http://www.faz.net/-gsf-728x5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 20.08.2012, 16:50 Uhr

Martin Walser Das richtige Europa

Die Trennung eines Landes vom Euro? Ein Horrorszenario! Denn der Euro ist mehr als eine Währung. Er ist eine Sprache, die jeder versteht. So wie es einmal das Griechische war, dem die deutsche Sprache ihre schönsten Dichtungen verdankt.

© dapd Martin Walser: Der Euro ist mehr als eine Währung

Jeden Abend werden wir unterhalten mit Meinungen zur Krise. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich den jeweiligen Experten daraufhin abhöre, ob er Europa (noch) will oder ob er uns zurücksteuern will in die eurolose Währungsvielfalt.

Meine Zustimmung hat nur der, der die europäische Union auch als Währungseinheit will. Es gibt den Euro. Er ist mehr als eine Währung. Er ist ein Medium der Kommunikation beziehungsweise eine Sprache, die in Europa jeder versteht. Dass sich heute ein europäisches Land vom Euro trennen muss, zurückstürzen soll ins Devisenzeitalter, ein Spielball jeder Spekulation, ist ein Horrorszenario. Das muss nicht gedacht werden. Vor Jahren hat der Schweizer Konservative Christoph Blocher, die Schweiz betreffend, gesagt, eine Währungsunion ohne Fiskalunion könne nicht funktionieren. Das haben wir inzwischen am eigenen Finanz-Leib zu spüren bekommen. Zum Glück wurde die Währungsunion riskiert, ohne fiskalische Union. Die muss jetzt, nachträglich, geschaffen werden. Das ist eine praktisch lösbare Aufgabe, die nicht mit einer Vision gelöst wird, sondern mit einem Schritt für Schritt zu schaffenden Gesetzeswerk. Und dann fragt ein Experte groß, ob die Europäer wegen einer gemeinsamen Währung „ihre kulturellen Unterschiede einebnen“ sollten!

Mehr zum Thema

Eine gemeinsame Währung und dann auch eine aufeinander abgestimmte Buchführung wird kulturelle und mentale Unterschiede so wenig einebnen, wie die jeweils kursierenden und dominierenden Fremdsprachen das getan haben. Europa hat, wie kein anderer Erdteil, eine hohe Tradition im grenzüberschreitenden Lernen und Verstehen. Wenn sich die Ökonomen um etwas keine Gedanken machen müssen, dann um die kulturellen Unterschiede. Die sind so alt, so stabil, dass da ruhig ökonomisch reguliert werden kann. Auf ein gemeinschaftliches Wirtschaften hin verantwortet zu werden, das ist das Ziel. Finanzmarktregulierung, das wollen doch jetzt alle. Und die EZB als anpassungsfähige Zentralinstanz. Das genügt.

Der Garant meines Vertrauens

Wir haben Jahrhunderte hinter uns, in denen sich gemeinsame Wertvorstellungen entwickelt haben. Der Euro war sozusagen fällig. Er ist nichts „Übergestülptes“. Mir imponiert keiner, der mir vorrechnen will, dass wir uns die Union nicht leisten könnten, weil ... Und dann folgt der reine Ökonomismus. Wenn schon am innerdeutschen Finanzausgleich herumgemäkelt wird, sieht man, dass Solidarität für Ökonomen ein Fremdwort ist.

Neues Schuljahr in Hamburg © dpa Vergrößern Das richtige Europa ist eine Lerngemeinschaft, gegründet auf Freiwilligkeit und Selbstbestimmung.

Aber mir imponiert auch der nicht, der von uns „systemische“ Korrekturen verlangt, damit die da und dort entstandenen Schuldenlasten „vergemeinschaftet“ werden könnten. Ich will auch gleich sagen, dass von allen Ideenspendern bei mir keiner so viel Vertrauen geweckt hat wie Paul Kirchhof. Er kommt ohne die Vision einer neuen Superbehörde aus, die in die nationalen Wirtschaften hineinregieren darf. Er beschreibt die Rechtlosigkeit des pragmatischen Schuldenmachens und fordert Rückkehr zur Legalität. Die gibt es ja.

Uns Zuschauern bleibt nichts anderes übrig, als den paradierenden Experten zuzustimmen oder das, was sie vorschlagen, abzulehnen. Ich gebe zu, der Garant meiner Vertrauens heißt - unspektakulär genug - Schäuble.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Frankfurter Anthologie William Shakespeare. Sonett XX

Woran wollen wir den gewissen Unterschied zwischen Männlichem und Weiblichem immer so genau festmachen? Dieses Sonett von Shakespeare bringt mit rätselhaften Versen Klischees ins Wanken. Mehr Von Tobias Döring

22.04.2016, 16:53 Uhr | Feuilleton
Video Obama nimmt Europa in die Pflicht

Seinen voraussichtlich letzten Deutschland-Besuch als Präsident nutzt Barack Obama in Hannover, um die Europäer auf gemeinsame Projekte wie das Freihandelsabkommen TTIP einzuschwören - und um ein flammendes Plädoyer für den Zusammenhalt des Kontinents zu halten. Mehr

25.04.2016, 18:13 Uhr | Politik
Besuch im Flüchtlingslager Merkel macht Syrern kaum noch Hoffnung auf Deutschland

Sechs Stunden war die Kanzlerin im Grenzgebiet zu Syrien. Auf ihrem Kurztrip betonte Merkel, dass Flüchtlinge in der Türkei Hilfe erhalten sollen. Nur wenige würden noch nach Mitteleuropa kommen. Mehr Von Thomas Gutschker, Nizip

24.04.2016, 04:58 Uhr | Politik
Frankfurter Anthologie William Shakespeare: Sonett XX

Sonett XX von William Shakespeare, gelesen von Thomas Huber Mehr

22.04.2016, 16:52 Uhr | Feuilleton
Euro-Finanzminister Am 9. Mai ist das Griechenland-Treffen

Griechenland diskutiert mit seinen Geldgebern ein vorsorgliches Sparpaket für den Notfall. Auch Amerikas Finanzminister schaltet sich ein. Mehr

29.04.2016, 08:01 Uhr | Wirtschaft