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Fast-First-Lady Anne Sinclair : Das Ende der Welt, qui sait?

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„In Frankreich wird politisch recycelt“, sagt Anne Sinclair. Bild: Nicola Lo Calzo/The New York Times

An der Seite ihres damaligen Ehemanns, des IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn, wäre die Journalistin Anne Sinclair fast mal die First Lady Frankreichs geworden. Wie sieht sie den Wahlkampf jetzt? Ein Gespräch.

          Das Angebot, François Hollandes Kulturministerin zu werden, kam an einem Mittwochvormittag vor einem Jahr. Anne Sinclair stand gerade vor der Kofferausgabe am Flughafen Charles de Gaulle, da hörte sie, wie der Präsident ihr durchs Telefon den Posten der gerade abgedankten Fleur Pellerin anbot. Natürlich sagte Sinclair ab. Weil sie in den verbleibenden siebzehn Monaten von Hollandes Amtszeit nicht mehr viel hätte bewegen können. Vor allem aber, weil sie genug Kraft darauf verwendet hatte, sich aus dem Pariser Politzirkus rauszubewegen und ihre Freiheit, die einer Journalistin, die einer Frau, zurückzugewinnen.

          Vor ziemlich genau sechs Jahren wäre Anne Sinclair fast einmal „première dame de France“ geworden, die französische First Lady. Ihr damaliger Ehemann, der IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, wurde als Favorit der kommenden Präsidentenwahl gehandelt. Umfragen, damals noch halbwegs glaubwürdige Pulsmesser der gesellschaftlichen Stimmung, wiesen ihn als klaren Sieger aus, noch bevor er seine Kandidatur gegen Nicolas Sarkozy überhaupt verkündet hatte. Und Sinclair, seine Ehefrau, die landesweit beliebte und bewunderte Fernsehjournalistin, galt als ideale, endlich ernstzunehmende Nachfolge für Carla Bruni.

          Heute besorgter denn je

          Man sah sie schon im Élysée-Palast, doch dann kam im Mai 2011 alles anders. Dominique Strauss-Kahn wurde wegen mutmaßlicher Vergewaltigung in New York festgenommen, Sinclair kaufte ihn frei, es war der Beginn der „Sofitel-Affäre“ und für beide das vorzeitige Ende des Wahlkampfs. François Hollande wurde anstelle von „DSK“ ins Rennen geschickt, und zum ersten (und sicher vorerst letzten) „président normal“ der Republik gewählt.

          Wenn Anne Sinclair heute über die fünf Jahre Hollande-Regierung und die bald endende Wahlkampagne spricht, dann tut sie es so, als habe das alles sie nie persönlich betroffen. Wenn sie ihr Mitleid mit Kandidatengattinnen wie Penelope Fillon oder Melania Trump bekundet, dann so, als sei sie immer nur die beobachtende Journalistin, nie die beobachtete Ehefrau gewesen. Wir treffen uns, drei Wochen vor der ersten Wahlrunde, an einem sonnigen Nachmittag an der Terrasse des Pavillon de la Reine an der Place des Vosges in Paris, wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt. Sie trägt einen weißen Ledermantel, ein schwarzes Hemd zu schwarzer Hose, ihre Haare wie immer zu einem perfekten brushing geföhnt. Im Vergleich zu den Bildern von damals, als sie gebrochen am Arm von Strauss-Kahns Tochter Camille auf den Treppen eines New Yorker Gerichts stand, sieht sie um zehn Jahre verjüngt aus. Dabei, sagt sie, sei sie heute besorgter denn je.

          Zwei Jahre Fassungslosigkeit

          Um die Welt. Um Frankreich. Damals, 2011, war sie es, die verletzt war, heute ist es das ganze Land. Zumindest suggeriert das der Titel ihres neuen Buches: „Chronique d’une France blessée“ ist ein Tagebuch der vergangenen zwei Jahre, eine Chronik der Veränderung, die nicht, wie man vielleicht annehmen würde, mit „Charlie Hebdo“ beginnt, sondern mit der Griechenland-Krise. „Ist es das Ende einer Welt, wie wir sie kennen?“, fragt Sinclair im ersten Satz – und sucht fast sechshundert Seiten lang nach einer Antwort, indem sie sich die Frage Tag für Tag von neuem stellt.

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