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Europa nach dem Brexit : Auf Kosten unserer Kinder

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Flaggen-Postkarten in London
Flaggen-Postkarten in London : Bild: AFP

Ich kann nicht behaupten, dass die Schüler nach meinem Besuch alle die Ode an die Freude singen. Eher ist es umgekehrt: Ich lerne von ihnen, dass man nicht den Krieg erlebt haben muss, um die Notwendigkeit Europas biographisch zu erleben. Die 75 Prozent der jungen Briten, die gegen den Brexit gestimmt haben und in Deutschland eher achtzig oder neunzig Prozent wären, sind eine Aufforderung an uns, die wir unseren Kindern Europa hinterlassen werden oder nicht. Wir sollten nicht mehr auf die hören, die auch jetzt wieder gegen erhabene Reden polemisieren, weil sie selbst nur so klein denken wie David Cameron.

Er wolle von „großen Visionen, Konventen und Verträge nichts mehr hören“, sagt der amtierende EU-Ratsvorsitzende Mark Rutte, der nur in Holland gewählt worden ist. Genau das haben wir nach der gescheiterten Verfassung und nach jeder weiteren Krisen gehört: noch weniger Europa, und um Gottes willen keine Visionen. Ebendieser Pragmatismus, der ausschließlich auf die eigene, nationale Wählerschaft schielt, hat Europa handlungsunfähig gemacht. Wer Europa noch weiter schwächen will, weil er Angst hat vor Europas Gegnern, betreibt deren Geschäft.

Was es jetzt braucht

„Den Wohlstand, die Sicherheit und den Frieden, den wir heute hier genießen, haben wir denen zu verdanken, die vor siebzig Jahren die gemeinsamen Interessen über die eigenen stellten und sich auf ihre Gemeinsamkeiten anstatt auf ihre Unterschiede beriefen“ - das sagt nicht der politisch wiederauferstandene Giscard D’Estaing, sondern das postet meine siebzehnjährige und wirklich nicht sooo politische Tochter plötzlich auf Facebook. Ich traute meinen Augen kaum, als sie mir am Wochenende ihren Text zeigte, der häufiger geteilt worden sei als je ein Eintrag von ihr. Und die Kommentare unter ihrem Post sowie unzählige andere Internetseiten junger Leute aus ganz Europa, auf die meine Tochter mich anschließend führte, waren ebenfalls so beseelt von der europäischen Idee, wie es kein Älterer mehr zu formulieren wagte.

„Das hier ist unsere Zukunft“, schrieb meine Tochter weiter, „denn wir, die jungen Europäer, sind es die morgen mit den Konsequenzen der Entscheidungen von heute leben müssen und die deshalb dafür kämpfen müssen das zu bewahren womit wir großgeworden sind.“ Ja, sagte ich, dann kämpft auch und nicht nur im Netz - und vergesst übrigens nicht die Kommas. Jedenfalls höre ich lieber auf die drei Viertel der jungen Briten als auf den Ratsvorsitzenden, der sich selbst nicht zu schade war, 2010 mit Rechtspopulisten zu paktieren, um an die Macht zu kommen.

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