Home
http://www.faz.net/-gsf-u7qx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fall Politkowskaja Ohnmacht gebiert Mut

 ·  Wir sprechen über den Mord an Anna Politkowskaja, aber warum schweigen wir von dem, wofür die russische Journalistin ihr Leben wagte? Das fragte die Schriftstellerin Monika Maron am Donnerstag auf der Leipziger Buchmesse.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (7)

Seit dem 7. Oktober 2006, dem Tag, an dem Anna Politkowskaja in ihrem Haus erschossen wurde, ist ihr Name in der deutschen Öffentlichkeit bekannt. Er hätte auch vorher bekannt sein können; es waren zwei Bücher von ihr erschienen: „Tschetschenien - die Wahrheit über den Krieg“ (2003) und „In Putins Russland“ (2005); zwei Bücher, aus denen man so Ungeheuerliches erfahren kann, dass sich jeder, der auch nur eines gelesen hat, fragen muss, warum der Krieg in Tschetschenien und seine Auswirkungen auf Russland uns eigentlich so wenig interessieren; warum jeder Tote im Irak, jeder Häftling in Guantánamo, jeder erschossene Palästinenser unser Mitgefühl und unsere Empörung weckt, wogegen die alltägliche Rechtlosigkeit, die Morde, Entführungen, Vergewaltigungen in Tschetschenien, Inguschetien oder Dagestan uns erst erregen, wenn in Beslan mehr als dreihundert Geiseln getötet werden oder wenn im Moskauer Musicaltheater Nord-Ost eine Geiselnahme mit einem Giftgaseinsatz beendet wird und dabei neunzig Kinder ums Leben kommen oder wenn in Moskau eine ungewöhnliche und mutige Journalistin ermordet wird, ausgerechnet am Geburtstag des russischen Präsidenten, der zudem wenige Tage später die deutsche Bundeskanzlerin treffen sollte.

Atemberaubendes Protokoll des politischen Alltags

Anna Politkowskaja dokumentiert in ihrem „Russischen Tagebuch“ die Zeit von Dezember 2003 bis August 2005. In dieser Zeit verendet unter Putins Herrschaft die Pressefreiheit, verbreiten sich Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, verkommen die Wahlen wie unter sowjetischen Verhältnissen zur Farce, verelenden die Armen, paralysiert sich die Opposition. Politkowskajas „Russisches Tagebuch“ ist ein genaues Protokoll des politischen Alltags in Russland, wie unter Atemnot geschrieben, atemberaubend zugleich. Wie ein Alb setzen sich die Willkür und Anmaßung der Macht auf die Brust, auch die Lethargie und Angst der Bevölkerung.

So ein Land zu fürchten gibt es Grund genug, notiert Politkowskaja am 19. August 2005. Und vor ihm zu kuschen, wie es gegenwärtig Staatsmänner aus aller Welt tun, die es vorziehen, Putin zu küssen, statt ihn in die Schranken zu weisen.

„Möglich, dass dieser Kampf nicht gut ausgeht“

Seit Anna Politkowskaja tot ist, wird viel über sie gesprochen und geschrieben. Darum will ich hier weniger über sie sprechen als über uns, die wir ein Teil ihrer Verzweiflung waren. Warum fällt unsere Erregung über die dramatischen Ereignisse in Russland eigentlich so matt aus, so unsicher oder desinteressiert? Sogar jetzt, wenn wir Anna Politkowskaja ehren, sprechen wir zwar über sie, über ihren Mut und ihre Wahrheitsliebe, aber weniger darüber, wofür sie unbeirrbar einstand, was ihr mehr bedeutete als das eigene Leben.

In einem Interview, das sie vor zwei Jahren hier auf dieser Buchmesse gab, antwortete sie auf die Frage nach ihrer Gefährdung: „Ich versuche, nicht daran zu denken, weil ich sonst nicht arbeiten könnte... Also blende ich diese Gedanken aus und sage, dass ich einfach das Schicksal derjenigen teile, die für demokratische Prinzipien und ein demokratisches Leben in Russland kämpfen, wobei es möglich ist, dass dieser Kampf nicht gut ausgeht. Aber das ist dann einfach so.“

Was wissen wir von einem Mut, der lebensgefährlich ist? Was wissen wir noch von einer Ohnmacht, die solchen Mut hervorbringt?

Hilflose Wut und Bitterkeit

Wer in der DDR erwachsen war und nicht dem herrschenden Regime anhing, wird sich an die hilflose Wut gegenüber der angemaßten Verfügungsgewalt des Staates erinnern und auch an die Bitterkeit, die man empfand, wenn Repräsentanten des Westens aus diplomatischem oder auch nur parteipolitischem Kalkül verschwiegen, was hätte ausgesprochen werden müssen, oder wenn die Annäherung uns größer erschien als der erhoffte Wandel. Und ich erinnere mich daran, dass damals namhafte Politiker der Bundesrepublik den Aufstand von Solidarnosc verantwortungslos und eine Bedrohung des Weltfriedens genannt haben.

Vielleicht machen solche Erfahrungen empfindlicher für unterlassenen Beistand. Ja, es stimmt, der Westen hat Anna Politkowskaja Preise für ihre Arbeit verliehen; aber hat das Fernsehen deshalb mehr über Tschetschenien berichtet? Oder hat Sabine Christiansen deshalb für Garri Kasparow auf den russischen Botschafter verzichtet? Hat sich die SPD bis heute von ihrem Genossen Gerhard Schröder distanziert, der Putin wider besseres Wissen und aus Gründen, die nicht anders als korrupt erscheinen können, einen lupenreinen Demokraten genannt hat? Haben wir uns bei Putins Opfern und den wirklichen Demokraten in Russland, deren Verbündete wir sein sollten, für unseren ehemaligen Bundeskanzler entschuldigt? Sind, wie damals beim Krieg im Irak, Tausende auf die Straße gegangen mit Transparenten: Kein Blut für Öl? Denn um Öl geht es auch diesmal.

Vergangenheit verpflichtet

Die Ursachen für unsere Zurückhaltung mögen nicht zuletzt in der deutschen Vergangenheit liegen und in dem Schuldbewusstsein, das sie den Deutschen hinterlassen hat. Aber gerade unsere Vergangenheit sollte uns verpflichten, auf der Seite derer zu stehen, die für Presse- und Meinungsfreiheit, für demokratische Wahlen und gegen die Willkür der Geheimdienste kämpfen, Rechte, die wir für unverzichtbar halten und für unteilbar, die also auch für Russland gelten. Allerdings habe ich den Eindruck, es gibt auch andere, weniger ehrenhafte Gründe für die Nachsicht der deutschen Öffentlichkeit gegenüber den russischen Verhältnissen.

Ein Volk ohne demokratische Erfahrung, das aus der Zarenherrschaft direkt unter die kommunistische Diktatur geraten ist, gilt vielen offenbar als nicht demokratiefähig, so wie auch die Ostdeutschen nach fünfundvierzig Jahren Diktatur unter Verdacht standen, nicht demokratiefähig zu sein. Ein solches Volk, dessen Leidensfähigkeit sprichwörtlich ist, denken manche vielleicht, braucht, wenigstens für den Übergang, eine diktatorische Figur wie Putin, der das Chaos verhindert und für Ordnung sorgt. Aber selbst wenn es so wäre und es in Russland heute noch keine demokratische Kraft gäbe, die das Land regieren könnte, wäre es unsere Pflicht, denen beizustehen, aus denen diese Kraft erwachsen kann, sie laut und deutlich zu unterstützen und zu beschützen.

Was hält der von uns?

Als einige der Mütter, die in Beslan ihre Kinder verloren hatten, ein Jahr danach in Moskau von Putin empfangen wurden, wünschte sich Anna Politkowskaja, die Russen würden eine Menschenkette bilden, „die Kiewer Chaussee entlang bis zum Kreml, dort, wo die Frauen vom Flughafen zu Putin fahren werden. Um schweigend dazustehen - nur damit die Frauen sehen, dass wir mit ihnen sind -, so lange, bis die Mütter von Putin nach Wnukowo zurückkehren. Mit uns zu reden brauchen sie nicht - es genügt ihnen zu sehen, dass es uns gibt.“

So, als zuverlässige Wache über das Leben und die Rechte der russischen Opposition, der tschetschenischen Zivilbevölkerung, der Soldatenmütter und ihrer misshandelten Söhne, hat sich Anna Politkowskaja wohl auch die Unterstützung des Westens erhofft.

Als Wladimir Putin einige Tage nach ihrer Ermordung der deutschen Öffentlichkeit erklärte, Anna Politkowskaja sei eine radikale, aber im eigenen Land eher unbedeutende Journalistin gewesen und ihr Tod schade Russland mehr als ihre Artikel, habe ich mich gefragt: Was hält der von uns, dass er in unserem Land, in unseren Zeitungen so zu uns spricht? Was haben wir falsch gemacht, dass er das wagt?

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 6