16.10.2006 · Der Süden hat fast alle Mittel für die Exzellenzförderung bekommen, der Westen weniger, der Norden kaum etwas, und der Osten fast nichts. Deswegen toben regionale Politiker. Aber die Wissenschaft macht sich nichts aus dem Länderproporz.
Von Jürgen KaubeAm Freitag vormittag hat Herr Austermann getobt. Denn so ohnmächtig ist er sich noch gar nie vorgekommen. Der Wissenschaftsminister von Schleswig-Holstein schließt aus dieser Ohnmacht, in der ersten Runde der Kür deutscher Spitzenuniversitäten sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen. Der Süden hat fast alle Mittel bekommen, der Westen weniger, der Norden kaum etwas, der Osten fast nichts und Kiel, das ist es, was den Minister so zornig macht, nur ein Projekt.
Wo doch zwei in der engeren Auswahl waren! Mit anderen Ministern, deren Universitäten aus dem Exzellenz-Topf nicht das Maximum herausholen konnten, verlangt Dietrich Austermann (CDU) darum jetzt, das Verfahren müsse geändert werden. Denn die Wissenschaftler, die im gemeinsamen Bewilligungsausschuß die Mehrheit besaßen, hätten, anders als verabredet, den Politikern keine Möglichkeit gelassen, mitzuentscheiden. Über „mit mittleren Noten bewertete Anträge aus Berlin“, beschwert sich sein Kollege Thomas Flierl (PDS), „durfte nicht diskutiert werden“.
Frecher Vorwurf der „Netzwerke und Seilschaften“
Diskutieren freilich hätte er schon dürfen. Auch jetzt noch dürfen alle, die sich mehr erwartet haben und darum, nur darum das Verfahren bemängeln, wie Nordrhein-Westfalens Andreas Pinkwart (FDP) oder Senator Dräger aus Hamburg, auch jetzt noch dürfen sie die nicht bewilligten Projekte ihrer Universitäten in Ehren halten. Austermann beispielsweise, der auch Verkehrsminister seines Landes ist, steht es frei, das Projekt zu „Entzündungen menschlicher Zellen“, dessen Qualität ja allein schon durch Aufnahme in den Kreis der Exzellenz-Kandidaten außer Frage steht, über dessen Ablehnung er sich jetzt aber erregt, durch Umschichtungen aus seinem Straßenbauetat zu stärken. Oder sollten wir überhört haben, daß sich die Universität Kiel über zu viele finanzielle Zuwendungen ihres Ministeriums beklagt hat?
Was die Minister denn auch aufbringt, ist nicht, daß man ihnen Diskussionsbeiträge verwehrte. Sondern daß die Wissenschaft jene „struktur- und regionalpolitischen Aspekte“ (Flierl), also den Länderproporz, den die Politik einerseits von sich weist, andererseits gerne ins Spiel gebracht hätte, für unbeträchtlich erklärte. Das geschah in Einklang mit der Verfahrensordnung, die jeder im Bund-Länder-Vertrag nachlesen kann. Wenn der Berliner „Tagesspiegel“ nun in einer Art lokaler Klagemedienpartnerschaft befindet, es habe umstrittene Projektanträge gegeben, die zwischen Forschung und Politik hätten diskutiert werden sollen, darf man fragen, woher die Kollegin das denn weiß. Und wie sie aus Umstrittenheit auf Politikbedarf schließt? Und wie man sich eine Diskussion über Forschungsaussichten zwischen den Herren Flierl und Austermann einerseits, den Biomedizinern, Physikern, Historikern und Ingenieuren im Ausschuß andererseits denn vorstellen soll?
Der freche Vorwurf, „Netzwerke und Seilschaften“ (Austermann) hätten München begünstigt, gibt einen Eindruck, wie so eine Diskussion verlaufen könnte. Er gründet sich darauf, daß der Vorsitzende im Bewilligungsausschuß, Ernst-Ludwig Winnacker, bevor er vor acht Jahren Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wurde, als Biochemiker an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität lehrte. Daß ihm, was Entscheidungen wie die über das Zellentzündungs-Projekt angeht, im Ausschuß selber allein drei Biologen aus Dresden, Cambridge und Zürich beigesellt waren, erwähnt Austermann nicht. Auch nicht, daß unter den 27 Mitgliedern überhaupt nur aus zwei Städten mehr als zwei Forscher kamen: jeweils drei aus Zürich und aus Berlin - und keiner aus Karlsruhe. Von der ausdrücklichen Enthaltsamkeit der Forscher bei Urteilen über ihnen nahestehende Projekte ganz zu schweigen.
Lernbereite Politik?
Daß ein Politiker sich über den Einfluß von Netzwerken und Seilschaften beschwert, ist, unabhängig davon, ob sie existieren, unfreiwillig komisch und zugleich begreiflich. Denn hier kennt er sich aus. Doch was verstünde Herr Austermann von Entzündungen? Oder von „Global Governance“? Auch so ein abgelehntes Projekt. Oder von „Mikroskopie im Nanometerbereich“ (genehmigt)? Oder überhaupt von Wissenschaft? Minister Austermann hat Jurisprudenz studiert. Dann war er sieben Jahre lang Bürgermeister, erst von Barsbüttel, dann von Brunsbüttel. Im Bundestag saß er im Haushaltsausschuß, Spezialgebiet Verteidigungsausgaben, und war Mitglied im „Arbeitskreis Küste“.
Unter der Rubrik „Einige politische Erfolge“ verzeichnet seine Website immerhin die Ansiedlung eines Instituts der Siliziumforschung in Itzehoe, außerdem „die Elektrifizierung wichtiger Bahnstrecken in Schleswig-Holstein, den Erhalt des Behördenstandorts Itzehoe mit Hauptzollamt und Standortverwaltung, Projekte zur Umwelt- und Gewässerforschung“, die er vermutlich aber nicht selbst durchgeführt, sondern an Land gezogen hat, „sowie zu erneuerbaren Energien und die Unterstützung der Werften durch die Durchsetzung von Werfthilfen“.
Das alles ist respektabel, doch zur Korrektur von Entscheidungen, die über Erkenntnischancen gefällt werden sollten, qualifiziert es nicht. Wenn, wie Bundesministerin Schavan (CDU) soeben noch einmal betonte, wissenschaftliche Exzellenz das „einzige Kriterium“ für die Förderung ist, dann muß die Politik damit leben, keinen kognitiven Beitrag zur Urteilsbildung leisten zu können. Oder wäre das schon zuviel verlangt: lernbereite Politik?
Die Wissenschaft erhebt ihre Stimme
Daß die Wissenschaftler nur die beiden Münchner Universitäten und Karlsruhe für ihre „Zukunftskonzepte“ honorierten, wo doch Geld für mindestens fünf dagewesen wäre, unterstreicht diese eigentliche Pointe ihrer Entscheidung. In dem zwar in höchstem Maße symbolischen, aber wissenschaftlich unklarsten Bereich übten sie die größte Zurückhaltung. Ja, sie opferten diesem Signal an die Politik, den Universitäten endlich keine „Visionen“ mehr abzuverlangen, sondern Taten zu honorieren, paradoxerweise sogar den vollen Exzellenzbescheid an Heidelberg und Aachen, denen bei herausragenden Vorhaben im einzelnen zum Erfolg auf ganzer Linie bislang nur ein schönes Gesamtkonzept fehlt.
Die Universitäten werden hieraus die richtigen Schlüsse zu ziehen wissen. Heidelbergs Rektor Peter Hommelhoff etwa will gegenüber einer primär technisch-naturwissenschaftlichen Ausrichtung, die man den gefallenen Entscheidungen als Empfehlung entnehmen könnte, am Anspruch einer Volluniversität mit herausragenden kleinen Fächern festhalten. Und nur so geht es. Vom Eigensinn der Wissenschaftler im Bewilligungsausschuß läßt sich lernen.
Eine Universität wird nicht dadurch schlechter, daß ihre Projekte jetzt nicht in vollem Umfang berücksichtigt wurden. Die blinden Flecken der Exzellenz-Initiative sind sattsam bekannt: die Lehre, die Geistes- und Sozialwissenschaften, die Unverträglichkeit mit anderen politischen Vorgaben. Und jeder weiß, daß viele dieser Projekte eigens für den Wettbewerb erfunden worden sind. Um sie ist es nicht schade, höchstens um die Zeit und Kraft, die die Anträge gekostet haben. Wenn aber allein dies und die Wut einiger Minister der Preis dafür sind, daß die Wissenschaft endlich einmal zu einer deutlichen Stimme gegenüber der Politik gefunden hat, dann ist er nicht zu hoch.
Wunderbar !
Arndt Ludwig (Lorddersith)
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