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F.A.Z. Lesesaal : „Fußnote DDR“? Ach, wäre es so!

  • -Aktualisiert am

Chapeau vor einem gewaltigen Unternehmen: Klaus Harpprecht würdigt Wehler - und kritisiert Bild: picture-alliance/ dpa

Hans-Ulrich Wehlers „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“ demonstriert eindrucksvoll, was für eine erstaunliche Renaissance die Tradition der Geschichtserzählung erlebt. Doch man muss nicht jeder These applaudieren. Zwei Einwürfe von Klaus Harpprecht.

          Hat jemand zu behaupten gewagt, die Historiker der Nachkriegs-Generation seien zum „großen Wurf“ und zur Kontinuität eines Lebenswerkes nicht bereit und fähig?

          Wem die zwei Bände von Heinrich August Winklers „Der Lange Weg nach Westen“ als Gegenbeweis nicht genügten: das gewaltige Unternehmen von Hans-Ulrich Wehlers „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“, das mit dem Fünften Band über die Bundesrepublik und die DDR seinen Abschluss findet, demonstriert eindrucksvoll genug, dass die Tradition der Geschichtserzählung, das die eigentliche epische Leistung der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts gewesen sein mag, in der Bundesrepublik eine erstaunliche Renaissance erlebte (wenngleich nicht immer auf einem ebenbürtigen Niveau der Sprache und des Stils). Chapeau!

          Der lange Atem Winklers und Wehlers - so unterschiedlich ihre Einsichten sind - widerspricht dem nörgelnden Kulturpessimismus, der unentwegt unseren kurzen Atem unter dem Diktat des Video-Verschnittes (à la Knopp) oder eines aktualitätsbesessenen Feuilletons beklagt.

          Zwei Einsprüche

          Der Respekt vor Wehlers Leistung gebietet nicht, dass jeder seiner Thesen applaudiert werden müsste. Ist die DDR in historischer Perspektive tatsächlich nicht mehr als eine „Fußnote“ in der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland? Ach, wäre es so! Die verklärende „Ostalgie“ zwei Jahrzehnte nach dem kläglichen Kollaps des „Realsozialismus“ und die gefährlichen Wahlerfolge einer wirklichkeitsscheuen Erb-Partei der autoritären SED stützen Wehlers Wertung leider nicht. Die Reform des angeblich „maßlos übersteigerten Sozialstaates“ (der keineswegs nur ein deutsches, sondern ein westeuropäisches Phänomen ist) inmitten einer anhaltenden Wirtschaftskrise (mit Millionen Arbeitslosen): diese fatale Konstellation provoziert nicht nur in Ost-Deutschland eine latente Bereitschaft zur Flucht aus der Demokratie und aus Europa in das Heimweh nach der „gemütlichen DDR“, die es in Wahrheit niemals gab. Dennoch existiert sie noch immer und noch lange als ein illusionäres Ideal (wie das Kaiserreich für die depossedierten Konservativen in der Republik von Weimar): ein Schatten, den wir so rasch nicht loswerden.

          Ein zweiter Einspruch. Wehler sagt in seinem Vorwort, „die Fusion der beiden Neustaaten von 1949“ habe „ die Kontinuität des Bismarckstaates wieder hergestellt“. Träfe dies zu, dann entzöge er der Bundesrepublik den Charakter des „in jeder Hinsicht strukturprägenden Kernstaates“, dem er in seinem Epilog bescheinigt, dass er „sich unter einer bewährten liberal-demokratischen Verfassung fünf neue Bundesländer“ anzugliedern vermochte. Die „liberal-demokratische“ Republik aber grenzte sich nicht nur radikal vom totalitären NS-Staat, sondern genauso klar vom Bismarck-Reich ab, das die Entwicklung zu einem liberal-demokratischen Staat - trotz des wirtschaftlich und kulturell dominierenden Bürgertums und einer starken Sozialdemokratie - nicht zuließ: und darum - anders als Wehler meint - keineswegs der Welt des Westens zugehörte. Erst mit der Gründung der Bundesrepublik, ihrer Einbindung in die Europäische Gemeinschaft und die Atlantische Allianz entschied sich die Mehrheit der Deutschen für den Westen. Durch die föderalistische Gliederung des „Neustaates“, die Wehler eher beiläufig behandelt, erlebte überdies eine vorbismarcksche und vorpreußische Tradition der Deutschen eine vitale Renaissance, die uns den Weg zur Europäisierung der Republik geebnet hat.

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