http://www.faz.net/-gsf-8ir6s

Europa nach dem Brexit : Auf Kosten unserer Kinder

  • -Aktualisiert am

Ein endlich europäisches Deutschland

Nein, ich sage ihnen: Schaut euch um. Schaut, wo eure Eltern überall herkommen, wie verschieden ihr ausseht, was für unterschiedliche Namen ihr habt. Schaut in eure Nachbarschaft, schaut auf die Nationalmannschaft, schaut auf die Flüchtlinge (und wenn jemand empathisch ist gegenüber den Flüchtlingen, sind es heute die Schüler, das gibt mir jedes Mal selbst Kraft): Überlegt mal, was wäre, wenn Deutschland sich wieder als Volksgemeinschaft verstünde. Oder Frankreich. Oder England. Würde das eure Realität abbilden, die Gesellschaft, in der ihr aufgewachsen seid? Überlegt mal, was ein Europa der Vaterländer bedeuten würde, von dem die Rechtspopulisten immer reden: Wie viele von euch gehörten dann nicht mehr dazu? Und was ist mit den Schulen, in denen Deutschland für die wenigsten Kinder ein Vaterland ist? Glaubt ihr im Ernst, man könnte die alle aussperren oder sie zu Bürgern zweiter Klasse degradieren? Oder die würden von selbst gehen, und wohin auch?

Und ich merke dann jedes Mal, wie es in den Köpfen der Schüler tickt, wie sie sich umschauen, wie sie nachdenken, auch Fragen stellen oder Widerspruch anmelden, es präziser haben wollen. Es entsteht sofort ein Gespräch, zumal die kulturelle Vielfalt der heutigen westeuropäischen Gesellschaften nur der Anfang ist. Denn ich frage die Schüler auch, ob sie ernsthaft wollen, dass Homosexualität wieder diskriminiert würde und jemand ihnen vorschreibt, wen sie wann und wie zu lieben haben. Ob sie in der Schule ausschließlich deutsche Literatur lesen wollen, erklärt nur von Deutschen? Ob sie den Klimawandel für eine Erfindung halten, über die Einführung der Todesstrafe nachdächten oder die Gewaltenteilung abschaffen wollten?

Was hat das mit Europa zu tun?, fragen die Schüler dann zurück. Das hat sehr viel mit Europa zu tun, antworte ich: Schaut doch nur in die Programme der antieuropäischen Parteien, da geht es nicht nur um Islam und Ausländer, da geht es genau gegen die Gesellschaft, in der ihr aufwachst, gegen eure Lehrer, die liberal sind, gegen eure Bürgermeister, die sich für Flüchtlinge einsetzen, gegen den Klimaschutz, Minderheitenrechte, Gleichstellung und eure Lehrpläne, die deutsche Schuld nicht kleinreden, gegen euch, die ihr das heutige, ein endlich europäisches Deutschland seid.

Der Pragmatismus, der Europa handlungsunfähig gemacht hat

Sicher, die Rechtspopulisten führen auch das Wort Freiheit im Mund, sprechen von Selbstbestimmung, verlangen Plebiszite. Aber sie meinen nicht das, was die Aufklärung meinte: dass Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden, Andersgläubigen, Andersaussehenden bedeutet und nicht etwa die Willkür der Mehrheit. Sie halten nicht die Würde eines jeden Menschen für unantastbar, sondern nur die von manchen. Die Würde deines Klassenkameraden offenbar nicht, wenn sie ihn wegen seiner Hautfarbe nicht in der Nachbarschaft haben wollen.

Weitere Themen

May verliert wichtige Abstimmung im Oberhaus Video-Seite öffnen

Doch kein Brexit? : May verliert wichtige Abstimmung im Oberhaus

Das House of Lords wandte sich gegen Mays Plan, die Zollunion mit der Europäischen Union zu verlassen. Stattdessen sind Minister verpflichtet, über ihre Anstrengungen zum Verbleib in der Union zu berichten. Allerdings ist nicht explizit vorgeschrieben, dass die Regierung einen Verbleib aushandeln soll.

Brüssel, Paris, Berlin und das Geld

EU-Kommentar : Brüssel, Paris, Berlin und das Geld

Der französische Präsident Emmanuel Macron prescht mit seinen EU-Plänen vor, aus Berlin kommt nur „Weiter so“. Die beiden Länder sollten endlich wieder mehr über Haftung und Kontrolle in der Währungsunion reden.

Topmeldungen

TV-Kritik „Hart aber fair“ : Der Autismus der 68er

„Hart aber Fair“ will die 68er erklären und lädt Rainer Langhans ein. Die Ansichten des APO-Veterans sind teilweise peinlich – aber hilfreich, um die 68er besser zu verstehen.
Ihre goldenen Käfige will das Rentnerehepaar nicht verkaufen, sie leben von ihrer Rente.

FAZ Plus Artikel: Teure Immobilien : Unglücklich in der Villa

Ein Ehepaar lebt in millionenschweren Häusern, davon profitieren können sie dennoch nicht. Grund dafür: Hypotheken, Instandhaltungen und der nicht vorhandene Verkaufswille. Sie leben lieber von Ihren Renten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.