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Gespräch mit Can Dündar : Mein Name stand ganz oben auf der Liste

„Wir werden die Ruinen eines Landes vorfinden, das einmal in Teilen demokratisch und säkular gewesen ist“, sagt Can Dündar. Bild: Andreas Pein

Im Ausnahmezustand ruiniert Präsident Erdogan die Demokratie in der Türkei, bis nichts mehr von ihr übrig ist: Can Dündar, als Chef der „Cumhuriyet“ gerade zurückgetreten, sieht die Zukunft seiner Heimat düster.

          Herr Dündar, Sie haben sich entschieden, von Ihrem Posten als Chefredakteur der „Cumhuriyet“ zurückzutreten und erst in ihre Heimat zurückzukehren, wenn der Ausnahmezustand beendet ist. Das war sicher kein leichter Entschluss.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Entschluss, von meinem Posten als Chefredakteur der Cumhuriyet zurückzutreten ist mir natürlich sehr schwer gefallen. Genauso schwierig war die Entscheidung, der Türkei eine Weile fern zu bleiben. Ich habe das Gefühl, etwas zu verlieren – nicht nur beruflich, sondern auch ein Land, für das wir gekämpft haben. Letztendlich sehe ich das Ganze jedoch als eine neue Phase in unserem Kampf für eine demokratische Türkei. Und auch als ein neues Kapitel in meinem Leben.

          Sie sollen mehrfach kurz davor gewesen sein, in die Türkei zurückzufliegen. Was hat Sie bewogen, diesen Plan aufzugeben?

          Ende Juni, nach vielen, sehr anstrengenden Monaten, gönnte ich mir eine berufliche Pause, um an einem ruhigen Ort in Europa an meinem neuen Buch zu arbeiten. Dann ereignete sich der Militärputsch. Gleich am nächsten Tag tauchte eine Liste mit den Namen von Journalisten auf, deren Verhaftung kurz bevor stünde: Mein Name stand ganz oben auf der Liste. Am selben Tag wurden die beiden Verfassungsrichter verhaftet, die dafür gesorgt hatten, dass Erdem Gül und ich auf freien Fuß kamen. Dann veränderte die Regierung die Struktur des Gerichts, vor dem unser Berufungsverfahren über fünf Jahre und zehn Monate Gefängnis verhandelt wird. Der Staatsanwalt, der uns hinter Gittern sehen möchte, wurde zum Oberstaatsanwalt von Istanbul ernannt. Das waren Entwicklungen die mich zweifeln ließen, ob es gut sei, nach Hause zurückzukehren. Mittlerweile habe ich mein Vertrauen in die türkische Justiz komplett verloren.

          Präsident Erdogan hat angekündigt, dass er den dreimonatigen Ausnahmezustand eventuell verlängert. Niemand kann sagen, wie lange er dauern wird. Was für ein Land wird die Türkei danach sein?

          Wir werden die Ruinen eines Landes vorfinden, das einmal in Teilen demokratisch und säkular gewesen ist und das darauf wartet, wiederaufgebaut zu werden.

          Die Türkei hat eine traurige Tradition, Andersdenkende ins Exil zu treiben. Über einen von ihnen, den berühmten Dichter Nazim Hikmet, der im Exil in Moskau starb, haben Sie eine Biographie verfasst.

          In diesen Tagen denke ich tatsächlich oft an Nazim Hikmet. Er war der beste Dichter der Türkei und starb im Exil. Der beste Regisseur dieses Landes war Yilmaz Güney - er starb im Exil. Der beste Sänger dieses Landes war Ahmet Kaya - er starb im Exil. Wir haben eine lange Tradition von Regierungen, die Andersdenkende hassen. Doch niemand erinnert sich an die Namen dieser Regierungen. Woran wir uns erinnern sind jedoch Nazim Hikmet, Yilmaz Güney und Ahmet Kaya.

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