, dessen letzten Teil das ZDF gestern Abend ausstrahlte, auch zahlreiche gute Nachrichten verborgen: Der Klimawandel, in diesem Winter unsere Katastrophe Nummer eins, ist im Jahr 2027, in welchem der ZDF-Film spielt, kein Thema mehr. Die Vogelgrippe scheint ebenfalls keine Spuren hinterlassen zu haben, und auch ein Atomschlag hat das Land nicht verwüstet. Selbst die Gefahr des islamistischen Terrors ist für 135 Minuten gebannt.
Deprimierend genug war der Film trotzdem. Das Bild der an Schläuchen hängenden, mit Medikamenten ruhiggestellten Rentner, die Bett an Bett in einem riesigen Lager in der afrikanischen Hitze vor sich hinvegetieren, lässt auch jene nicht so leicht los, die das Szenario nicht zu Unrecht als streckenweise dilettantisch gefilmte, überaus unrealistische Vision einer düster verzerrten Zukunft abtun. Dass es so nicht kommen wird, ist zu hoffen und zu erwarten, schließlich sollte es undenkbar sein, dass jemals wieder unter deutscher Verantwortung - wie es der ZDF-Film zeigt - Menschen abtransportiert und in Baracken eingepfercht werden, welche viele von ihnen nicht mehr lebend verlassen werden. Das Bild des Bettenlagers berührt - sei es, weil man selbst jemanden aus Familie oder Freundeskreis schon in ähnlich hilflosem Zustand gesehen hat oder weil man damit rechnen muss, dereinst selbst einmal pflegebedürftig zu sein.
Die Rettung der Rentner
Gleichwohl erzählt der Dreiteiler auch von einer sozialen Utopie - personifiziert durch die etwa dreißig Jahre alte Journalistin Lena Bach (Bettina Zimmermann). Der erst spät gewählte Titel „Aufstand der Alten“ passt ganz und gar nicht zur Handlung des Films, der nicht von einer grauen Massenbewegung erzählt, sondern nur vom Engagement eines einzelnen älteren Mannes, der seinen Kampf mit dem Leben bezahlt. Die dahinsiechenden Rentner werden nicht von deren Altersgenossen gerettet, sondern von einer Frau, deren Generation mit die schwerste Last der demographischen Entwicklung zu schultern hat. Es gibt auch im Jahr 2030 also noch junge Menschen, die sich uneigennützig für Ältere einsetzen, die sich das aber - weil sie einen guten und gutbezahlten Job haben - auch leisten können.
Für die, die heute dreißig oder vierzig sind, sieht es nicht so erfreulich aus. Sie haben in der Regel schon mit ihrem eigenen Dasein zu kämpfen, mit rasant steigenden Lebenshaltungskosten und stagnierenden Gehältern, und bekommen prophezeit, dass es mit den Jahren noch schwieriger wird. Sie können nicht darauf hinarbeiten, ihren Wohlstand zu mehren, sondern müssen befürchten, das, was sie haben, zu verlieren. Insofern verblüfft es, dass bislang kaum etwas auf einen Aufstand der Jungen hindeutet, die sich um die unbeschwerte Zukunft betrogen sehen, die ihnen Blüm und andere versprochen hatten. „Ein Verteilungskampf zwischen Jungen und Alten steht bevor“, sagt der Ökonom Hans-Werner Sinn heute in der „Bild“-Zeitung. Noch hat dieser Kampf nicht begonnen. Viele, die es sich leisten können, verlassen schon jetzt das Schlachtfeld - und wandern aus.
Die vielen Milliarden
Die „Bild“-Zeitung hat über drei Tage das Feuer geschürt - mit Schlagzeilen wie „Schock-Tabelle zum Sozialsystem: „Alte kassieren! Junge zahlen nur drauf!“ Solch apokalyptische Töne konnten dem ZDF als Werbeeffekt zunächst recht sein. Gestern, nach dem Abschluss der Trilogie, setzte der Sender andere Akzente. Vom ZDF, das die ältesten Zuschauer aller Fernsehsender aufweist, war es ein wahrhaft kühner Akt, im „Aufstand der Alten“ das eigene Publikum durch die Bilder hilfloser, ausrangierter Alter zu schockieren. Das gestrige „heute journal“ nun pries die neuen Alten, die geistig und körperlich beweglicher seien als Senioren in früheren Jahrzehnten. Senta Berger berichtete lächelnd, dass sie inzwischen die älteste am Set und das überhaupt nicht schlimm sei, und in einem Gastkommentar versuchte der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherff, den Jungen die Angst vor den Alten zu nehmen: „Wir wollen nicht das Geld unserer Kinder ausbeuten, sondern im Gegenteil: Wir wollen diese vielen, vielen, vielen Milliarden, die wir erspart haben, vernünftig weitergeben.“
Unter diesen Umständen dürften auch die Jüngeren bereit sein, den brüchigen Generationenvertrag neu zu unterschreiben. Was die Gesellschaft braucht, um die demographischen Herausforderungen zu bewältigen, sind nicht nur die vielbeschworenen Reformen, sondern ein Mentalitätswechsel - vor allem eine Besinnung auf einen völlig aus der Mode geratenen Begriff: Solidarität. Solidarität, die alle Generationen gleichermaßen aufbringen müssen.
Der „Aufstand der Alten“ findet auf geradezu lächerliche Weise zu einem glücklichen Ende. Der Haupteingang zum Lager, wo die Alten festgehalten werden, wird zwar von bis an die Zähne bewaffneten Sicherheitskräften bewacht, auf der anderen Seite aber kann man durch ein Loch im Maschendrahtzaun problemlos aufs Gelände gelangen. Drinnen stehen ohnehin alle Türen offen, und die gepeinigten Rentner werden befreit. Im wirklichen Leben wird uns eine Wende zum Besseren wesentlich schwerer fallen.
Für Deutschland realistisch, für mich nicht
Martin Kronbichler (marrtin)
- 24.01.2007, 13:26 Uhr
Solidarität?
Ben Hur (titopoli)
- 24.01.2007, 13:46 Uhr
Überzeichnet aber nicht völlig abwegig
Andreas Seidl (ASeidl)
- 24.01.2007, 15:11 Uhr
Arbeitskräfte und Produktivität
Paul Schächterle (paulimausi)
- 24.01.2007, 15:19 Uhr
@ Paul Schächterle
Martin Kronbichler (marrtin)
- 24.01.2007, 15:48 Uhr
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge