http://www.faz.net/-gsf-728x5

Martin Walser : Das richtige Europa

  • Aktualisiert am

Martin Walser: Der Euro ist mehr als eine Währung Bild: dapd

Die Trennung eines Landes vom Euro? Ein Horrorszenario! Denn der Euro ist mehr als eine Währung. Er ist eine Sprache, die jeder versteht. So wie es einmal das Griechische war, dem die deutsche Sprache ihre schönsten Dichtungen verdankt.

          Jeden Abend werden wir unterhalten mit Meinungen zur Krise. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich den jeweiligen Experten daraufhin abhöre, ob er Europa (noch) will oder ob er uns zurücksteuern will in die eurolose Währungsvielfalt.

          Meine Zustimmung hat nur der, der die europäische Union auch als Währungseinheit will. Es gibt den Euro. Er ist mehr als eine Währung. Er ist ein Medium der Kommunikation beziehungsweise eine Sprache, die in Europa jeder versteht. Dass sich heute ein europäisches Land vom Euro trennen muss, zurückstürzen soll ins Devisenzeitalter, ein Spielball jeder Spekulation, ist ein Horrorszenario. Das muss nicht gedacht werden. Vor Jahren hat der Schweizer Konservative Christoph Blocher, die Schweiz betreffend, gesagt, eine Währungsunion ohne Fiskalunion könne nicht funktionieren. Das haben wir inzwischen am eigenen Finanz-Leib zu spüren bekommen. Zum Glück wurde die Währungsunion riskiert, ohne fiskalische Union. Die muss jetzt, nachträglich, geschaffen werden. Das ist eine praktisch lösbare Aufgabe, die nicht mit einer Vision gelöst wird, sondern mit einem Schritt für Schritt zu schaffenden Gesetzeswerk. Und dann fragt ein Experte groß, ob die Europäer wegen einer gemeinsamen Währung „ihre kulturellen Unterschiede einebnen“ sollten!

          Eine gemeinsame Währung und dann auch eine aufeinander abgestimmte Buchführung wird kulturelle und mentale Unterschiede so wenig einebnen, wie die jeweils kursierenden und dominierenden Fremdsprachen das getan haben. Europa hat, wie kein anderer Erdteil, eine hohe Tradition im grenzüberschreitenden Lernen und Verstehen. Wenn sich die Ökonomen um etwas keine Gedanken machen müssen, dann um die kulturellen Unterschiede. Die sind so alt, so stabil, dass da ruhig ökonomisch reguliert werden kann. Auf ein gemeinschaftliches Wirtschaften hin verantwortet zu werden, das ist das Ziel. Finanzmarktregulierung, das wollen doch jetzt alle. Und die EZB als anpassungsfähige Zentralinstanz. Das genügt.

          Der Garant meines Vertrauens

          Wir haben Jahrhunderte hinter uns, in denen sich gemeinsame Wertvorstellungen entwickelt haben. Der Euro war sozusagen fällig. Er ist nichts „Übergestülptes“. Mir imponiert keiner, der mir vorrechnen will, dass wir uns die Union nicht leisten könnten, weil ... Und dann folgt der reine Ökonomismus. Wenn schon am innerdeutschen Finanzausgleich herumgemäkelt wird, sieht man, dass Solidarität für Ökonomen ein Fremdwort ist.

          Das richtige Europa ist eine Lerngemeinschaft, gegründet auf Freiwilligkeit und Selbstbestimmung.
          Das richtige Europa ist eine Lerngemeinschaft, gegründet auf Freiwilligkeit und Selbstbestimmung. : Bild: dpa

          Aber mir imponiert auch der nicht, der von uns „systemische“ Korrekturen verlangt, damit die da und dort entstandenen Schuldenlasten „vergemeinschaftet“ werden könnten. Ich will auch gleich sagen, dass von allen Ideenspendern bei mir keiner so viel Vertrauen geweckt hat wie Paul Kirchhof. Er kommt ohne die Vision einer neuen Superbehörde aus, die in die nationalen Wirtschaften hineinregieren darf. Er beschreibt die Rechtlosigkeit des pragmatischen Schuldenmachens und fordert Rückkehr zur Legalität. Die gibt es ja.

          Uns Zuschauern bleibt nichts anderes übrig, als den paradierenden Experten zuzustimmen oder das, was sie vorschlagen, abzulehnen. Ich gebe zu, der Garant meiner Vertrauens heißt - unspektakulär genug - Schäuble.

          Weitere Themen

          Alte Meister

          Altphilologie : Alte Meister

          Seine Begeisterung steckt an: Ein Frankfurter Altphilologe über die Freuden seines Fachs, das einen unerwarteten Aufschwung erfährt.

          Das Rating der wichtigsten Länder Video-Seite öffnen

          Für Europa : Das Rating der wichtigsten Länder

          Bunt ist die Rating-Welt. Die FAZ.NET-Karte zeigt von Grün bis Rot zu welchen Rating-Klassen die Staaten Europas gehören. Hier unser interaktiver Überblick.

          So funkelt dieses Land

          Kaiserin Michikos Lyrik : So funkelt dieses Land

          In Japan dichtet die Kaiserin persönlich. Michiko, die Gattin des Heisei-Tenno Akihito, ist seit ihrer Kindheit eine begeisterte Lyrikerin. Nun sind erstmals Gedichte von ihr ins Deutsche übersetzt worden.

          Auf gut Deutsch Video-Seite öffnen

          Uhren : Auf gut Deutsch

          Es müssen nicht immer Schweizer Uhren sein. 15 Beispiele für Zeitmesser Made in Germany.

          Topmeldungen

          SPD bewegt sich : Große Koalition für Schulz kein Tabu mehr

          Nun soll die SPD-Basis das letzte Wort über eine mögliche dritte große Koalition mit der Union haben. Dies kündigte SPD-Parteichef Martin Schulz an. Auch die Tolerierung einer von Merkel geführten Minderheitsregierung käme als Option in Frage.
          Bedroht? Eine Schwebfliege hat sich in Frankfurt auf einer Wiese im Stadtteil Bergen-Enkheim auf einer Blüte niedergelassen.

          Insektensterben : Professor schimpft gegen Öko-Hysterie

          Eine Studie über drastisches Insektensterben sorgte in den vergangenen Wochen für viel Aufregung. Jetzt teilt Statistiker Walter Krämer kräftig gegen die Macher aus – und schießt damit über das Ziel hinaus.

          Brief aus Istanbul : Erdogans Kampf gegen Amerika

          Der türkische Präsident und seine Partei AKP sind Meister darin, die Seiten zu wechseln. Nun umarmen sie Putin und verdammen die Vereinigten Staaten. Wieso? Weil dort ein für Erdogan gefährlicher Prozess beginnt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.