12.04.2006 · Warum erschöpft sich die aktuelle Debatte über Kinder im Materiellen und Organisatorischen? Vielleicht wird so der tiefere Grund für die sinkenden Geburtenraten nur verdeckt: die Seelenlage derer, die heute Eltern sein könnten.
Von Christiane HoffmannEines Tages bekommt Tjorven, die Heldin eines Kinderromans von Astrid Lindgren, ein Seehundbaby geschenkt. Doch ihr Vater ist dagegen, daß sie es selbst aufzieht, und er rechnet ihr vor, wieviel Milch und wie viele Heringe dazu nötig sein werden. „Wenn man ein Kind bekommt“, kontert Tjorven, „dann redet man doch auch nicht gleich davon, wieviel Milch man braucht, um es großzuziehen.“ Tjorvens Vater ließ das Argument gelten, und der Seehund wurde zum Familienmitglied.
Wer dagegen heute der Debatte um sinkende Geburtenraten folgt, stellt fest, daß es zuallererst und fast ausschließlich um die Milch geht. Der Vorrang des Ideellen vor dem Materiellen, den Tjorven im Roman selbstverständlich voraussetzen konnte, ist im wahren Leben heute nicht mehr gültig. Und das Emotionale wird in der Diskussion meist in einem Halbsatz abgehandelt, in dem fast mit einem Anflug von Peinlichkeit das Wort Glück fällt. Selten wird vermittelt, warum Menschen Kinder bekommen. Kinder werden als finanzielle Belastung und Unterbringungsproblem, als künftige Rentenkassenbeitragszahler und Bestandsgarantie abgehandelt.
Warum reden wir immer über Fakten, Statistiken, Modelle?
Wo die Diskussion von Männern geführt wird, herrscht Sachlichkeit vor: demographische Fakten, Bevölkerungsstatistiken, Rentenmodelle. Frauen wehren sich ihrerseits in rationaler Argumentation gegen die immer lauter werdende Gebärforderung. Die Klage über ihre schwierige Situation zwischen Kind und Karriere mündet in Schuldzuweisungen an die Politik und die Männer. Es herrscht Einigkeit darüber, daß der Staat das Kinderkriegen durch materielle Anreize stärker fördern sollte, daß das allein aber nicht ausreicht. Deshalb müsse sich das gesellschaftliche Klima ändern, Mütter verdienten mehr Respekt, und Kinder müßten wieder „in“ sein.
Warum wird die Debatte über Kinder so versachlicht, so seltsam gefühllos geführt, warum erschöpft sie sich im Materiellen und Organisatorischen? Mag sein, daß die Antwort auf die Frage, warum Menschen Kinder bekommen, als selbstverständlich, ja banal angesehen wird. Mag sein, daß sie zu intim ist, um sie in der Öffentlichkeit auszubreiten. Vielleicht liefert aber auch die Tatsache, daß wir nicht über die Gründe sprechen, warum wir trotz aller Widrigkeiten noch Kinder bekommen, einen Hinweis darauf, warum wir es immer weniger tun. Vieles spricht dafür, daß die Debatte über die sachlichen, materiellen Gründe für unsere sinkende Geburtenrate nur den darunterliegenden, tieferen Grund verdeckt: die Seelenlage derer, die heute so alt sind, daß sie Eltern sein könnten.
Keiner der Gründe unserer Eltern ist noch stichhaltig
Es ist noch nicht lange so, daß sich Menschen überhaupt entscheiden können, ob sie Kinder bekommen wollen, und folglich auch Kriterien finden müssen, nach denen sie diese Entscheidung fällen. Wir bekommen nicht, wie unsere Vorfahren, Kinder, weil wir es nicht verhindern können, und - jedenfalls bislang - auch nicht deshalb, weil sie unsere Versorgung im Alter sichern. Noch unsere Eltern brachten uns aus Gründen zur Welt, die für uns selbst heute nicht mehr gelten: weil es alle taten, weil es selbstverständlich zu einem erfüllten Leben gehörte, weil Verhütungsmittel noch nicht ausreichend verbreitet waren oder weil sie wollten, daß ihre Kinder es einmal besser haben sollten als sie selbst.
Keiner dieser Gründe ist noch stichhaltig. Der letzte hat sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Heute wagen es manche, Kinder zu bekommen, obwohl sie damit rechnen müssen, daß es diesen einmal schlechter gehen wird als ihnen selbst. Aber wie ist es mit dem erfüllten Leben? Wer heute freiwillig kinderlos bleibt, sieht sein Leben in der Regel auch ohne Kinder als ausgefüllt an. Arbeit, die immer weiter perfektionierten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und die unbegrenzten Möglichkeiten medialer Kommunikation lassen uns, zumindest in dem Alter, das sich für das Kinderkriegen eignet, eher Überfülle als Mangel wahrnehmen. Allerdings wissen wir nicht, ob dies bis ins Alter hinein Bestand hat oder ob die Kinderlosen ihre Abstinenz eines Tages bereuen werden.
Kinder liefern uns dem Schicksal aus
Kinder holen das Alter in unsere Biographien. Mit ihnen treten wir ins zweite Glied, das Entstehen von Leben konfrontiert uns auch mit der Vergänglichkeit. Dabei war keiner Alterskohorte von Gebär- und Zeugungsfähigen jemals die eigene Sterblichkeit so fern wie der unseren: und zwar sowohl tatsächlich, durch die beständig wachsende Lebenserwartung, als auch gedanklich, weil wir den Tod so weitgehend aus unserem Leben verbannt haben. Wer sich für unsterblich hält, dem kommen aber auch weitere Gründe für den Kinderwunsch abhanden: dem Leben einen Sinn zu geben, der über uns hinausweist, etwas weitergeben zu wollen, zu wünschen, daß etwas von uns weiterlebt.
Kinder liefern uns dem Schicksal aus. Mehr als einmal habe ich von Paaren und Frauen gehört, daß sie es vorziehen, kinderlos zu bleiben, weil sie fürchten, mit Kindern die Kontrolle über ihr Schicksal zu verlieren. Und noch häufiger war dies die Begründung, kein zweites Kind zu bekommen: weil es schon einmal gutgegangen ist und man das Schicksal nicht herausfordern will. Die Sorglosigkeit und Sicherheit unserer Kindheit und Jugend haben uns eben nicht stärker und risikobereiter werden lassen. Die behütete Kindheit verdanken wir unseren Eltern, die selbst als Kinder Krieg, Flucht und Hunger erlebt hatten und alles daransetzten, uns vor Schwierigkeiten zu bewahren. Mit den Ängsten ihrer eigenen Kindheit haben sie uns aber auch ihr Sicherheitsbedürfnis weitergegeben. Das Ergebnis ist jene Berührungsangst mit dem Leben, die zwangsläufig unsere Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen muß.
Manche klagen, sie hätten ein zu glückliche Kindheit gehabt
Bislang konnte man diejenigen, die heute im besten Alter fürs Kinderkriegen sind, den Stillen im Lande zurechnen. Jetzt melden sich einige zu Wort, die sich und ihre Altersgenossen entweder als Versager geißeln oder als Verlierer bemitleiden. Es gibt einen Ton der Beschwerde: Man sei nicht vorbereitet worden, wird angeführt, man habe eine zu glückliche Kindheit gehabt. Man ruft nach Vater Staat und nach den Eltern, die jetzt den Gürtel enger schnallen sollen, damit unsereiner die sorglose Jugend bis ins Alter fortsetzen kann.
Aber so wird es diesmal nicht gehen. Die Umbrüche, die wir Heutigen erleben, die Konflikte, die auf uns zuzukommen scheinen, konfrontieren uns mit den großen Themen von Moral und Gerechtigkeit, die viele bislang ignorieren wollten. Das Schicksal, das mancher aus seinem Leben verbannen wollte, holt uns ein.
Christiane Hoffmann Jahrgang 1967, politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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