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Familie und Wirtschaft Von der Leyens Revolutionsschrift

16.03.2007 ·  Unter dem Titel „Wir müssen unser Land für die Frauen verändern“ erscheint am Montag ein Gesprächsband mit Ursula von der Leyen. Das Buch könnte zur Versachlichung der aufgeregten familienpolitischen Debatte beitragen.

Von Christian Geyer
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Der Gesprächsband mit Ursula von der Leyen, der am Montag bei Bertelsmann unter dem Titel „Wir müssen unser Land für die Frauen verändern“ erscheint, könnte zur Versachlichung der aufgeregt geführten Familiendebatte beitragen. Denn in den Gesprächen, die Maria von Welser mit der Familienministerin geführt hat, werden Horizonte aufgerissen, die man zur Kenntnis nehmen sollte, um sich in der aktuellen Krippen-Schlacht nicht unnötig zu verkämpfen.

In der Tat ist die Krippen-Offensive, wie ihre Gegner befürchten, nur ein Baustein in einer weiter ausgreifenden, wenn man so will wirtschaftsorientierten Strategie. Doch um welche Wirtschaftsorientierung geht es? Um eine solche, in der die Wirtschaft der Familie dient. In der familienbewusste Arbeitsstrukturen kein weiches Thema sind.

Als Familie die Wirtschaft umarmen

Eine in dem Buch geschilderte Anekdote verdeutlicht das Gemeinte: „Mir erzählte ein Vorstand eines großen, international agierenden Konzerns, der bereits heute Ingenieurarbeitsplätze nicht mehr besetzen kann, dass Ingenieurstudentinnen dort aktiv anrufen und fragen: ,Wie sind Ihre familienpolitischen Programme innerhalb des Unternehmens?' Spätestens von diesem Moment an habe er verstanden, dass das Thema familienbewusste Arbeitsstrukturen kein weiches Thema mehr sei. Ich bin hocherfreut, dass die jungen Frauen das tun, denn das macht den Arbeitgebern klar: ,Ich bewerbe mich nicht bei dir, wenn du nicht ein nachweisbares Konzept hast.' Ein Konzept für junge Frauen und junge Männer, die Fragen stellen nach betrieblicher Kinderbetreuung, flexiblen Arbeitszeitmodellen, Vaterzeit, Mutterzeit, Förderprogrammen und Wiedereinstiegsprogrammen nach einer Elternzeit. Dahin geht der Trend weltweit. An den jungen Ärztinnen, die unser Land verlassen und in England, Holland oder Skandinavien arbeiten und Kinder haben, sehen wir, dass junge Talente mobil sind.“

Das Paradox in diesem Sinne würde lauten: Je mehr man als Familie auf die Wirtschaft zugeht, desto mehr kommt die Wirtschaft unter Druck, auf die Familie zuzugehen. Wer Kinder hat, so sagt das Buch, soll nicht aus der Arbeitswelt aussteigen müssen, er muss sie verändern. Familienfreundlichkeit muss ein harter Profitfaktor werden, der auch den Sektor der Dienstleistungen revolutioniert: „Wir brauchen ein breitflächiges Netz transparenter, legaler haushaltsnaher Dienstleistungen. Das beginnt bei der Kinderbetreuung, das geht über den Wäscheservice, über Hol- und Bringdienste für Getränke und Lebensmittel bis hin zu Pflegediensten. Diese Dienstleistungen gibt es im Ausland viel professioneller, deshalb kostengünstiger und vielfältiger. Aus diesem Grund sind sie einfacher nachzufragen und abzurufen. Und sie schaffen Arbeitsplätze für Menschen, hinter denen auch wieder Familien stehen. Wenn es solche Dienstleistungen gibt, ist es leichter für junge Frauen zu sagen: Ich möchte in meinem erlernten Beruf arbeiten. Aber ich kann nicht gleichzeitig Kochgenie, Ladenschlusszeitenexpertin, Gärtnerin, Putzfrau, Ärztin, Nachhilfelehrerin, Fuhrunternehmen, liebevolle Mutter, interessante Partnerin und was sonst noch alles sein.“

Dagegen ist die Krippen-Debatte provinziell

Frau von der Leyen, hallo? Kostet die Inanspruchnahme all solcher Dienstleistungen nicht Geld? Wer von den jungen Eltern soll das bezahlen? Und überhaupt - ist das nicht alles Zukunftsvision? „Ja, das kostet Geld. Insbesondere in Deutschland, weil das hier so ungewöhnlich ist. Aber denken Sie mal daran, wie ungewöhnlich, geradezu revolutionär der Gedanke von ,Essen auf Rädern' seinerzeit war. Diese Dienstleistung hat vielen älteren Menschen das Leben zu Hause erleichtert oder gar ermöglicht und für erschwingliches, abwechslungsreiches und gesundes Mittagessen gesorgt. Heute würde niemand mehr sagen, dass das undenkbarer Luxus und unerschwinglich sei. Gleiches gilt für die Entwicklung der ambulanten Pflegedienste. Vor zehn Jahren war da noch gar nichts, heute ist Pflege und damit ein Leben zu Hause in der Familie lange möglich. Und das ist einer der Gründe, warum die Bundesregierung die haushaltsnahen Dienstleistungen jetzt steuerlich besser absetzbar gemacht hat. Es ist eine Teilkostenreduktion, aber es ist auch ein Anreiz, damit sich überhaupt ein Netz solcher Dienstleistungen entwickelt.“

Man begreift, wenn man dieses Buch liest, wie provinziell die Krippen-Debatte in mancher Hinsicht geführt wird. Wie viele Stunden muss ein Kind am Tag zu Hause sein, damit es keinen Schaden bekommt? Diese Frage, von der die Krippen-Debatte heute noch lebt, wird in dem Maße ihren Charakter ändern, wie in einer Gesellschaft die Grenzen zwischen Arbeitsplatz und Haushalt fließender werden, als sie es jetzt noch sind. Wenn Betriebskindergärten, Vaterzeit, flexible Arbeitszeiten nicht länger als Exotik, sondern als Wettbewerbsvorteil gelten - dann hört der Elternberuf auf, ein Schadensfall fürs Kind zu sein. Wenn Wäscheservice, Hol- und Bringdienste und andere haushaltsnahe Dienstleistungen zu erschwinglichen Preisen angeboten werden - dann hört der Kinderhaushalt auf, eine Stressmühle für Eltern zu sein.

Die Arbeitswelt auf neue Füße stellen

Es geht also nicht darum, die Familie gegen die Wirtschaft in Stellung zu bringen. Es geht darum, die Wirtschaft auf die Familie zu verpflichten. Eine nachholende Revolution, die nicht nur die Frau, sondern auch den Mann im Blick hat. Dass man immer noch mehr fordern kann, ist kein Argument gegen das, was jetzt sinnvoller Weise erst einmal zu geschehen hat. So kann und soll man fordern, dass Frauen, die ihre Kinder jahrelang zu Hause erziehen, diesen gesellschaftlichen Dienst besser vergütet bekommen, nicht zuletzt bei der Rente. So kann und soll man fordern, dass Kinder statt Ehen steuerlich begünstigt werden, ohne dass dadurch die der Kinder wegen zu Hause gebliebenen Ehepartner am Ende leer ausgehen.

All das kann und soll man fordern - aber dabei doch bitte fair bleiben. Fair bleiben heißt zu sehen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und dass Familienpolitik in irgendeinem Bereich schließlich anfangen muss, etwas für die Familien zu tun. Der Bereich, den Ursula von der Leyen dafür gewählt hat, ist strategisch nicht schlecht gewählt. Im Idealfall erweist er sich als Hebel, um unsere Arbeitswelt auf neue Füße zu stellen. So jedenfalls möchte man dieses Buch gerne verstehen, das von Montag an der Wirtschaft Beine macht.

Quelle: F.A.Z., 17.03.2007, Nr. 65 / Seite 35
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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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