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Veröffentlicht: 29.06.2016, 11:42 Uhr

Europa nach dem Brexit Auf Kosten unserer Kinder


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40930851 © AP Vergrößern Hat sich verrechnet: Der britische Premierminister David Cameron.

Wenn dann auch noch, wie in der Kampagne David Camerons, als praktisch einziges Argument für Europa der wirtschaftliche Nutzen angeführt wird, halten viele Menschen dagegen, dass sie diesen Nutzen nun einfach nicht in ihrem Alltag bemerken - vielleicht noch in London oder Frankfurt, aber kaum in den Midlands oder in Mecklenburg-Vorpommern und erst recht nicht im Süden Europas, wo die Jugendarbeitslosigkeit oft über fünfzig Prozent liegt. Es hilft dann auch nicht, dem entlassenen Industriearbeiter oder dem Rentner vorzurechnen, wie viel ärmer er ohne die EU dran wäre. Der entlassene Industriearbeiter oder der Rentner glaubt dann lieber dem Heilsversprechen von der Rückkehr zur Nation. Entsprechend wurde das Votum in Großbritannien als Entscheidung zwischen Herz und Verstand apostrophiert - und Europa dem Verstand zugeordnet, damit dem Denken in Nützlichkeitskategorien. Aber wer Europa auf den ökonomischen Vorteil reduziert, steht mit leeren Händen da, wenn die Bilanz nicht mehr stimmt.

Als die Großeltern keinen Deutschen im Haus haben wollten

Auf den Weg gebracht und ausgearbeitet war der Verfassungstext von einer Generation, welche die Abgründe des Nationalismus physisch durchlitten hatte oder mindestens, wie die Achtundsechziger, mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg politisch sozialisiert worden war. Hingegen ausgeführt, öffentlich kommentiert und durch Desinteresse zum Scheitern gebracht wurde der Verfassungsprozess von meiner Generation, die die Notwendigkeit Europas nicht mehr biographisch erfahren hat: Sie weiß die Vorzüge Brüssels größtenteils zu schätzen, sieht die Vorteile eines gemeinsamen Vorgehens in der globalisierten Welt, aber hat zu Europa ein instrumentelles Verhältnis.

Auch während der Finanzkrise argumentierten Europas Politiker rein utilitaristisch, wie es einprägsam die Formel der Bundeskanzlerin ausdrückte: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ Aber ist der Euro wirklich das Fundament, auf dem Europa steht? Es mag sein, dass Aktien und Exporte einbrächen ohne die gemeinsame Währung. Aber glauben wir deshalb an Europa, weil uns der wirtschaftliche Nutzen überzeugt? War da nicht mehr? So etwas wie Freiheit, Emanzipation und Teilhabe aller Menschen am Gemeinwesen gleich welchen Geschlechts, welcher Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung?

Als Schriftsteller bin ich regelmäßig zu Gast in Schulen, und ich spreche dann fast immer auch über Europa. Ich sage nicht, dass Europa den Schülern eine Lehrstelle oder einen coolen Job besorgt. Ich weise nicht darauf hin, wie angenehm es ist, ohne Pass zu reisen oder kein Geld wechseln zu müssen. Auf die handfesten Vorteile Europas kommen die Schüler alle von selbst, ohne sich von Europa zu viel zu versprechen, also die Lehrstelle oder den coolen Job. Ich rede auch nicht vom Frieden. Das wissen alle, dass Europa dem Kontinent Frieden beschert hat - aber niemand würde mir glauben, wenn ich wie der panisch gewordene britische Premier drohte, dass ohne Europa wieder Krieg herrschte. Ich erzähle nicht, wie es früher war, noch zu meiner Schulzeit, als meine Klassenkameraden beim Austausch mit der Partnerschule in Lothringen Schwierigkeiten hatten, eine französische Gastfamilie zu finden, weil die Großeltern keinen Deutschen im Haus haben wollten, während ich als Einwandererkind überall gern aufgenommen wurde. Dass sie in Frankreich ungern gesehen werden, erschiene jungen Deutschen von heute doch sehr theoretisch.

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