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Vision für die EU : Europa ist die Lösung

  • -Aktualisiert am

Bild: Franziska Gilli

Auf einem zerstrittenen, zaghaft gewordenen Kontinent brauchen wir eine mutige Vision unserer Staatengemeinschaft. Nur so können wir Europas Friedens- und Wohlstandsversprechen erneuern. Ein Gastbeitrag.

          Natürlich kann man aus der Geschichte lernen. Aber wann tut die Menschheit das schon? Uneinsichtigkeit, Sturheit, Herrsch- und Rachsucht gehören seit jeher zu den historisch gängigsten Währungen, zumal wenn diese in nationalistischen Noten ausgegeben werden. So besehen, ist die europäische Geschichte seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine geradezu wundersame Ausnahme.

          Eine frühe Ahnung dieses Wunders wehte durch die Aula der Universität in Zürich, einem der wenigen unzerstörten Flecken in Europa, im Herbst des Jahres 1946. Dort redete Winston S. Churchill am 19. September 1946 über die Zukunft Europas - und Europa hielt den Atem an. Mit der Wortgewalt eines zukünftigen Trägers des Nobelpreises für Literatur, der Churchill 1953 verliehen werden würde, sprach er an jenem Tag über den am Boden liegenden, weithin verwüsteten Kontinent. Dessen Zukunft könne nur in der vollständigen Überwindung der Vergangenheit liegen, im Blick nach vorn, in der Schaffung von „Vereinigten Staaten von Europa“.

          Die gemeinsame Zukunft neu entwerfen

          Ungeheuerlich klang das aus dem Mund jenes unbeugsamen Kriegspremiers, der von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg nichts anderes als die bedingungslose Kapitulation gefordert hatte und diese dann auch zu erzwingen half. Noch qualmten die Trümmer, der Schutt und die Asche, die Hitler-Deutschland überall in Europa hinterlassen hatte - und schon forderte der Unbeugsamste aller Nazi-Feinde das Unmögliche: die gleichfalls bedingungslose Versöhnung, den unbedingten Zusammenschluss der Todfeinde und Kriegsgegner von gestern zu einem vereinten Europa. Anders werde es keinen dauerhaften Frieden geben und sich die Vergangenheit in immer neuen Variationen wiederholen.

          Frank-Walter Steinmeier ist Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Sein Buch „Europa ist die Lösung - Churchills Vermächtnis“ erscheint am kommenden Montag, zum siebzigsten Jahrestag der Churchill-Rede an der Universität Zürich.
          Frank-Walter Steinmeier ist Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Sein Buch „Europa ist die Lösung - Churchills Vermächtnis“ erscheint am kommenden Montag, zum siebzigsten Jahrestag der Churchill-Rede an der Universität Zürich. : Bild: Reuters

          Siebzig Jahre später ist Europa in einer Lage, die zu Recht als Krise empfunden wird. Nach sieben Jahrzehnten, die unserem Kontinent - ausgehend von der Vision, die Churchill in seiner Rede formulierte - eine nie dagewesene Periode des Friedens und des wachsenden Wohlstands beschert haben, ist der Zusammenhalt Europas in Gefahr. Die scheinbare Unumkehrbarkeit des europäischen Einigungsprozesses ist an ihr Ende gelangt. In keinem der sich überschlagenden Krisenmomente der jüngsten Vergangenheit wurde das so schmerzhaft deutlich wie im Paukenschlag des „Brexit“, des Votums der Briten, die Europäische Union zu verlassen. Siebzig Jahre nachdem ein britischer Staatsmann den Völkern Europas zugerufen hatte, eine gemeinsame Zukunft zu entwerfen - ein Staatsmann übrigens, der die Briten nie als Teil dieses vereinigten Europas sah -, sind wir Europäer wiederum an einen Punkt gelangt, an dem wir unsere gemeinsame Zukunft neu entwerfen müssen - ohne die Briten. Auch, aber nicht nur deshalb lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und Churchills Rede neu zu lesen, einen Blick zu werfen auf die Parallelen wie auf die gewaltigen Unterschiede zwischen seiner Zeit und unserer.

          Die Verunsicherungen der Welt sind angekommen

          1946 und 2016 sind Wegscheiden für Europa. Damals wie heute blicken viele in Europa mit Verunsicherung und Ungewissheit in die Zukunft. Doch die Verunsicherung kommt, bildlich gesprochen, aus entgegengesetzten Fahrtrichtungen: Wo Churchill 1946 auf den Trümmern Europas, am Tiefpunkt der Zersplitterung, eine Vision der Vereinigung entwarf, da treten 2016, am scheinbaren Höhepunkt der Vereinigung, wieder Risse und drohende Zersplitterung in Europa hervor.

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