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Familie Gute Kitas öffnen abends

 ·  Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat in einer Untersuchung nach den besten Kitas im Lande gesucht. Nun liegt das Ergebnis vor - doch bewertet wurden fast ausschließlich die Öffnungszeiten.

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Ludwig Georg Braun, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), verfügt über soziokulturelles Gespür: Daß er hier sitze und über „Kitas“ spreche, sei schon eine bemerkenswerte Entwicklung, bedenke man, daß der Begriff Kita in der antiautoritären Selbsthilfeszene geprägt worden sei.

„Da haben wir etwas von anderen gelernt“, sagte er am Mittwoch in einem mit Journalisten überfüllten Saal der Berliner DIHK-Zentrale, als er die Prämierung der „besten Kitas Deutschlands“ einleitete. Einen Seitenhieb auf die alternative Szene als solche konnte sich Braun dennoch nicht verkneifen: Wäre in Deutschland in den vergangenen Jahren so viel über Familienpolitik geredet worden wie über Umweltpolitik, stünde das Land besser da, sagte er. Doch auch die Wirtschaft habe erst lernen müssen. „Stirnrunzeln“ habe er anfangs bei Geschäftsführern geerntet, als er sich für eine bessere Kinderbetreuung eingesetzt habe. Inzwischen aber habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß arbeitende Eltern, die von schlechten Betreuungsmöglichkeiten entnervt seien, diesen Ärger in den Betrieb mitbrächten. „Auch die Wirtschaft braucht gute Kinderbetreuung!“ lautet Brauns Credo. Doch wie sieht die aus?

Nur fünf Prozent nach sechs Uhr abends offen

Im Fragebogen des DIHK, den 1700 Kinderbetreuungseinrichtungen beantwortet haben, geht es vor allem um Öffnungszeiten. Erfreulich sei, daß siebzig Prozent der Kitas schon vor halb acht Uhr morgens geöffnet hätten, um die Kinder von Erwerbstätigen mit frühem Arbeitsbeginn zu betreuen. Nur fünf Prozent der befragten Kitas seien aber nach sechs Uhr abends geöffnet, und lediglich ein Prozent auch am Samstag. Zudem sei die Schließung von Kitas während der Schulferien ein Problem, sagte Braun. Viele Eltern werden zustimmen, daß flexible Öffnungszeiten hilfreich sind.

Die Familienforscherin Gisela Erler ergänzte, die Gefahr sei gering, daß Eltern großzügigere Öffnungszeiten nutzten, um sich ihrer Kinder zu entledigen. Alle Untersuchungen zeigten, daß das Gegenteil der Fall sei und Betreuungszeiten nicht voll ausgenutzt würden. Das alles mag stimmen, doch ging der Anspruch des Wettbewerbs, „die besten Kitas“ zu prämieren, nicht eigentlich weit über Öffnungszeiten hinaus? Öffnungszeiten, die dem Leben der Eltern angemessen sind, zeichnen gute Kitas fraglos aus. Ihr Vorteil für ein weiteres „Ranking“ - nach den besten Universitäten, den besten Ärzten und den besten Autobahnraststätten - besteht in der leichten Quantifizierbarkeit. Doch müssen die besten Kitas nicht auch pädagogisch herausragen?

Dieser Aspekt wurde im Fragebogen des DIHK eher beiläufig abgehandelt. Man legte freilich Wert darauf, daß die ausgezeichneten vier Kitas - „Sonnenschein“ aus Schwedt, „Drachennest“ aus Wilhelmshaven, „Mandala“ aus Morbach und „Matroschka“ aus Frankfurt/Oder - auch Sport und Fremdsprachenunterricht anbieten. Familienministerin Renate Schmidt verkündete, sie denke, daß die Mitarbeiter von Kindertagesstätten, die flexible Öffnungszeiten im Angebot hätten, sich sicherlich auch Gedanken über Pädagogik machten. Das komme doch „automatisch zusammen“. Für die prämierten Einrichtungen mag das gelten, doch sicher wäre es interessant, Näheres über Kitas mit ausgezeichneter Pädagogik zu erfahren, die am Samstag geschlossen sind. Die „Besten“, sofern man sie überhaupt bestimmen kann, sind nicht naturgesetzlich rund um die Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z., 25.08.2005, Nr. 197 / Seite 40
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