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Fahrstuhltestturm in Rottweil : Hauptsache herausragend

  • -Aktualisiert am

246 Meter klassischer Beton: Dieses Wahrzeichen ziert nun Rottweil. Bild: dpa

In Rottweil war die Welt in Ordnung. Doch jetzt steht dort ein 250 Meter hoher Tower, in dem Fahrstühle getestet werden. Ist das modern oder ein Skandal?

          Das Ding ist ein Schock. Ein Megaturm, fast 250 Meter hoch. Mitten auf dem Land. Am Rande eines so schmucken Städtchens. In Rottweil am Neckar kann man seit kurzem einen architektonischen Koloss besichtigen, der seinesgleichen sucht. Er wurde von Thyssen-Krupp als Testanlage für Großaufzüge errichtet, und man ist in der Stadt mächtig stolz, dass es gelang, wie man sagt, „den Turm nach Rottweil zu holen“. Jeden Morgen sieht man ihn wie einen erhobenen Zeigefinger, der die Menschen daran erinnert, dass sie, auch wenn sie selbst keinen Fahrstuhl haben, im Zeitalter der Hochhäuser und der Fahrstühle leben.

          Viele hassen den neuen Turm genau deswegen, für andere ist er eine Art Therapie. Gegen die Angst der Provinz, abgehängt zu werden. In Deutschland gibt es etwa tausendfünfhundert Kleinstädte. Rottweil ist eine davon. Man ist auf eine ruhmreiche Vergangenheit stolz. Es gab hier eine der größten Römerstädte nördlich der Alpen, im Mittelalter beherbergte man das kaiserliche Hofgericht. Man war freie Reichsstadt, man war jemand. Doch das ist lange her. 1802 war es vorbei mit der Herrlichkeit, man wurde Württemberg einverleibt, ging auf in einem größeren Gebilde. Man wurde ein Städtchen unter vielen in der deutschen Provinz. Heute gibt es immerhin noch den Rottweiler Hund, den alle kennen. Aber im Grund plagt viele das Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit.

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          Auf den Druck der Modernisierung reagiert die Provinz immer schon mit zwei sich periodisch abwechselnden Reflexen: mit der Imitation des Großstadtlebens oder der Rückbesinnung auf die eigenen Stärken. Entweder greift man zurück auf die schwindende Masse dessen, was noch zur lokalen Identifikation geblieben ist, oder es wird übernommen, was man für modern hält. Entweder romantisiert man die Vergangenheit, oder man bricht befreiungsschlagartig nach vorne aus, in eine Zukunft, in der alles besser werden soll. Drei Phasen lassen sich da unterscheiden, auch in Rottweil. Bis in die siebziger Jahre regierte der Kahlschlag. Altes Gemäuer wurde maximal unsentimental für einen Sparkassen-Neubau oder ein Parkhaus abgerissen. In den Achtzigern kam der Wandel. Man entdeckte die Liebe zum alten Gemäuer. Das war damals wie eine neue Religion: Achtsamkeit am Altbau, sanft und nachhaltig - eine Art Fachwerk-Buddhismus. Seit ein paar Jahren ist auch damit Schluss. Phase drei: Neue Bauprojekte werden realisiert, und zwar in XXL. Von weither sichtbar ragt Rottweils Mega-Tower in den Winterhimmel, wenn die Glasfaser-Membran, die ihn umhüllen soll, fertig ist, wird man den Turm auch noch nachts sehen. Er soll ein Touristenmagnet werden, ein neues Wahrzeichen der Stadt. Derzeit diskutiert man schon das nächste atemberaubende Projekt: Von der alten Stadtmauer soll die längste Hängebrücke der Welt zum Megaturm führen. „Derartige Prestigeprojekte in Klein- und Mittelstädten“, sagt Jan Balke, Stadtforscher an der Uni Münster, „sind keine singulären Erscheinungen, sondern in einen überregionalen Trend eingebunden, der als Antwort auf einen zunehmend dominanten Metropolendiskurs verstanden werden kann.“ Ein anderes Beispiel: Fellbach im Rems-Murr-Kreis, vierzigtausend Einwohner. Hier ragt der Rohbau des 107 Meter hohen Gewa-Wohntowers in den Himmel und soll einmal Deutschlands dritthöchstes Wohnhaus werden. Nicht weit weg in Bietigheim erreicht man zwar nur knapp siebzig Meter - dennoch heißt das lokale Projekt selbstbewusst „Sky Bietigheim“.

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