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Martin Walser Das richtige Europa

Die Trennung eines Landes vom Euro? Ein Horrorszenario! Denn der Euro ist mehr als eine Währung. Er ist eine Sprache, die jeder versteht. So wie es einmal das Griechische war, dem die deutsche Sprache ihre schönsten Dichtungen verdankt.

© dapd Vergrößern Martin Walser: Der Euro ist mehr als eine Währung

Jeden Abend werden wir unterhalten mit Meinungen zur Krise. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich den jeweiligen Experten daraufhin abhöre, ob er Europa (noch) will oder ob er uns zurücksteuern will in die eurolose Währungsvielfalt.

Meine Zustimmung hat nur der, der die europäische Union auch als Währungseinheit will. Es gibt den Euro. Er ist mehr als eine Währung. Er ist ein Medium der Kommunikation beziehungsweise eine Sprache, die in Europa jeder versteht. Dass sich heute ein europäisches Land vom Euro trennen muss, zurückstürzen soll ins Devisenzeitalter, ein Spielball jeder Spekulation, ist ein Horrorszenario. Das muss nicht gedacht werden. Vor Jahren hat der Schweizer Konservative Christoph Blocher, die Schweiz betreffend, gesagt, eine Währungsunion ohne Fiskalunion könne nicht funktionieren. Das haben wir inzwischen am eigenen Finanz-Leib zu spüren bekommen. Zum Glück wurde die Währungsunion riskiert, ohne fiskalische Union. Die muss jetzt, nachträglich, geschaffen werden. Das ist eine praktisch lösbare Aufgabe, die nicht mit einer Vision gelöst wird, sondern mit einem Schritt für Schritt zu schaffenden Gesetzeswerk. Und dann fragt ein Experte groß, ob die Europäer wegen einer gemeinsamen Währung „ihre kulturellen Unterschiede einebnen“ sollten!

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Eine gemeinsame Währung und dann auch eine aufeinander abgestimmte Buchführung wird kulturelle und mentale Unterschiede so wenig einebnen, wie die jeweils kursierenden und dominierenden Fremdsprachen das getan haben. Europa hat, wie kein anderer Erdteil, eine hohe Tradition im grenzüberschreitenden Lernen und Verstehen. Wenn sich die Ökonomen um etwas keine Gedanken machen müssen, dann um die kulturellen Unterschiede. Die sind so alt, so stabil, dass da ruhig ökonomisch reguliert werden kann. Auf ein gemeinschaftliches Wirtschaften hin verantwortet zu werden, das ist das Ziel. Finanzmarktregulierung, das wollen doch jetzt alle. Und die EZB als anpassungsfähige Zentralinstanz. Das genügt.

Der Garant meines Vertrauens

Wir haben Jahrhunderte hinter uns, in denen sich gemeinsame Wertvorstellungen entwickelt haben. Der Euro war sozusagen fällig. Er ist nichts „Übergestülptes“. Mir imponiert keiner, der mir vorrechnen will, dass wir uns die Union nicht leisten könnten, weil ... Und dann folgt der reine Ökonomismus. Wenn schon am innerdeutschen Finanzausgleich herumgemäkelt wird, sieht man, dass Solidarität für Ökonomen ein Fremdwort ist.

Neues Schuljahr in Hamburg © dpa Vergrößern Das richtige Europa ist eine Lerngemeinschaft, gegründet auf Freiwilligkeit und Selbstbestimmung.

Aber mir imponiert auch der nicht, der von uns „systemische“ Korrekturen verlangt, damit die da und dort entstandenen Schuldenlasten „vergemeinschaftet“ werden könnten. Ich will auch gleich sagen, dass von allen Ideenspendern bei mir keiner so viel Vertrauen geweckt hat wie Paul Kirchhof. Er kommt ohne die Vision einer neuen Superbehörde aus, die in die nationalen Wirtschaften hineinregieren darf. Er beschreibt die Rechtlosigkeit des pragmatischen Schuldenmachens und fordert Rückkehr zur Legalität. Die gibt es ja.

Uns Zuschauern bleibt nichts anderes übrig, als den paradierenden Experten zuzustimmen oder das, was sie vorschlagen, abzulehnen. Ich gebe zu, der Garant meiner Vertrauens heißt - unspektakulär genug - Schäuble.

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Veröffentlicht: 20.08.2012, 16:50 Uhr