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Mark Zuckerberg : Dabei liebt er uns doch alle

En famille: Mark Zuckerberg mit seiner Frau Priscilla und der Tochter Max. Bild: AP

Mark Zuckerberg hat einen Brief an seine neugeborene Tochter geschrieben. Die wahren Adressaten aber sind - wir. Der Facebook-Chef hat nämlich eine Regierungserklärung formuliert.

          Die ganze Welt denkt, Mark Zuckerberg habe seiner Tochter einen Brief geschrieben. Hat er aber nicht. Er nimmt die Geburt der kleinen Max vielmehr zum Anlass, seinen persönlichen Weltmachtanspruch zu formulieren. Er hat eine Regierungserklärung verfasst, der wir entnehmen können, wie die Welt aussieht, wenn Facebook das Sagen hat. Sie ist bunt, vielfältig und friedvoll. Es gibt nur noch saubere Energie und keine Krankheiten mehr. Für kreatives Unternehmertum existieren keine Grenzen. Es gibt „starke“ und „gesunde“ Gemeinschaften. Und alle Menschen haben gleiche Chancen. Wie bekommen sie die? Durch die richtige Erziehung, die richtige Gesundheitsvorsorge und - einen freien Zugang zum Internet. Wer diesen schafft und garantiert, ist klar: Papas Firma.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Diese Firma versteht sich seit je darauf, die Welt nach ihrem Bild zu formen und ihre Ziele als rein gemeinnützig darzustellen. Sie bezahlt zwar - in Europa - so gut wie keine Steuern, dies aber offenbar nur, um direkt und bis zum letzten Cent dem Gemeinwohl zu dienen. Mit dieser Masche ist Mark Zuckerberg zu einem der reichsten Menschen der Welt geworden. Seinen Reichtum will er nun teilen. 99 Prozent seines Kapitals will er spenden - Facebook-Aktien im Wert von zurzeit 45 Milliarden Dollar. Allerdings nicht gleich, sondern im Laufe seines Lebens. Er wolle „noch viele, viele Jahre“ Vorstandschef von Facebook bleiben. Und in den nächsten drei Jahren wird er, wie seine Firma mitteilt, pro anno höchstens Aktien im Wert von jeweils einer Milliarde Dollar abgeben. Auf die 45 Milliarden Dollar muss die Welt also noch ein wenig warten, in bar wird die Summe ohnehin nicht ausbezahlt.

          99 Prozent für eine bessere Welt

          Liest man Mark Zuckerbergs seligmachende Zeilen und schaut man auf seinen Plan für eine „Chan Zuckerberg Initiative“, könnte man zunächst verleitet sein, zu denken, er stelle mit seiner Freigebigkeit und seinem Anspruch Bill Gates und Warren Buffett noch in den Schatten. Die sind Mitglied im Club der Milliardäre, welche die Hälfte ihres Vermögens für gute Zwecke abgeben. Bei Zuckerberg wären es nun also 99 Prozent - 99 Prozent, 45 Milliarden Dollar für eine bessere Welt. Ist das nicht eine schöne Botschaft im Advent? Der Wohltäter, er ist unter uns.

          Er ist allerdings, schaut man auf die angekündigte Ratenzahlung, ein Scheinriese. Und er kommt auch nicht dahergeritten und teilt seinen Mantel in zwei Hälften wie der heilige Martin. Er sitzt vielmehr auf dem größten trojanischen Pferd seit den Zeiten von Odysseus. Mit einem untrüglichen Gespür für den richtigen Moment, mit dem richtigen, durch und durch sentimentalen Ton und mit seiner Miene der Unschuld vom Lande macht Mark Zuckerberg der Welt ein Danaergeschenk. Wir bekommen scheinbar alles von ihm. Er bekommt dafür nur eine Kleinigkeit - alle unsere Daten, also die digitale Blaupause unserer Existenz. Er weiß alles über uns. Doch wir dürfen sicher sein, wie er uns anlässlich der Geburt seiner Tochter wissen lässt, dass wir bei ihm in den besten Händen sind. Denn er schafft eine bessere Welt.

          In den Club der spendablen Milliardäre, dem Bill Gates und Warren Buffet angehören, trat er schon vor fünf Jahren ein: Mark Zuckerberg.
          In den Club der spendablen Milliardäre, dem Bill Gates und Warren Buffet angehören, trat er schon vor fünf Jahren ein: Mark Zuckerberg. : Bild: AP

          Doch Facebook frisst nicht nur unsere Daten. Die Firma baut und beherrscht das scheinbar frei zugängliche Internet, von dem Mark Zuckerberg spricht. Dass sich die Politik mit diesem nicht nur unternehmerischen Machtanspruch abfindet, dafür sorgt die von Facebook vor zwei Jahren ins Leben gerufene Organisation „Internet.org“, der ein halbes Dutzend führender IT-Unternehmen beigetreten ist, um, wie es in der Selbstbeschreibung heißt, „zwei Drittel der Weltbevölkerung ohne Internetzugang mit dem Internet zu verbinden“. Das klingt - wie Zuckerbergs Brief - nach reinem Altruismus. In Wahrheit geht es um ein globales Geschäft, das die beteiligten Firmen unter sich ausmachen und Regierungen schmackhaft machen wollen, weshalb sie sich unter dem Deckmantel von „Internet.org“ bei jeder Gelegenheit zu Wort melden, wenn es darum geht, auf Gesetzgebung und handelnde Politik Einfluss zu nehmen und Druck auszuüben.

          Milliardenschwere Spende : Zuckerberg will 99 Prozent seines Vermögens spenden

          „Max, wir lieben dich“

          Und das geschieht immer und immer wieder im selben verlogenen Tonfall, mit derselben Camouflage, mit der Facebook seine geschäftlichen Interessen als das Interesse aller ausgibt. Dabei haben wir es mit nichts anderem als einer Botschaft für die Untertanen und mit knallharten Forderungen zu tun. Sie finden sich bei Zuckerberg im Kleingedruckten: Wir brauchen Zugang zum Internet, wir brauchen neue Institutionen, die den wahren Bedürfnissen der Menschen entsprechen, ist da zu lesen.

          Mit dem „Brief an unsere Tochter“ beweist der Facebook-Chef, dass er sich nicht scheut, für seine Zwecke die Allerkleinsten in Dienst zu nehmen. „Max, wir lieben dich, und wir fühlen uns dafür verantwortlich, diese Welt für dich und für alle Kinder zu einem besseren Ort zu machen“, schreibt er. Ob Mark Zuckerberg seiner Tochter auch schon einen Facebook-Account in die Wiege gelegt hat?

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          Quelle: F.A.Z.

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